Gossau soll ein neues Stadtmagazin erhalten – Experte kritisiert das Konzept des Stadtrates

Mit bis zu 250'000 Franken will der Stadtrat ein neues «unabhängiges» Magazin für Gossau finanzieren. Medienwissenschafter Vinzenz Wyss kann dem Vorhaben indes nicht viel abgewinnen.

Michel Burtscher
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Der Gossauer Stadtrat (im Bild Stadtpräsident Wolfgang Giella) reagiert mit dem neuen Magazin auf den Medienwandel.

Der Gossauer Stadtrat (im Bild Stadtpräsident Wolfgang Giella) reagiert mit dem neuen Magazin auf den Medienwandel.

Ralph Ribi

Der Gossauer Stadtrat macht ernst: Er hat den Auftrag für ein neues «unabhängiges Stadtmagazin» ausgeschrieben. Bis am 9. März haben interessierte Unternehmen nun Zeit, Offerten einzureichen. Sein publizistisches Vorpreschen begründet der Stadtrat mit dem Medienwandel. Der zunehmende Rückzug der privaten Printmedien aus der lokalen Berichterstattung habe Auswirkungen für Vereine, Parteien und andere Akteure des gesellschaftlichen Lebens, heisst es in einer Mitteilung. Deren Anlässe und Berichte fänden immer weniger Berücksichtigung.

Auch Werbung ist möglich

Etwas besser sei die Situation zwar für Behördeninformationen. Eine Studie habe aber nachgewiesen, dass ein Zusammenhang bestehe zwischen tiefer Wahlbeteiligung und der Intensität der Berichterstattung über die lokale Politik. All dies habe den Stadtrat veranlasst, die «unabhängige Forumspublikation» zu initiieren. Er will, dass die Stadt das neue Medienprodukt zu einem «wesentlichen Teil» mitfinanziert und auch eine aktive Rolle spielt, aber nicht selber herausgibt.

Wie sich der Stadtrat das neue Magazin vorstellt und wie viel Geld er dafür auszugeben bereit ist, zeigt ein Blick in die Ausschreibungsunterlagen. Für die Initialkosten besteht demnach ein Kostendach von 50'000 Franken, für die wiederkehrenden jährlichen Kosten eines von 250'000 Franken. Neben diesem Beitrag der öffentlichen Hand hat der Anbieter zusätzlich die Möglichkeit, mit Werbung Geld einzunehmen.

Beiträge werden über verschiedene Kanäle verbreitet

Produziert werden soll damit alle zwei Wochen eine gedruckte Ausgabe des Magazins, die in alle Haushalte in Gossau und Arnegg verteilt wird. News und gewisse andere Beiträge werden allerdings zuerst auf den digitalen Kanälen ausgespielt, über die Website und eine App. Die gedruckte Ausgabe soll eine Zusammenfassung sein und einen «journalistischen Mehrwert» bieten. Die Redaktorinnen und Redaktoren sollen über eine journalistische Ausbildung sowie Berufserfahrung verfügen und eigene Beiträge verfassen wie auch Einsendungen aus der Bevölkerung, von Vereinen und Parteien redigieren.

Früher buhlten in Gossau drei Tageszeitungen um die Gunst der Leser – darunter die «Gossauer Zeitung».

Früher buhlten in Gossau drei Tageszeitungen um die Gunst der Leser – darunter die «Gossauer Zeitung».

Ralph Ribi

Wenn ein Medienprodukt von der öffentlichen Hand initiiert und grosszügig mitfinanziert wird, stellt sich indes die Frage nach der journalistischen Unabhängigkeit. In den Ausschreibungsunterlagen heisst es dazu, dass die redaktionelle Hoheit über das neue Stadtmagazin bei einem «aus verschiedenen Anspruchsgruppen von Gossau paritätisch zusammengesetzten Lenkungsausschuss» liegen soll. Dieser erarbeite das Redaktionsstatut und überwache dessen Umsetzung. Mit dem Einbezug verschiedener politischer und gesellschaftlicher Akteure solle die «Unabhängigkeit und so auch die Glaubwürdigkeit» des Magazins erhalten bleiben und «gleichzeitig ein Gegenwert für den erheblichen Einsatz an öffentlichen Geldern gesichert» werden, schreibt der Stadtrat weiter.

Ist die Redaktion unabhängig genug?

Vinzenz Wyss, Medienwissenschafter an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften

Vinzenz Wyss, Medienwissenschafter an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften

PD

Medienwissenschafter Vinzenz Wyss von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) ist skeptisch gegenüber dem Vorhaben. Die Stadt Gossau habe das Problem zwar erfasst, dass die Regionalzeitungen angesichts von Medienkonzentration und Finanzierungsproblemen heute kaum mehr in der Lage seien, die nötigen Leistungen zu erbringen. Dies sei löblich, sagt Wyss. Doch dem konkreten Konzept des Stadtrats kann er wenig abgewinnen. Er sagt:

«Die Unabhängigkeit der Redaktion steht auf wackligen Füssen.»

Wyss ortet eine «fehlende strukturelle Distanz» zwischen dem Geldgeber beziehungsweise dem Lenkungsausschuss und der Redaktion. Stutzig macht ihn auch die Passage in den Unterlagen, in der steht, dass Eingriffe in das redaktionelle Tagesgeschäft in Ausnahmefällen möglich seien. Auch die Formulierung, dass die Redaktion für die Behörden «greifbar» sein solle, lasse auf ein «eigenartiges Autonomieverständnis der Stadt» schliessen. Redaktionelle Autonomie sei jedoch eine Grundbedingung für einen unabhängigen und glaubwürdigen Journalismus, so Wyss.

Zudem bezweifelt er, dass mit den «bescheidenen Mitteln» von 250'000 Franken pro Jahr alle angedachten Aufgaben erledigt werden können. Für ihn lassen die Ausschreibungsunterlagen den Verdacht aufkommen, dass die Stadt eigentlich eine Plattform will, auf der Einsendungen fast unverändert veröffentlicht werden. Wyss sagt:

«Dies kann zwar demokratiepolitisch relevant sein, man sollte in diesem Zusammenhang aber weder von Magazin noch von Journalismus sprechen.»