«Nicht alle in einen Topf werfen»

GOSSAU. Obwohl Schweizer Fahrende dringend Durchgangsplätze benötigen, werden ihnen diese meistens verwehrt. Der jenische Aktivist und Historiker Venanz Nobel über alte Vorurteile und die Unterschriftensammlung in Gossau.

Angelina Donati
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Ein Argument der Gegner des Durchgangsplatzes in Gossau sind die Starkstromleitungen. (Bild: Ralph Ribi)

Ein Argument der Gegner des Durchgangsplatzes in Gossau sind die Starkstromleitungen. (Bild: Ralph Ribi)

Herr Nobel, das Gossauer Stadtparlament sprach sich im September gegen den geplanten Durchgangsplatz für Fahrende im Industriegebiet St.Gallen-West/Gossau-Ost an der Wehrstrasse aus. Worin sehen Sie die Gründe?

Venanz Nobel: Das ist eine bekannte Situation. Über Jahrzehnte hinweg lassen sich die alten Vorurteile, die gegenüber uns Jenischen bestehen, kaum abbauen. Die skeptische und ablehnende Haltung der Politiker lassen darauf schliessen, dass sie zu wenig informiert waren.

Weshalb benötigen denn die Fahrenden dringend Durchgangsplätze?

Nobel: Früher war es problemlos möglich, sich während einer kurzen Dauer in Kiesgruben niederzulassen oder bei einem Landwirt für einen Platz auf der Wiese um Erlaubnis zu fragen. In den vergangenen 30 Jahren hat sich das aber stark geändert, insbesondere mit dem revidierten Raumplanungsgesetz, durch das die vorhandenen Plätze umgezont werden. Mittlerweile ist die Suche nach Durchgangsplätzen zur Problematik in der ganzen Schweiz geworden.

Venanz Nobel. (Bild: pd/Beatrice Hadorn)

Venanz Nobel. (Bild: pd/Beatrice Hadorn)

Die Gegner des Durchgangsplatzes in Gossau erwähnen immer wieder, dass die Starkstromleitungen auf dem Areal den Fahrenden nicht zugemutet werden können.

Nobel: Den Platz habe ich mir auf Google Maps angesehen. Soweit ich weiss, erachten der Kanton St.Gallen, die Stadt Gossau und auch die Fahrenden den Standort als ideal. Er erfüllt die Rahmenbedingungen. Irgendein Gegenargument lässt sich immer finden, wie eben mit den Starkstromleitungen. Ich denke aber, dass das nur ein Vorwand ist.

Ansässige Betriebe fürchten sich vor Diebstählen. Ausserdem hätten Kinder nichts im Industriegebiet verloren. Sind die Ängste gerechtfertigt?

Nobel: Dass die Fahrenden kriminell sind, ist eines der vielen Vorurteile, mit denen wir konfrontiert werden. Bestimmt gibt es auch bei den Jenischen solche, die von der Norm abweichen und stehlen. Das aber trifft auch bei Sesshaften zu. Auch wir sind Schweizer und möchten gleich behandelt werden wie alle anderen. Es ist nicht fair, einfach alle in einen Topf zu werfen. Auch die Ängste, dass sich Kinder in der Nähe des Industriegebiets aufhalten, kann ich nicht nachvollziehen. Vielfach wohnen oberhalb von kleinen Autowerkstätten auch Familien mit Kindern. Es liegt doch in der Verantwortung der Eltern, auf ihre Kinder aufzupassen.

Welches sind denn die gängigsten Vorurteile gegenüber Fahrenden?

Nobel: Einer der schlimmsten Vorwürfe ist, wir würden Kinder entführen. Generell werden wir als Diebe abgestempelt. Und seit jeher heisst es auch, dass wir keinen sauberen Lebensstil pflegen und die Plätze unordentlich zurücklassen würden.

Wie verdienen Fahrende ihren Lebensunterhalt?

Nobel: Wir sind Selbständigerwerbende und helfen dort aus, wo wir gebraucht werden. Sei es etwa bei Arbeiten im Hausbau oder als Scherenschleifer. Als Jenischer hat man mindestens 20 Berufe. Ich beispielsweise bin gelernter Buchhalter und war mit diesem Beruf wohl der erste Fahrende in der Schweiz.

Gegner sagen, dass Fahrende keine Steuern zahlen. Stimmt das?

Nobel: Überhaupt nicht, nein. Auch wir zahlen Steuern. Und zwar dort, wo wir den Wohnsitz haben. Dort, wo wir uns während der Wintermonate aufhalten. Unterwegs sind wir ja nicht das ganze Jahr hindurch.

Die SP Gossau-Arnegg stellte ein Initiativkomitee auf, das nun seit wenigen Tagen für den Durchgangsplatz in Gossau Unterschriften sammelt. Wie rechnen Sie sich die Chancen aus, wenn es zur Volksabstimmung kommt?

Nobel: Ich begrüsse es sehr, dass sich Lokale für unsere Anliegen stark machen. Wie die Chancen stehen, dass die Gossauer den Platz bewilligen, kann ich nicht einschätzen. Bestimmt aber trägt auch die Kommunikation viel dazu bei. Aufklärungsarbeit ist in diesem Fall wichtig. Viele Leute wissen nämlich nicht, dass 0,5 Prozent der Schweizer Jenische sind. Das heisst, wenn man im Zug sitzt, so wie ich gerade in diesem Moment, ist einer von 200 Personen jenisch. Das merkt man aber nicht und ausserdem tun wir niemandem weh.

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