Sensoren helfen Senioren

GOSSAU. Selbständig leben, aber im Notfall dennoch Hilfe erhalten – ein elektronischer Assistent namens Paul überwacht Senioren in den eigenen vier Wänden. Bei der Stiftung Vita Tertia gibt es die ersten «smarten» Seniorenwohnungen.

Johannes Wey
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Thomas Cozzio neben dem Bedienelement für Paul, seinen «Assistenten für unterstütztes Leben». Von den vielen Sensoren ist wenig zu sehen... (Bilder: Benjamin Manser)

Thomas Cozzio neben dem Bedienelement für Paul, seinen «Assistenten für unterstütztes Leben». Von den vielen Sensoren ist wenig zu sehen... (Bilder: Benjamin Manser)

Thomas Cozzios Appartement im Haus Weiher der Stiftung Vita Tertia ist heimelig. Auf den Böden liegen Teppiche, in einer Ecke tickt eine Standuhr und das mächtige Modell eines Segelschiffs ziert die Anrichte. Dass hier rund zwei Dutzend High-Tech-Geräte verbaut sind, ist auf den ersten Blick nicht zu sehen. Am ehesten sticht die kleine weisse Kamera ins Auge, die zwischen einigen Nippes auf einer Kommode steht. Cozzios Wohnung wird überwacht und der Hausherr ist begeistert. Die Worte «phantastisch» und «grossartig» kommen ihm gleich mehrmals über die Lippen, während er den Medienschaffenden seine Wohnung zeigt.

Forschungsgeld von der EU

Zur Medienorientierung gestern Montag haben Vita Tertia, Nestor Swiss und Amiona gemeinsam eingeladen. Thema ist, wie Sensoren und Kameras es Senioren ermöglichen, möglichst lange in den eigenen vier Wänden wohnen zu bleiben. Thomas Cozzio hat seine Wohnungstüre geöffnet, um zu zeigen, wie ihm der «Persönliche Assistent für unterstütztes Leben», kurz Paul, das Leben erleichtert. «Paul» ist keine Person, sondern eine Ansammlung von Sensoren, verbunden mit einem Server, steuerbar von einem Touchscreen. An Paul haben, unterstützt mit EU-Geldern, unter anderem das deutsche Fraunhofer-Institut und die Universität Karlsruhe mitgearbeitet.

Sicherheit im Notfall

Cozzio spricht «aus Consumer-Sicht», wie er sich ausdrückt. Die Überwachung, Big Brother in den eigenen vier Wänden, gibt ihm Sicherheit. Was geschieht, wenn ich jetzt stürze und mir den Kopf anschlage? Solche Fragen hat sich der 82jährige Witwer oft gestellt, seit er alleine lebt. Nun würde der Bewegungsmelder an der Decke registrieren, wenn Cozzio sich längere Zeit nicht bewegt, und Alarm auslösen. In seinem Fall würde das Personal von Vita Tertia verständigt, in anderen Wohnungen können es auch Angehörige oder Pflegefachkräfte von Nestor Swiss sein. «Diese Sicherheit im Notfall ist ein riesiger Segen», sagt Cozzio.

Üben, solange unabhängig

Seine Wohnung ist seit wenigen Wochen ausgerüstet, Cozzio muss die Funktionen noch kennenlernen. Gegen Ende seiner Berufszeit kamen Computer auf, heute nutzt er E-Banking und E-Mail. «Aber das hier ist etwas ganz anderes», sagt er. Daher ist es ideal, dass der pensionierte Textilkaufmann noch nicht zu sehr auf Paul angewiesen ist. Kochen ist sein Hobby, und er kauft selber ein. Er kann die Rollläden selber bedienen und braucht keine regelmässigen Pflegebesuche. Sollte es doch einmal so weit sein, kann Cozzio das alles vom Touchscreen aus veranlassen. Zur Demonstration wählt er einen Radiosender an und macht einen Termin mit der Reinigungskraft.

Dass durch die Überwachung auch ein Stück Privatsphäre verlorengeht, nimmt Cozzio für die Sicherheit gerne in Kauf. «Das wäre in einem Alters- oder Pflegeheim ja das viel grössere Problem», sagt er.

Pilotphase in der Region

Über den elektronischen «Marktplatz» der Amiona können ausserdem über 500 Dienstleistungen von regionalen Anbietern bezogen werden: Eine Pédicure zu Hause, ein Taxi oder eine Brötchenlieferung etwa.

Die Daten der Nutzer sind sicher, sagt Nestor-Geschäftsführer Martin Rosenberg. Sie werden nicht zentral, sondern auf einem eigenen Server in jeder Wohnung gespeichert. Darauf zugreifen kann nur, wer ermächtigt wurde, beispielsweise der Hausarzt. Vita Tertia ist schweizweit die erste Einrichtung für Wohnen im Alter, die über Wohnungen mit Paul-Technologie verfügt. Dort soll sie bald in grösserem Umfang eingesetzt werden. Nestor Swiss befindet sich derzeit in einer Pilotphase und möchte dafür 100 Wohnungen erschliessen. Ende Monat sollen rund 20 in St. Gallen, Rorschach und Gossau ausgerüstet sein. Ein Ziel des Pilotprojekts ist es, die Politik vom Nutzen zu überzeugen. Rosenberg hofft, dass es für die Technik künftig Ergänzungsleistungen gibt. Schliesslich lasse sich viel Geld sparen, wenn Senioren zu Hause statt im Heim wohnen können. Und das ist ohnehin, was die meisten von ihnen wollen.

…die Kamera auf der Kommode sticht am ehesten ins Auge. (Bild: Benjamin Manser (Benjamin Manser))

…die Kamera auf der Kommode sticht am ehesten ins Auge. (Bild: Benjamin Manser (Benjamin Manser))