Reportage

Grosse Züglete im St.Galler Alters- und Pflegeheim: 81 Betagte müssen ihre Sachen packen

Die Bewohner des Marthaheims und des Josefshauses beziehen den Neubau auf dem Kreuzacker. Die einen voller Vorfreude, die anderen mit gemischten Gefühlen.

Christina Weder
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Bewohner Werner Steiner räumt sein Zimmer und packt seine Habseligkeiten: Er ist bereit für den Umzug.

Bewohner Werner Steiner räumt sein Zimmer und packt seine Habseligkeiten: Er ist bereit für den Umzug.

Benjamin Manser

Wer ins Altersheim zieht, rechnet nicht damit, nochmals umzuziehen. Auch Werner Steiner hätte nicht damit gerechnet, als er vor viereinhalb Jahren ins Betagtenheim Marthaheim zog. Nun steht der 73-Jährige in seinem Zimmer und packt seine persönlichen Sachen in Plastikboxen und Einkaufstaschen. Ein geblümter Vorhang hängt am Fenster; der Fernseher läuft, auf dem Bildschirm flimmert eine Teletext-Seite. Der Kleiderschrank ist fast leer. «Nur das Lavabo-Schränkli und den Tisch muss ich noch aufräumen.» Werner Steiner ist bereit für den Umzug. Und er freut sich darauf.

Steiner muss umziehen – wie auch seine 42 Mitbewohner des Marthaheims, zwei Katzen, zwei Heim-Wellensittiche und ein Meerschweinchen. Für sie sind die dritte und vierte Etage im modernen Neubau reserviert, den die Gemeinnützige und Hilfsgesellschaft St.Gallen (GHG) hinter der Villa Jacob auf dem Kreuzacker gebaut hat. Auf der fünften und sechsten Etage werden eine Woche später 40 der 70 Bewohner des Alterszentrums Josefshaus einziehen. Im neuen Pflegezentrum gibt es 78 Zimmer, drei davon mit Doppelbelegung.

Ein Stockwerk nach dem anderen wird geräumt

Der Umzug ist eine logistische Herausforderung. Vor dem Marthaheim stehen ein Zügelwagen, mehrere Kleinbusse und ein Kranwagen, der gerade ein Pflegebett aus einem Fenster hievt. 180 Kilogramm wiegt es.

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Bild: Benjamin Manser

Auch Rollatoren, Hebegeräte für Patienten, Medikamente, Bürotische, Küchenmaschinen und -utensilien müssen den Standort wechseln. Vor dem Eingang stapeln sich Wolldecken, in die Möbel eingepackt werden. Die Bewohnerinnen und Bewohner verlassen ihr altes Zuhause stockwerkweise. Gestern waren die ersten elf Betagten an der Reihe, heute folgen die nächsten und morgen die letzten Bewohner. Heimleiter Dorji Tsering sagt:

«Bis Donnerstagnachmittag ist
das Haus leer.»

Wie die Bewohner auf den Umzug reagieren, sei für ihn die grösste Herausforderung. Das Marthaheim ist kein gewöhnliches Alters- und Pflegeheim. Es nimmt Seniorinnen und Senioren auf, die am Rande der Gesellschaft stehen. Viele sind aufgrund einer psychischen Erkrankung oder Suchtproblematik schneller gealtert und früher pflegebedürftig geworden. Die Jüngsten treten im Alter zwischen 50 und 60 Jahren ins Heim ein.

Ankunft auf dem Kreuzacker: Die Zügelmänner laden Möbel und schwere Gegenstände aus.

Ankunft auf dem Kreuzacker: Die Zügelmänner laden Möbel und schwere Gegenstände aus.

Benjamin Manser

Die Bewohner hätten gemischte Gefühle, was den Umzug angehe, sagt Caroline Mattle, Leiterin Hauswirtschaft. Am Anfang seien sie skeptisch gewesen. Kurz vor Weihnachten konnten sie dann ihre neuen Zimmer ein erstes Mal besichtigen. Derzeit tun sich noch drei von 43 Bewohnern schwer mit dem Umzug. Vor knapp einer Woche verkündete eine Frau auf einmal, sie gehe auf die Strasse und zügle nicht mit. Unterdessen habe sie sich wieder beruhigt.

