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Nackte Tatsachen an der HSG: Studenten projizieren im Rahmen eines Kunstprojektes Pornobilder an die Wand

Zur Kunstsammlung der Universität St. Gallen gehört seit neuestem eine Granate. Sie explodiert nicht, birgt aber dennoch Zündstoff. Manchmal wirft sie nämlich Nacktbilder an die Wand.
Roger Berhalter
Wer am Tag der Maturanden an der HSG war, bekam teils Pornobilder zu sehen. (Archiv/Ralph Ribi)

Wer am Tag der Maturanden an der HSG war, bekam teils Pornobilder zu sehen. (Archiv/Ralph Ribi)

Das Problem waren die Pornobilder. Dafür war die Granate nun wirklich nicht gedacht. Der Neuseeländer Julian Oliver hatte seine «Transparenz-Granate» mit einer ganz anderen Absicht an der Universität St. Gallen aufgestellt. Der renommierte Digital-Künstler möchte mit seinem Werk zeigen, wie gläsern wir Bürger geworden sind, wie wenig wir über unsere Smartphones wissen und wie blind wir ihnen dennoch vertrauen. «Wir leben in einem Zeitalter, in dem Kinder besser über unser Sonnensystem oder über das Innenleben einer Blume Bescheid wissen, als über die Funktionsweise von E-Mail, SMS und Internet», schreibt Oliver per Mail aus Berlin. Die Granate, so seine Idee, soll ein gesundes Misstrauen wecken gegenüber den vielen undurchschaubaren «Black Boxes» in unserer zunehmend technisierten Lebenswelt.

Die Granate des Künstlers Julian Oliver saugt Daten von Smartphones ab und projiziert sie an eine Wand. (Bild: PD)

Die Granate des Künstlers Julian Oliver saugt Daten von Smartphones ab und projiziert sie an eine Wand. (Bild: PD)

Texte, Fotos, WWW-Adressen

Konkret geht das so: Die Transparenz-Granate ist bestückt mit einem Mini-Computer, einem Mikrofon und einer Wireless-Antenne. Damit verschafft sich die Granate Zugriff auf alle Smartphones und Laptops in ihrer Reichweite und saugt unverschlüsselte Daten ab: Bilder, Texte und WWW-Adressen, aber auch Metadaten wie Geräte-Adressen und Netzwerk-Namen – alles, was Smartphones im Alltag senden und empfangen. Darf man das? Oliver antwortet mit einer Gegenfrage: «Wenn die Luft, die wir atmen, als öffentlich gilt, warum dann nicht auch das, was in ihr übertragen wird?»

Die Transparenz-Granate der HSG steht in einer Vitrine am Eingang zur Mensa. Ein Beamer im Sockel projiziert laufend Textzeilen an die Wand. Steht man in der Nähe und ruft mit dem Smartphone unverschlüsselte Seiten wie 20min.ch auf, geraten die Zahlen und Buchstaben in Bewegung. Nachrichten tauchen auf, im Sekundentakt erscheinen Fotos von der Webseite – die Granate hat sie erfolgreich abgefangen. Ebenso hat sie einen Buchstaben- und Zahlensalat vom Handy gesaugt, den der Nutzer normalerweise nicht zu sehen bekommt. «Die Transparenz-Granate öffnet ein Fenster zur verborgenen Welt hinter dem Browser, hinter den App-Icons und der Software von Smartphones, Laptops oder Tablets», erklärt Oliver.

Kantischüler machten grosse Augen

Aber die Granate lässt sich auch missbrauchen und zum Beispiel eben mit Porno-Bildern füttern. Genau dies taten einige Studenten –just am Tag der Maturanden, als neugierige Gymnasiasten zum ersten Mal die HSG erkundeten. Als sie an der Granate vorbeispazierten, waren dort Nacktbilder an die Wand projiziert. Schliesslich musste der Transparenz-Granate der Stecker gezogen werden, und die Unileitung schaltete sich ein. Nackte Tatsachen im HSG-Gebäude? Das war dann doch etwas zu viel Transparenz.

«Wir wollen nicht zensieren», sagt Yvette Sánchez, Präsidentin der HSG-Kunstkommission. Aber die Universität sei kein Kunstmuseum, sondern eine öffentliche Bildungseinrichtung. «Es geht nicht, dass die Granate dazu missbraucht wird, Nacktbilder zu zeigen sowie Mobbing, Produktplatzierung oder Propaganda zu betreiben.»

Der Künstler musste seine Granate umprogrammieren. Mehrfach reiste Julian Oliver mit dem Gerät zwischen seinem Berliner Atelier und
St. Gallen hin und her – mit dem Zug, weil er mit einer Granate im Gepäck bei jeder Sicherheitskontrolle am Flughafen gestoppt worden wäre.

Nach ein paar Sekunden verschwinden die Bilder

Seit ein paar Tagen steht die Granate wieder an ihrem Platz vor der Mensa. Diesmal aber mit programmierten Einschränkungen. So werden Bilder nur noch für Sekunden angezeigt und verschwinden dann wieder von der Wand. Ausserdem muss man dem Datenklau zustimmen, indem man sich in ein bestimmtes Wireless-Netzwerk einloggt. Erst dann erhält die Granate Zugriff auf das Smartphone. «Keine Daten verlassen den Raum, und sie werden fortlaufend aus dem Speicher gelöscht», verspricht Julian Oliver. «Juristisch sind wir nun auf der sicheren Seite», sagt Yvette Sánchez.

Zumindest diese Granate ist also entschärft. Doch es bleibt ein gesundes Misstrauen, ganz im Sinne des Künstlers. Denn es dürfte in dieser Welt noch viele weitere solcher «Granaten» geben. Und nicht alle fragen vor dem Datenklau um Erlaubnis.

www.transparencygrenade.com

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