Jetzt will auch Gossau ein Vorbild in Sachen Lohngleichheit sein

Der Stadtrat hat die Charta für Lohngleichheit unterzeichnet. Der Anstoss kam von einer Parlamentarierin.

Johannes Wey
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Seit der Wahl von Claudia Martin sind die Frauen im Gossauer Stadtrat in der Mehrheit. (Bild: Ralph Ribi, 21.11.2017)

Seit der Wahl von Claudia Martin sind die Frauen im Gossauer Stadtrat in der Mehrheit. (Bild: Ralph Ribi, 21.11.2017)

Anfang Monat hat die Stadt Gossau die Charta für Lohngleichheit im öffentlichen Sektor unterzeichnet. Damit fügt sich die Stadt ein in einen kleinen Kreis von St. Galler Gemeinden: Bislang haben – nebst dem Kanton, der 2017 beigetreten ist – lediglich Wil, Oberuzwil, Flawil und Degersheim die Charta unterzeichnet. Per Ende Juni waren 16 Kantone und schweizweit 77 Gemeinden sowie der Bund mit im Boot.

Noch vor einem Jahr sah es nicht so aus, als würde die Stadt Gossau der Charta so bald beitreten. Der Schritt habe aus Sicht des Stadtrats bis dahin «keine zeitliche Dringlichkeit» gehabt, antwortete er auf eine entsprechende Interpellation. Allerdings fasse man einen Beitritt ins Auge und werde sich diesbezüglich bei anderen Gemeinden informieren.

Was er dort zu hören bekam, scheint den Stadtrat überzeugt zu haben. An die grosse Glocke gehängt hat er den Beitritt allerdings nicht – eine Mitteilung zur Charta hat es bislang keine gegeben.

Wil trat nach wenigen 
Tagen bei

Für die Interpellantin Monika Gähwiler-Brändle (SP) ist der Beitritt zur Charta ein Erfolg. «Ich bin sehr zufrieden.» Als positiv denkender Mensch habe sie auf die Antwort des Stadtrats gezählt, dass er einen Beitritt erwäge. Ihre Interpellation war auch breit abgestützt: 18 von 30 Parlamentarierinnen und Parlamentariern aus allen Fraktionen hatten unterzeichnet.

«Das zeigt, dass die Gleichberechtigung kein parteipolitisches Thema ist, sondern eines, das alle betrifft.»

Dennoch: Hätte sie erwartet, dass es mit dem Beitritt so schnell geht? Gähwiler relativiert: «Die Charta wurde im September 2016 lanciert. Noch im gleichen Monat hat die Stadt Wil unterzeichnet.» Ihre Interpellation habe sie im März 2018 eingereicht, vergangenen September habe sie zur Antwort des Stadtrats Stellung nehmen können. «Ich hätte schon bald nachgehakt, wenn ich zum Thema nichts mehr gehört hätte», sagt Gähwiler. Vermutlich wäre in diesem Fall eine Einfache Anfrage das Mittel der Wahl gewesen.

Macht als Auftraggeberin nutzen

Die Charta enthält fünf Anliegen, zu denen sich die Unterzeichnenden verpflichten. Rechtlich bindend ist sie aber nicht. Trotzdem erhofft sich Monika Gähwiler «vielfältigen» Nutzen davon: «Das wichtigste ist, dass es endlich alle aufnehmen, dass gleicher Lohn für gleiche Arbeit eine Selbstverständlichkeit ist.»

Die Fünf Ziele der Charta

Die Charta der Lohngleichheit im öffentlichen Sektor wurde vom Eidgenössischen Büro für die Gleichstellung von Mann und Frau verfasst. Unterzeichner verpflichten sich zur Sensibilisierung für das Bundesgesetz zur Gleichstellung von Mann und Frau, zur regelmässigen Überprüfung der Lohngleichheit sowie dazu, diese Überprüfung auch bei nahestehenden Körperschaften zu überprüfen. Ausserdem soll die Lohngleichheit im Beschaffungswesen eingehalten und über die Anstrengungen für die Lohngleichheit informiert werden. (jw)

Gerade der öffentliche Sektor müsse in dieser Hinsicht eine Vorbildfunktion einnehmen. Die Stadt Gossau arbeite zwar bereits heute mit einem System, in dem die Löhne unabhängig vom Geschlecht festgelegt würden. Innerhalb eines Lohnbandes gebe es aber immer Spielraum und hier müsse man genauer hinschauen. Die Charta habe auch da eine Signalwirkung.

Einen weiteren Effekt könne die Charta haben, wenn die Stadt bei Ausschreibungen Gleichbehandlung einfordere. «Damit bleibt das Thema aktuell.»

Die Liste der Unterzeichner wächst schnell

Auch wenn im Kanton noch wenige Gemeinden unterzeichnet haben, so richtig als Pionierin kann sich Gossau nicht mehr fühlen. «Seit ich im September im Stadtparlament Stellung nehmen konnte, sind der Charta schweizweit nochmals 30 Gemeinden und 2 Kantone beigetreten», sagt Gähwiler.

Für sie beweist das, dass die Charta ein Erfolgsmodell ist. Das sieht auch die UNO so: 2018 verlieh sie dem Eidgenössischen Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann den Public Service Award für eine Initiative, welche die Lohngleichheit zum Ziel hat. Eines von zwei Standbeinen dieser Initiative ist die Charta für Lohngleichheit.