Es ist Wahlkampf: Die Grünliberalen der Stadt St.Gallen überholen mit Veloregime
am Platztor sogar die Planer des Kantons

Das Projekt ist wichtig für die Region und die Stadt St.Gallen: der HSG-Campus am Rand der Altstadt und die Verkehrsführung dort. Daraus macht die GLP Wahlkampf. Beim Kanton ist man erstaunt ob des Tempos.

Daniel Wirth
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Auf dem Areal mit der Offenen Kirche mit dem grossen Graffito wird der HSG-Campus Platztor gebaut.

Auf dem Areal mit der Offenen Kirche mit dem grossen Graffito wird der HSG-Campus Platztor gebaut.

Bild: Urs Bucher (28.August 2018)

Die Grünliberalen der Stadt St.Gallen haben den Verkehrsknoten Platztor als Wahlkampfthema entdeckt. In einem Communiqué teilt die GLP-Arbeitsgruppe Umwelt und Verkehr mit, der Kanton habe kürzlich die Projektierungsarbeiten für den Umbau der Platztorkreuzung vergeben – und sie schreibt von einer «Fehlplanung».

Die Chance für eine echte Anbindung des geplanten Campus Platztor der Universität an die Altstadt und den öffentlichen Verkehr sei vertan. Auch die vorgesehenen Massnahmen für den Veloverkehr an dieser wichtigen Strassenverzweigung überzeugten nicht, kritisieren die Grünliberalen.

Erreichbarkeit für Fussgänger sei wichtig

Der Verzicht auf eine Bushaltestelle sei nachvollziehbar, da die Gehdistanz zum Marktplatz kürzer sei als der Weg zur Bushaltestelle Universität auf dem Rosenberg. Doch gerade dieser Umstand zeige, so die Grünliberalen, wie wichtig die Erreichbarkeit für Fussgänger sei. Immerhin werde mit 3000 Studenten und Dozenten gerechnet im HSG-Campus Platztor .

Statt den Campus und den Zugang ganzheitlich zu betrachten, wie das in anderen grossen Städten der Fall sei, verhalte sich der Kanton St.Gallen provinziell und gestalte die Umgebung, bevor ein Projekt für den Campus vorliege. Die Dimensionierung der Unterführung werde ihrer künftigen Bedeutung nicht gerecht.

Markus Tofalo, Leiter der GLP-Arbeitsgruppe Umwelt und Verkehr und Kandidat fürs Stadtparlament, sagt:

«Man stelle sich vor, eine Universität von Weltruf soll durch einen nicht einladenden schmalen Stollen erschlossen werden.»

Auch mit den Velospuren ist die GLP nicht zufrieden

Ganz und gar nicht zufrieden ist die GLP mit der angeblich geplanten Führung des Velo- und Langsamverkehrs auf der Platztorverzweigung. Nach Plänen von 2016 sollen Velofahrer auf dem Platztorknoten von der St.-Jakob-Strasse her stadteinwärts auf dem Trottoir fahren und über einen Fussgängerübergang Richtung Torstrasse und Goliathgasse geleitet werden.

Hier sieht Tofalo wegen der langen Aufenthaltsdauer vor dem Rotlicht ein Problem. Er sagt:

«Velofahrer sollten nicht gleich behandelt werden wie Fussgänger.»

Tofalo begründet das mit den unterschiedlichen Tempi. In diesem Zusammenhang fordern die Grünliberalen einen «klaren Paradigmenwechsel». Velofahrer seien im Strassenverkehr gleichberechtigt zu behandeln, ihre Wege und Wartezeiten vor Ampeln dürften nicht länger sein als diejenigen der Autofahrer.

Markus Tofalo leitet die Arbeitsgruppe Umwelt und Verkehr.

Markus Tofalo leitet die Arbeitsgruppe Umwelt und Verkehr.

Matthew Worden

Kurz: Ein echter Mehrwert sei beim Totalumbau der Platztorverzweigung nicht zu erkennen. Der Umbau werde ein teurer Flop, kritisieren die Grünliberalen.

VCS-Präsident und SP-Kantonsrat Ruedi Blumer sagt, die Platztorverzweigung sei für Velofahrer ein wichtiger Knotenpunkt in der Stadt St.Gallen. Die Forderung der Grünliberalen nach einer separaten Velospur von der St.-Jakob-Strasse Richtung Altstadt könne er nachvollziehen, sagt Ruedi Blumer.

Die Planer des Tiefbauamts sind noch gar nicht so weit

Beim Tiefbauamt des Kantons St.Gallen ist man etwas überrascht, um nicht zu sagen, leicht irritiert, ob der Kritik der Grünliberalen. Man habe zwar unlängst Ingenieurarbeiten ausgeschrieben, das sei richtig, aber es bestehe nicht einmal ein Vorprojekt für die Verkehrsführung beim Platztor, sagt Projektleiter Wolfgang Seez.

In Zusammenhang mit der Ausschreibung des Architekturwettbewerbs für den neuen HSG-Campus seien schon vor Jahren die verkehrstechnischen Begebenheiten als Grundlage aufgezeichnet worden. Mehr nicht. Die Auftaktsitzung mit den Planern sei erst im September, sagt Seez. Er könne keine Stellung nehmen zur Kritik der Grünliberalen.

Der Projektleiter des Kantons betont, es werde mit Sicherheit keine Unterführung geplant, bevor man wisse, wie das Siegerprojekt aus dem Wettbewerb aussehe. Es sei gut möglich, dass die unterirdische Passage von der Altstadt direkt in den Campus führe und ein Teil des Universitätsgebäudes beim Platztor werde. Das sei heute alles noch offen.

Aktuelle Pläne, wie die Velofahrer über die Platztorverzweigung geführt werden, gibt es demnach ebenfalls noch nicht.

HSG-Campus am Platztor soll 2027 den Betrieb aufnehmen

Die Universität St. Gallen (HSG) platzt aus allen Nähten. Der Campus auf dem Rosenberg ist für 5000 Studierende konzipiert; gegenwärtig sind über 8000 Studentinnen und Studenten eingeschrieben.

Am 30. Juni vergangenen Jahres sagten die Stimmberechtigten des Kantons St. Gallen Ja zu einem 160-Millionen-Kredit für den Bau eines Campus am Platztor am Rand der Altstadt. Der Ja-Stimmen-Anteil lag bei 63 Prozent, die Stimmbeteiligung betrug 26 Prozent. Gegenwärtig läuft der Architekturwettbewerb; das Siegerprojekt wurde von der Jury noch nicht erkoren.

Das Platztor ist ein stark frequentierter Verkehrsknoten.

Das Platztor ist ein stark frequentierter Verkehrsknoten.

Hanspeter Schiess

Im Jahr 2024 soll mit den Bauarbeiten begonnen werden. Diese dauern voraussichtlich drei Jahre. 2027 soll der Campus Platztor eröffnet werden. Rund 3000 Studierende und Dozierende sollen darin Platz finden. Die totalen Kosten werden auf rund 200 Millionen Franken geschätzt.

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