Guggeien-Höchst hat wieder eine Beiz: Ein Leomat-Aussendienstler betreibt einen Kiosk

Im April gaben die Pächter des Ausflugsrestaurants Guggeien-Höchst auf. Übergangsweise führt nun die Leomat AG einen Imbisskiosk.

Laura Widmer
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Kurt Blötzer hat die Lehre in der Gastrobranche gemacht. Mit 65 Jahren ist er nun zurück hinter dem Tresen.

Kurt Blötzer hat die Lehre in der Gastrobranche gemacht. Mit 65 Jahren ist er nun zurück hinter dem Tresen.

Bild: Michel Canonica

Die Aussicht vom Restaurant Guggeien-Höchst ist prächtig. Mit Blick auf den Bodensee thront es auf einer Anhöhe im Osten der Stadt. Spaziergängerinnen und Spaziergänger machen Rast unter mächtigen Kastanienbäumen, auf dem Spielplatz hat es sich eine Frau mit zwei kleinen Kindern gemütlich gemacht.

Das Restaurant Guggeien-Höchst selbst ist seit April geschlossen, durch die Fenster sieht man die mit Plastik abgedeckten Möbel. Ausflügler müssen trotzdem nicht durstig weiter. Die Leomat AG betreibt in den Sommermonaten übergangsweise die sogenannte «Waldschenke». Bei schönem Wetter hat diese von 10 bis 20 Uhr geöffnet. Neben dem Kiosk stehen ausserdem zwei Automaten mit Snacks und Getränken.

Das Konzept: Einer bedient alle

Kurt Blötzer führt den Imbisskiosk – alleine. Hilfe beim Aufräumen oder Bedienen der Gäste hat er nicht. Der 65-Jährige war bis zu seiner Pensionierung Aussendienstmitarbeiter bei Leomat, betreute Kunden und akquirierte neue Standplätze für Automaten.

Ganz aufzuhören kam für ihn nicht in Frage. Seit Anfang Jahr ist er noch in einem 50-Prozent-Pensum tätig. Erst als Aussendienstmitarbeiter, nun als Wirt. Als er angefragt wurde, diese Aufgabe zu übernehmen, musste Blötzer nicht lange überlegen. Er hat die Lehre in der Gastrobranche gemacht und kennt sich aus.

Spaziergänger, Velofahrer und ab und an Gäste von der Oberwaid

Eine ältere Frau bestellt einen Espresso und ein Glas Wasser, «ein Plastikbecher tut’s auch», fügt sie an. Sie sei häufig unterwegs. Wenn sie nicht nach Stein spaziert, dann zieht es sie in den Höchsterwald. Meistens dreht sie dann auch eine Runde auf dem nahe gelegenen Vitaparcours. «Es ist schön, das hier wieder offen ist.» Hauptsächlich Spaziergänger machen auf Guggeien-Höchst Pause, ebenso wie Velofahrer auf Tour oder Mütter mit Kindern, die in der Gegend wohnen. Auch Gäste aus dem Kurhotel Oberwaid habe es schon ins Ausflugsrestaurant verschlagen, erzählt Blötzer.

Der Blick von Guggeien-Höchst ist bezaubernd oder eben «butivoll».

Der Blick von Guggeien-Höchst ist bezaubernd oder eben «butivoll».

Bild: Michel Canonica

Auf dem Menu der «Waldschenke» stehen warme Snacks wie Schinken-Käse-Toast oder warme Mittagessen wie Rindergeschnetzeltes mit Spätzle. Das Ziel war es, den Betrieb mit so wenig Personal und Infrastruktur wie möglich auf die Beine zu stellen.

Alles ist darauf ausgelegt, dass eine Person alleine alle anfallenden Aufgaben übernehmen kann, ohne dass es zu Wartezeiten kommt. Einzig die Automaten werden täglich von anderen Mitarbeitern der Leomat AG kontrolliert und aufgefüllt.

Dank der Verpflegungsautomaten kommen Passanten auch bei Regen zu ihrem Kaffee und sogar Glace gibt’s aus der Maschine. Neben Klassikern wie Pralinato oder Rakete auch exotisches wie Flauder-Glace im Becher.

