Grosse Baupläne
800 Wohnungen bauen, Reiche anlocken und Steuerfuss senken: So will die Gemeinde Wittenbach ihr schlechtes Image abstreifen

Die Gemeinde Wittenbach will in den nächsten 20 Jahren 800 Wohnungen für Gutbetuchte bauen. Sie erhofft sich davon Steuermehreinnahmen von drei bis fünf Millionen Franken im Jahr. In der Bevölkerung regt sich Widerstand. Manche sagen: «Es ist Wunschdenken, dass plötzlich lauter schöne, reiche Menschen nach Wittenbach ziehen, nur weil die Gemeinde ein paar Wohnungen baut.»

Melissa Müller
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Parzelle Neuhuus: Die Wiese am Dorfhügel unterhalb der alten Schulhäuser und des Friedhofs soll überbaut werden.

Parzelle Neuhuus: Die Wiese am Dorfhügel unterhalb der alten Schulhäuser und des Friedhofs soll überbaut werden.

Bild: Tobias Garcia

«Seit meiner Jugend sind in Wittenbach schon wahnsinnig viele Wiesen verbaut worden – und jetzt wollen sie so weiter machen», sagt ein 60-jähriger Wittenbacher und schüttelt verständnislos den Kopf. 50 Frauen und Männer haben sich Dienstagabend im OZ Grünau eingefunden, um sich über die neue Liegenschaftsstrategie der Gemeinde zu informieren. «Wir wollen Ihnen die nächsten 20 Jahre vorhersagen», verspricht der externe Berater und Architekt Boris Zigawe aus Zürich.

Coach Boris Zigawe berät die Gemeinde Wittenbach.

Coach Boris Zigawe berät die Gemeinde Wittenbach.

Bild: PD

Im Namen der Liegenschaftskommission erklärt er die Beweggründe und Pläne der Gemeinde:

  • Der Hintergrund: Die Schweiz wächst jährlich um 70'000 bis 80'000 Personen. Auch die Gemeinde Wittenbach muss in den nächsten Jahren wachsen – das schreibt der Kanton vor. Der kantonale Richtplan will das erwartete Bevölkerungswachstum in den städtischen Raum lenken. Damit will man die Zersiedelung bremsen. Der Kanton definiert Wittenbach laut dem Gemeindeblatt «Puls» als «urbanen Verdichtungsraum». Das heisst, der Gemeinde wird rein rechnerisch mehr vom Wachstum zugewiesen als etwa Häggenschwil oder Muolen. Ländliche Gebiete sollen geschont werden.
  • Die Folgen: Wittenbach, das heute rund 9776 Einwohnerinnen und Einwohner zählt, soll bis 2040 um 1800 Personen wachsen. Etliche Flächen sollen überbaut werden. Der Kanton spricht von maximal 18,7 Hektaren Land. Der Wittenbacher Gemeinderat will das Beste daraus machen und das Bevölkerungswachstum auf gute Steuerzahlerinnen und Steuerzahler lenken.
  • Das Problem: Wittenbach hat ein schlechtes Image: Das Dorf wird als verkehrsüberlasteter Durchgangsort wahrgenommen. Es ist steuerlich unattraktiv (Steuerfuss: 133 Prozent), liegt bei der Steuerkraft auf Rang 53 der 77 St.Galler Gemeinden. 44,4 Prozent der Bevölkerung gehören zur unteren Einkommensgruppe. Die Bevölkerung ist überaltert; ein Trend, der sich in den kommenden Jahren noch fortsetzen wird.
  • Das Ziel: Die Gemeinde peilt einen Imagewandel an. Sie will in den nächsten 25 Jahren als Wohnort interessanter werden und vermögende Einwohnerinnen und Einwohner anlocken. Dadurch soll der Steuerfuss sinken. 
  • Der Plan: Die Liegenschaftenkommission hat die 46 Grundstücke der Gemeinde geprüft und geschaut: Wo gibt’s Entwicklungspotenzial? Unbebaute Parzellen finden sich etwa in den Gebieten Böhl, Dottenwil, Neuhus und Obstgarten. Auch öffentliche Parkplätze sollen mit Häusern bebaut werden. Innerhalb der nächsten 20 Jahre sollen in Wittenbach 800 neue Wohnungen entstehen – rund 500 Mietwohnungen und 300 Eigentumswohnungen. Der Gemeinderat erhofft sich ein Mehr an Steuereinnahmen von drei bis fünf Millionen Franken im Jahr. Trotzdem werde man keine neuen Schulen bauen müssen.

