Saisonbox boomt wegen Corona:
Gossauer Bauernpaar lockt mit kreativen Ideen neue Kundinnen ins abgelegene Mädertal in Gossau

Seit Beginn der Krise ist die Saisonbox vom Hof Mädertal plötzlich gefragt wie nie zuvor. Auch der Hofladen wird gut besucht - auch von Personen der Risikogruppe, die Supermärkte meiden.

Melissa Müller
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«Wir sind beide pingelig, bei uns muss alles stimmen»: Sonja und Markus Bernhardsgrütter liessen sich im Elsass für ihren Hofladen in Gossau inspirieren.

«Wir sind beide pingelig, bei uns muss alles stimmen»: Sonja und Markus Bernhardsgrütter liessen sich im Elsass für ihren Hofladen in Gossau inspirieren. 

Ralph Ribi

Während viele über Langeweile in der Quarantäne klagen, können sich die Gossauer Bauern Markus und Sonja Bernhardsgrütter vor Arbeit kaum retten. Ihre Saisonbox, die man via Internet bequem zu sich nach Hause bestellen kann, ist gefragt wie noch nie. «Wir beliefern über 300 Abonnenten pro Woche», sagt Markus Bernhardsgrütter. Meistens seien es Frauen, welche eine Kiste voller Gemüse für 20 bis 45 Franken bestellen.

Köchin hilft ehrenamtlich auf dem Bauernhof

Markus Bernhardsgrütter beschäftigt auf dem Hof Mädertal in Gossau einen Lehrling und je nach Bedarf zehn Teilzeitangestellte. «Es ist uns wichtig, für die Ernte Einheimische einzustellen statt Leute aus dem Ausland zu Dumpinglöhnen.» Ein paar Gossauer, denen daheim die Decke auf den Kopf fällt, packen ehrenamtlich mit an. Eine junge Köchin, die nun plötzlich ohne Arbeit da steht, packt Eier in Kartons. «Wir hatten in diesen Tagen etliche Anfragen von Leuten, die bei uns arbeiten wollen», sagt Sonja Bernhardsgrütter. Leider könne sie nicht alle beschäftigen.

Am Mittwoch und Donnerstag werden die Saisonboxen mit Gemüse gefüllt: Kopfsalate, Kresse, Süsskartoffeln, Randen, Sellerie. Drei Fahrer liefern die Boxen freitags in einem Radius von 30 Kilometern aus – bis nach Wil, Urnäsch, Teufen, Wittenbach und St.Gallen.

Auch bei «Emma und Söhne» haben sie alle Hände voll zu tun

Auch bei «Emma und Söhne» in St.Gallen ist die Nachfrage nach regionalen Gemüsekisten «massiv» gestiegen. «Wir liefern über 300 Körbe pro Woche aus, Tendenz steigend», sagt Geschäftsleiter Michael Schädler.

Der Hofladen wird mehrmals im Tag aufgefüllt.

Der Hofladen wird mehrmals im Tag aufgefüllt.

Ralph Ribi

Doch zurück ins Mädertal. Im Hofladen, erst seit August eröffnet, herrscht ein emsiges Kommen und Gehen. Die Chefin füllt das Gemüse etwa fünf Mal im Tag auf. «Nicht, dass die Leute vor leeren Regalen in Panik verfallen. Wir haben genug Gemüse.» Eine Kundin ist extra aus Herisau hergeradelt, um einen Wirz zu ergattern für eine Wirzroulade.

Etliche Kundinnen kommen aus Herisau - weil Bauersfrau Sonja Bernhardsgrütter dort aufgewachsen ist.

Etliche Kundinnen kommen aus Herisau - weil Bauersfrau Sonja Bernhardsgrütter dort aufgewachsen ist.

Ralph Ribi

Ein älteres Ehepaar deckt sich mit Eiern, Joghurt und Gemüse ein. «Am liebsten esse ich Spätzli mit Gulasch», sagt Norbert Wenk, 75. Und seine Frau Vroni, 72, sagt:

«Seit dieser Krise gehe ich emotional sorgfältiger mit Lebensmitteln um.»
Norbert und Vroni Wenk meiden Supermärkte - einen Ausflug zum Hofladen gönnen sie sich hingegen gern.

Norbert und Vroni Wenk meiden Supermärkte - einen Ausflug zum Hofladen gönnen sie sich hingegen gern.

Ralph Ribi

Weil sie zur Risikogruppe gehören, machen sie einen weiten Bogen um Supermärkte. Nach wie vor besuchen sie am Samstag in Gossau den Marktstand der Familie Bernhardsgrütter. Diesen dürfen die Bauern am Samstag weiterhin betrieben, am Donnerstag hingegen nicht mehr.

«Im Hofladen kann ich mich kreativ austoben»: Zeichnungslehrerin Sonja Bernhardsgrütter mit Kater Findus.

«Im Hofladen kann ich mich kreativ austoben»: Zeichnungslehrerin Sonja Bernhardsgrütter mit Kater Findus.

