WALDKIRCH: Waldkirchs Wirrwarr um Fahrende

Schweizer Fahrende haben ihre Wohnwagen auf einer Wiese in Waldkirch abgestellt – mit dem Einverständnis des Landbesitzers. Trotzdem forderte die Gemeinde die Familien auf, den Platz zu verlassen. Doch dann kam alles anders.

Marion Loher
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Zwei Wochen wollen die zwölf jenischen und Sinti-Familien in Waldkirch bleiben. (Bild: Michel Canonica)

Zwei Wochen wollen die zwölf jenischen und Sinti-Familien in Waldkirch bleiben. (Bild: Michel Canonica)

WALDKIRCH. Auf einer Wiese hinter einem Bauernhof, nahe des Golfparks, stehen seit Dienstagnachmittag die Wohnwagen von Schweizer Fahrenden. Zwölf Familien sind es, Jenische und Sinti, die derzeit in Waldkirch weilen. Sie kommen mehrheitlich aus dem Aargau und aus Bern. Alles ist eingerichtet: die Wagen stehen im Kreis, der Sonnenschutz ist fixiert, die Klappstühle sind aufgestellt. Auf der Wiese spielen Kinder. Zwei Wochen werden die Fahrenden in Waldkirch bleiben, ihre Kultur leben und das Zusammensein pflegen. Beinahe aber wäre aus diesen zwei Wochen lediglich ein einziger Tag geworden. Denn gestern morgen gab es für die fahrenden Familien ein böses Erwachen.

Ultimatum gestellt
Fino Winter ist einer dieser Fahrenden. Er repräsentiert die Sinti und ist in der Dachorganisation der Jenischen, die Radgenossenschaft, deren Vertreter. Winter ist demnach der «oberste» Sinti der Schweiz. Er erzählt: «Am frühen Mittwochmorgen klopften vier Polizisten und ein Gemeindevertreter an unsere Tür. Sie sagten, wir würden die Anwohner stören. Sie stellten uns ein Ultimatum: Bis 17 Uhr müssten wir abreisen.» Für Winter, der in der Region seine Dienste als Maler anbietet, gab es allerdings keinen Grund, den Platz zu verlassen. «Wir haben die nötigen sanitären Anlagen sowie eine Mulde für die Abfälle aufgestellt. Ausserdem haben wir mit dem Grundeigentümer einen Mietvertrag bis am 9. August abgeschlossen.» Bezahlt wurden gemäss Winter insgesamt 1100 Franken für die zwei Wochen, was etwa einer durchschnittlichen Landmiete entspricht.

Die Ehefrau des Grundstückbesitzers bestätigt auf Anfrage den Vertragsabschluss mit den Fahrenden. Mit der Unterschrift hätten sie sich im weiteren dazu verpflichtet, für die Nutzung der Wiese zu bezahlen sowie für mobile WC-Anlagen, Ordnung und Sauberkeit – auch nach dem Verlassen des Platzes – zu sorgen. «Bis jetzt gibt es keinen Grund für Beanstandungen», sagt sie.

Die Gemeinde krebst zurück
Michael Frei, Ratsschreiber und Bausekretär der Gemeinde Waldkirch, war am frühen Morgen zusammen mit den Polizisten vor Ort. Dies, so Frei, weil sich Anwohner bei der Gemeinde und der Polizei gemeldet hätten. Die Anwohner fühlten sich von den Fahrenden gestört. «Deshalb haben wir die Fahrenden aufgefordert, sich eine andere Bleibe zu suchen und den Platz bis am Abend zu verlassen.» Das Wort Ultimatum will der Waldkircher Ratsschreiber nicht in den Mund nehmen.
Bei der Kantonspolizei St. Gallen werden die Meldungen von Anwohnern sowie der frühmorgendliche Einsatz bestätigt. Es habe sich aber lediglich um eine polizeiliche Kontaktaufnahme gehandelt, sagt Florian Schneider, Mediensprecher der Kantonspolizei.
Um die Mittagszeit herum stattete Ratsschreiber Frei den fahrenden Familien einen weiteren Besuch ab – dieses Mal ohne Polizei. «Die Fahrenden konnten uns ziemlich schnell aufzeigen, dass sie bestrebt sind, die öffentliche Sicherheit nicht zu gefährden sowie Ruhe und Ordnung einzuhalten», sagt er. Ausserdem hätten die Familien ihre Wohnwagen nicht auf öffentlichem Grund abgestellt, sondern auf einem privaten Grundstück. «Die Gemeinde kann somit nur dann eingreifen, wenn etwas nicht in Ordnung ist», hält der Ratsschreiber fest. Es sei aber «alles in Ordnung». Daraufhin krebste die Gemeinde zurück. Da der Eigentümer der Wiese ebenfalls einverstanden sei, könnten die Fahrenden für die Dauer des Mietverhältnisses in Waldkirch bleiben, so Frei.

«Unangemessene Reaktion»
«Eine gute Nachricht. Wir sind erleichtert», sagt der Vertreter der Fahrenden, Fino Winter. Er hatte zwischen den beiden Besuchen des Gemeindevertreters die Dachorganisation der Jenischen, die Radgenossenschaft, sowie die Medien informiert. «Wir fanden die Reaktion der Gemeinde undifferenziert und unangemessen, deshalb mussten wir etwas unternehmen.» Zur plötzlichen Kehrtwende der Behörden sagt Daniel Huber, Präsident der Radgenossenschaft: «Die Rechtsgrundlage ist klar, der Druck wahrscheinlich zu gross geworden.» Die Schweizer Fahrenden, sowohl Jenische und Sinti, seien Vertreter einer anerkannten, schweizerischen Minderheit und verhielten sich genau so, wie dies die Bundesbehörden ihnen zugestehen würden. «Es war wohl ein Schnellschuss der Gemeinde Waldkirch», so Huber.

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