Die Vorfreude aufs eigene Badezimmer

Die Pensionäre haben 200 Plastikboxen gepackt. Die meisten besitzen nur wenige eigene Möbel. Doch fast jeder hat ein Lieblingsstück: einen Sessel, ein Sofa, ein paar Bilder. Die 65-jährige Isabelle Häberle hat sich nach dem Mittagessen ins Bett gelegt. «Ich habe fast zu viele Sachen.» Sie lässt den Blick über die gestapelten Boxen, Kisten und einen Kleiderständer in ihrem Zimmer schweifen und seufzt:

«Das wird eine Katastrophe, wenn ich am neuen Ort alles wieder auspacken muss.»

Trotzdem freut sie sich aufs neue Zimmer. Bestimmt werde es schöner. Besonders gefällt ihr, endlich eine eigene Dusche und ein eigenes WC zu haben. Darauf musste sie bis jetzt verzichten. Denn im Marthaheim haben die meisten Zimmer kein eigenes Bad. Die sanitären Anlagen sind veraltet, die Infrastruktur ist in die Jahre gekommen. Ein Bettenlift fehlt. Das Raucherzimmer befindet sich in einem Container auf dem Dach. Im ganzen Haus fehlt der Platz. Ein Umzug ist deshalb seit bald zwanzig Jahren ein Thema. Nun ist es so weit.

«Wir mussten zu dieser Jahreszeit mit Schnee oder Regen rechnen», sagt Heimleiter Tsering. Doch nun herrscht prächtiges Zügelwetter. Bis jetzt läuft alles rund. Die Bewohner haben an den Umzugstagen eine 1:1-Betreuung. Jeder einzelne hat einen freiwilligen Helfer oder eine Helferin zugeteilt bekommen. Insgesamt helfen rund 30 Freiwillige beim Ein- und Auspacken der Umzugskisten mit.

Von der Kapelle über die Pediküre bis zum Raucherraum

Dennoch sei ihr wichtig, keine Hektik aufkommen zu lassen, sagt Caroline Mattle. Die Pensionäre sollen nicht lange zwischen Kisten und Schachteln leben und sich schnell im neuen Zimmer zurechtfinden. Sie bräuchten in diesen Tagen mehr Betreuung als sonst. Viele seien verunsichert und hätten Bedenken, dass sie sich im Neubau verlieren. Dort sind die Verhältnisse viel grosszügiger, als sie es gewohnt sind.

Sie gehört zu den ersten Bewohnern des Neubaus: Irina Worni braucht zwei Tage Zeit zum Einrichten.

Sie gehört zu den ersten Bewohnern des Neubaus: Irina Worni braucht zwei Tage Zeit zum Einrichten.

Benjamin Manser

Das neue Pflegezentrum – Haus Röteli genannt – wirkt wie ein modernes Hotel. Es gibt eine Pediküre, einen Coiffeursalon, eine Kapelle, einen Raucherraum und einen grossen Speisesaal mit Terrasse. Die ersten sieben Bewohnerinnen sind gestern Mittag angekommen. Die 58-jährige Maria Jöhl, die drei Jahre im Marthaheim gewohnt hat, sitzt erschöpft im neuen Speisesaal. «Der Umzug war streng», sagt sie. Doch schlafen könne sie jetzt nicht: Sie sei zu aufgeregt. Im neuen Zimmer stehen ein Nachttisch, ein Bett, ein Fernseher, ein Einbauschrank. Wichtig ist Jöhl die Kiste mit den Büchern und den Kriminalromanen von John Grisham. Nun wartet sie darauf, dass die Zügelmänner ihr Bücherregal aufbauen. Durch die Fenster scheint die Sonne. «Es gefällt mir recht gut», sagt sie. Doch sie habe noch Mühe mit der Orientierung und müsse sich an die neue Umgebung gewöhnen.

Ein Stockwerk höher räumt Irina Worni ihre Sachen ein. Für sie, die erst seit kurzem im Heim wohnt, ist es der zweite Umzug innert weniger Monate. «Ein Stress», sagt sie, «ich musste sehr viel einpacken» – all die Fotoalben und Souvenirs, die sie von ihren Reisen mitgebracht hat. Der erste Eindruck sei gut. Doch nun brauche sie zwei Tage Zeit zum Einrichten. «Dann wird es hier aussehen wie in einem gemütlichen Wohnzimmer.»