Die Gemeinde wolle «nicht relevante Kleingrundstücke» verkaufen, etwa das Bord beim Bahnhofareal, Land bei Bächi, Wiesen, Parkplatz Post und an der Weidstrasse, sagt Boris Zigawe. Bei der Vergabe der neuen Wohnungen laute die Prämisse «Wittenbacher first». Ziel sei, dass ältere Hausbesitzer ihre Häuser freigeben für die nächste Generation und in altersgerechte Eigentumswohnungen umziehen.

An der Infoveranstaltung ist zwei Stunden lang nur von Steuerzahlern, Hausbesitzern, Wittenbachern und Bürgern die Rede. Nicht ein Wort über die Wittenbacherinnen, obwohl die Hälfte im Publikum Frauen sind.

Eine Wittenbacherin ergreift das Wort: Sie macht sich Sorgen um das Verschwinden der öffentlichen Parkplätze.

Eine Wittenbacherin ergreift das Wort: Sie macht sich Sorgen um das Verschwinden der öffentlichen Parkplätze.

Bild: mem

Nach der Power-Point-Präsentation nehmen die Gemeinderäte Benjamin Gautschi und Thomas Meister sowie Daniel Worni, Leiter Bau- und Infrastruktur der Bauverwaltung, Stellung zu Fragen aus dem Publikum. Einer meint: «Wie soll Wittenbach attraktiver werden, wenn man immer mehr Böden versiegelt?»

Gemeinderat Benjamin Gautschi präsidiert die Liegenschaftskommission.

Gemeinderat Benjamin Gautschi präsidiert die Liegenschaftskommission.

Bild: PD

Gemeinderat Gautschi weist darauf hin, dass etwa die grosse Wiese im Gebiet Neuhuus aktuell nur landschaftlich genutzt werde. Die Biodiversität sei beschränkt, der Boden überdüngt. «Wenn wir dort unsere Liegenschaften bauen, wird es mit der umliegenden Bepflanzung mehr Artenvielfalt geben.» Da liege ökologisch und ökonomisch mehr drin.

Ein Bewohner steht auf und wehrt sich: «Das ist eine Anmassung. Natürlich kann man diese Wiese aufwerten und einen Park daraus machen.» Dass man baut in der Hoffnung, gute Steuerzahler anzulocken – solche Geschichten habe man in der Vergangenheit schon zu oft gehört. «Es wurde viel verbaut, und nichts ist passiert.»

Da hätten Private gebaut, kontert Gemeinderat Meister. «Jetzt können wir als Gemeinde einen aktiven Beitrag leisten. Wir werden eine signifikante Verbesserung herbeiführen. Stillstand wäre der Tod.»

Die Gemeinde will die Parzelle Neuhuus am Südhang des Dorfhügels überbauen – manche Wittenbacherinnen und Wittenbacher sähen hier lieber einen Park.

Die Gemeinde will die Parzelle Neuhuus am Südhang des Dorfhügels überbauen – manche Wittenbacherinnen und Wittenbacher sähen hier lieber einen Park.

Bild: Tobias Garcia

Ein Mann aus dem Publikum stärkt den Politikern den Rücken: «Ich finde es gut, dass der Gemeinderat Bodenpolitik betreiben will.» Eine Frau bezweifelt hingegen, dass Gutbetuchte nach Wittenbach ziehen wollen.

«Gutverdienende wollen Säntissicht. Nicht den Blick auf die laute Romanshornerstrasse.»

Ob man den Steuerfuss nicht auf anderen Wegen senken könnte? Applaus aus dem Publikum. «Wir haben attraktive Grundstücke, die sich sehr gut eignen», sagt Meister und verweist auf einen kürzlich gebauten Block, bei dem alle Wohnungen auf Anhieb verkauft wurden. «Die Nachfrage ist da.»

Gemeinderat Thomas Meister.

Gemeinderat Thomas Meister.

Bild: Ralph Ribi

Beim anschliessenden Apéro bemerkt einer bei einem Glas Dottenwiler Rosé:

«Es ist Wunschdenken, dass plötzlich lauter schöne, reiche Menschen nach Wittenbach ziehen, nur weil die Gemeinde ein paar Wohnungen baut.»

Die Gemeinde ist bereits daran, den Boden zu bereiten für das Grundstück Böhl, und will im Herbst darüber informieren. Am 7. November findet ein Informationsabend über die Zukunft des Bahnhofareals statt. Man habe bereits einige Interessensbekundungen für die auf Gemeindeland vorgesehenen Wohnungen erhalten.