Viele Gäste staunen und freuen sich

Es sei bisher gut gelaufen, bilanziert Blötzer. «Viele Gäste sind erstaunt, aber erfreut, dass hier wieder etwas offen hat.» Sogar drei Leichenmahle habe er bisher ausgerichtet. Ein einfacher Apéro riche, natürlich im Freien. Das Wetter muss stimmen, eine Planung über ein Paar Tage hinaus ist fast unmöglich. Ob die «Waldschenke» offen hat, steht täglich auf der Website von Leomat.

Die Tische stehen weit auseinander, das coronakonforme Abstandhalten ist kein Problem. An jedem Platz ist ein QR-Code hinterlegt, um das Erfassen der Kontaktdaten zu ermöglichen. Auch die Menukarte ist auf dem Handy abrufbar, was zusätzlich Kontakte verhindert.

Die Tische stehen schattig und weit auseinander.

Die Tische stehen schattig und weit auseinander.

Bild: Michel Canonica

Blötzer hat nur noch frei, wenn es regnet

Kurt Blötzer hat jetzt nur noch frei, wenn das Wetter nicht stimmt. «Das ist schon etwas ein Beziehungskiller», sagt er. Trotzdem schätzt er die Selbstständigkeit, die ihm sein neuer Job auf Zeit bietet. Manchmal nehme auch er sich die Zeit und geniesse mit einem Kaffee die Aussicht.

Die Leomat AG stellt Automaten für Kaffee und Verpflegung her. Die Firma aus Tübach führt aber auch Kantinen und ist für die Betriebsverpflegung in Firmen besorgt. «Das ist das erste Mal, dass wir einen solchen Betrieb für die Öffentlichkeit führen», sagt Geschäftsführer Daniel Büchel. Es sei schade, wenn ein so schöner Platz im Sommer nicht genutzt werde.

«Ein reguläres Restaurant können wir nicht betreiben, unser Kerngeschäft ist die automatische Verpflegung.»

Wie lange die «Waldschenke» in diesem Jahr offen bleibt, ist abhängig vom Wetter. So wie es bisher gelaufen ist, sei man zufrieden, bekräftigen sowohl Blötzer als auch Büchel. «Es würde nicht funktionieren, wenn wir sieben Tage in der Woche offen hätten», sagt Geschäftsführer Büchel. «Wir betreiben die ‹Waldschenke› als Schönwetterbetrieb.»

Offen halten wollen sie bis Ende der «Olma-Woche» im Oktober. Entscheidend sei jedoch die Auslastung. Die Betreiber sind spontan: Die «Waldschenke» kann innerhalb Wochenfrist, ohne grosse Aufwände wieder abgeräumt werden, die Automaten könnten auch danach stehen bleiben.

Das Restaurant steht derzeit zum Verkauf

Der vorherige Pächter des «Guggeien-Höchst» zog sich im März zurück. Schuld waren nicht allein die Auflagen wegen der Coronakrise.

Die «Waldschenke» ist nur eine Übergangslösung, das betonen alle Beteiligten. Die Eigentümer der Lerom Liegenschaften AG suchen nach neuen Pächtern, die das Restaurant betreiben wollen – oder sogar nach einem Käufer für die Liegenschaft.

Das Interesse am Ausflugsrestaurant Guggeien-Höchst ist gross.

Das Interesse am Ausflugsrestaurant Guggeien-Höchst ist gross.

Bild: Michel Canonica

«Das Interesse am Restaurant ist relativ gross, trotz der aktuellen Situation», sagt Dimitry Schneider von Lerom. Seit das Restaurant leer steht, habe es einige Anfragen gegeben. Sowohl für die Pacht als auch für den Kauf geben es Interessenten. Das imposante Restaurant weckt Sehnsüchte, bisher haben sich Leute aus der Gastronomie gemeldet, ebenso wie Leute, die gerne in der Gastronomie Fuss fassen möchten. Schneider sagt: «Wir sind mit zwei, drei Interessenten in Verhandlungen, spruchreif ist aber noch nichts.»