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«Habe in achteinhalb Jahren noch nie so viel Zeit mit meiner Freundin verbracht»: Was Passanten in St.Gallen gegen den November-Corona-Blues tun

Der November macht den Leuten ohnehin schon zu schaffen, nun schränkt Corona die Bevölkerung zusätzlich ein. Wir haben Passantinnen und Passanten in der St.Galler Altstadt gefragt, wie sie sich bei Laune halten. Spaziergänge, Musik machen, Wellness, Yoga – es könnte unterschiedlicher nicht sein. Aber da gibt es noch mehr.

Tabea Leitner
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Raymond Bursch (71), Speicher

Raymond Bursch (71), Speicher

Bild: tlf

«Mich demotiviert nicht der Regen, sondern die Menschen, die sich über das Wetter aufregen», sagt Raymond Bursch aus Speicher.

«Es tut mir gut, mich von jammernden Personen zurückzuziehen.»

Das verleitet den Rentner noch mehr dazu, in diesem Herbst in die Natur zu gehen. «Das Wichtigste ist, dass man sich mit der Natur arrangiert.»

Klar ist auch der 71-Jährige enttäuscht, wenn er eine Wanderung mit seiner Partnerin aufgrund der Witterung nicht antreten kann. Dann klammert sich Bursch an das englische Sprichwort «Never mind the weather as long as we are together» (deutsch: «Das Wetter spielt keine Rolle, solange wir zusammen sind»). Es sei diese Freiheit im Herzen, die ihm Zufriedenheit gebe.

«Mir fehlt der Kontakt mit Menschen»

Pascale Pfeuti aus St.Gallen empfindet den Herbst als ambivalent – einerseits sind da die bunten Farben, anderseits ist der Herbst der Vorbote für eine dunkle, lange Zeit. Die kommenden Monate werden für die Schauspielerin und Musikerin am Theater St.Gallen zusätzlich von beruflicher Ungewissheit und Sorgen um die Kulturszene geprägt sein.

Pascale Pfeuti (35), St.Gallen

Pascale Pfeuti (35), St.Gallen

Bild: tlf
«Mir fehlt der Kontakt mit Menschen in meiner Freizeit, weil wir uns im Theater an ein striktes Schutzkonzept halten und uns deshalb privat sehr zurückhalten müssen.»

Schon jetzt vermisst es die 35-Jährige, ihre Mitmenschen zu umarmen und mit Freunden auf dem Sofa zu sitzen. Trotzdem sei die Dankbarkeit gross, dass sie nach wie vor auf der Bühne stehen darf.

So zieht es Pascale Pfeuti vermehrt nach draussen. Für sie sei es wichtig, noch stärker als sonst etwas für das eigene Seelenheil zu tun, wie zum Beispiel in ihrer Wohnung zu musizieren.«Man soll sich durch Corona nicht blockiert fühlen, sondern die Situation als eine Herausforderung sehen, Hindernisse kreativ zu umgehen.»

Dankbar für die vermehrte Zweisamkeit

«In der Umgebung scheint die Stimmung ohnehin schon unten zu sein. Die Natur wirkt tot. Deshalb dauert es auch bei mir länger, bis ich gute Laune habe», sagt Gian-Luca Baumann.

Gian-Luca Baumann (25), Sennwald

Gian-Luca Baumann (25), Sennwald

Bild: tlf

Doch inwiefern unterscheidet sich der Herbst 2020 im Vergleich zu anderen Jahren? Für den Koch aus Sennwald ist die momentane Situation eine enorme Umstellung, weil alle Gruppenanlässe und Weihnachtsessen abgesagt werden und die Unsicherheit in der Gastronomie gross ist. Dennoch sei er dankbar für gewisse Veränderungen durch die Pandemie.

«Ich habe in achteinhalb Jahren Beziehung noch nie so viel Zeit mit meiner Freundin verbringen können wie jetzt. »

Der 25-Jährige findet, man solle es sich trotz allem gut gehen lassen und das Miteinander nicht vergessen. So kommt er mit seiner Freundin etwa gerade vom Wellnessen.

«Es ist einsamer als sonst»

«Ich bin eine Person, die den Kontakt zu den Mitmenschen sucht. Leider sind die Leute aus Angst vor Corona derzeit abweisender als sonst», sagt Hannah Campbell. Auch findet die gebürtige Solothurnerin aus St.Gallen, dass die verschlossene Mentalität der Schweizer Begegnungen ohnehin nicht erleichtere. Da man bewusst Abstand von Menschen suche, pflege man momentan hauptsächlich noch Kontakte im engsten Bekanntenkreis.

Hannah Campbell (26), St.Gallen

Hannah Campbell (26), St.Gallen

Bild: tlf
«Es ist einsamer als sonst. Dafür fragt man innerhalb der Familie häufiger und bewusster nach, wie es den anderen geht.»

Durch Covid-19 lerne man, vermehrt Eigeninitiative zu ergreifen, um sich selbst etwas Gutes zu tun. «Im Sommer war es einfacher, weil Kollegen oft gefragt haben, ob man am Abend noch eines trinken gehen möchte», sagt die Kollektionsassistentin von Akris.

So macht die 26-Jährige viele Spaziergänge und geniesst die herbstlichen Sonnenstrahlen. Ebenfalls habe sie Yoga in einer Gruppe für sich entdeckt. «Es ist wichtig, den Draht zur Aussenwelt nicht zu verlieren.»

«Ich spüre eine Wertschätzung für das, was wir haben»

Der Herbst ist Richard Mingers Lieblings-Jahreszeit. Doch auch der 38-Jährige sagt, dass er aufgrund des Respekts vor Ansteckungen zurückgezogener und nachdenklicher sei. Trotzdem könne ihm dies die Freude an dieser Jahreszeit nicht nehmen.

Richard Minger (38), St.Gallen

Richard Minger (38), St.Gallen

Bild: tlf
«Der November ist für mich nicht bedrückend. Ich bin froh, dass die Schweizer Corona-Schutzmassnahmen im Vergleich zu den Nachbarländern locker sind.»

Diese Freiheit nutzt der Eigenständige, um so viel wie möglich draussen aktiv zu sein. Die frische Luft in den Lungen zu spüren tue ihm gut.

Corona hat den St.Galler dazu inspiriert, mehr neue, menschenleere Orte zu erkunden, was er ohne die Lage wahrscheinlich nicht getan hätte. «Ich spüre eine Wertschätzung für das, was wir haben. Das macht mich gelassen.»