Ralph Ribi

Lange sträubte sich Sonja Bernhardsgrütter, die auch als Sekundarlehrerin arbeitet, gegen einen Hofladen. Bis sie in den Ferien im Elsass einen charmanten Hofladen entdeckte, der von Kunden überrannt wurde. «So einen will ich auch», sagte sie sich. Einen Geräteschuppen haben sie frisch gestrichen und renoviert und zum Laden umfunktioniert. «Hier kann ich mich kreativ verwirklichen», sagt die 34-Jährige.

«Bei uns muss optisch alles passen, wir sind da beide pingelig.»

Seit einem Jahr macht Sonja Bernhardsgrütter den Unverpackt-Trend mit. Und bietet auch in ihrem Laden Müesli, Nüsse und Linsen zum Selberabfüllen an. «Wenn man wie wir so abgelegen ist, muss man sich etwas einfallen lassen, damit die Leute kommen.» Mit einem hässlichen Hofladen könne man im Mädertal nicht punkten. Der sei hier kein Selbstläufer wie ein Hofladen an einer stark befahrenen Hauptstrasse.

Das Angebot an Delikatessen aus Himbeeren ist gross.

Das Angebot an Delikatessen aus Himbeeren ist gross.

Ralph Ribi

Die Bauersfrau hat ihre Delikatessen liebevoll arrangiert: hausgemachter Schnittlauchessig, Mädertaler Quittengelee und allerhand aus Himbeeren, von Himbeersalz bis Konfi. Die Himbeeren sind ein wichtiges Standbein. 735 Stauden wachsen auf dem Hof Mädertal. Früher belieferten Bernhardsgrütters die ehemalige Bäckerei Gehr mit Früchten für ihre berühmte Himbeerroulade.

Eine Kuh zerkaut im Stall einen Rotkohl, der wie andere Rüstabfälle verfüttert wird. «Ich betreibe eine regenerative Landwirtschaft», sagt Bernhardsgrütter, der Kühe und rund 8000 Poulets für die Firma Bell mästet. Am liebsten aber zieht der 33-Jährige mit dem grünen Daumen Gemüse.

Nüsslisalat: reiche Ernte auf dem Hof Mädertal.

Nüsslisalat: reiche Ernte auf dem Hof Mädertal.

Benjamin Manser

«Es fasziniert mich, dass aus ein und demselben Boden so viele unterschiedliche Aromen, Formen und Farben entstehen können.» Die riesigen Felder sind noch braun, bereit für Kartoffeln und Chicorée. In den Gemüsetunnels ist es schwül wie in einem Tropenhaus. Es duftet würzig nach Kresse. Der Bauer sagt:

«Ich beheize die Tunnels nicht - das würde nicht zum ökologischen Gedanken der Saisonbox passen.»

Als hervorragender Wärmespeicher habe sich das Doppeln der Plastikfolie erwiesen.

Markus Bernhardsgrütter mit Hündin Pépsi.

Markus Bernhardsgrütter mit Hündin Pépsi.

Benjamin Manser

Die Geschäftsidee mit der Saisonbox will Markus Bernhardsgrütter noch ausbauen. Zehn Bauern machen bereits mit. «Die Menschen sind in der Krise dankbarer für die Lebensmittel aus der Region», stellt der Landwirt fest. Sie wollen wissen, wo das Gemüse wächst und wer es wie anbaut. Hoffentlich bleibt das auch nach Corona so.

Risikogruppe kauft im Hofladen ein: Bauernhöfe der Region werden überrannt

Der St.Galler Bauernmarkt ist abgesagt. Doch die Hofläden sind nach wie vor offen. «Wir wurden überrumpelt von der grossen Nachfrage», sagt Bäuerin Silvia Sager in Lömmenschwil. Ihr Hauslieferdienst laufe «am obersten Limit». «Wir sind nonstop am Bedienen. Wir brauchen mehr Hände.» Die ganze Familie packe mit an. Auch hätten sie zusätzliches Personal eingestellt. Die Kundschaft vom Bauernmarkt komme jetzt einfach zu ihnen nach Lömmenschwil auf den Hof. Die Leute würden nicht bloss einen Salatkopf und ein paar Karotten kaufen, sondern Vorräte für einige Tage anlegen. «Viele vertreiben sich jetzt die Zeit mit Kochen und backen auch mal einen Kuchen», vermutet Silvia Sager. Daher rühre wohl die ungewöhnlich hohe Nachfrage nach Eiern. Regionale Produkte erfahren eine neue Wertschätzung, die Leute seien dankbarer. Ähnlich klingt es bei Sandra Eigenmann vom Eigermannshof in Berg, die einen bedienten Hofladen führt. «Noch immer haben unsere Kunden ihre Routine und kaufen vor allem am Freitag und Samstag bei uns ein», wundert sich die Bauersfrau. Zu ihrer Kundschaft zählen auffallend viele ältere Menschen. Die Risikogruppe suche für den Einkauf einen geschützten Rahmen – und diesen findet sie im Hofladen. (mem)

In diesen Ostschweizer Läden kaufen Sie direkt ab Hof

Immer mehr Ostschweizer wollen nicht nur saisonale, sondern vor allem regionale Lebensmittel konsumieren. Ein reichhaltiges Angebot bieten einheimische Hofläden. Wo Sie diese finden, zeigt eine Auswahl auf unserer Karte. Haben Sie weitere Adressen? Schreiben Sie uns an online@tagblatt.ch.