So gut gefällt dem Gossauer alt Stadtpräsidenten Alex Brühwiler das Studentenleben

Von jüngerer Geschichte, alten Gewohnheiten und dem Gesangsfest: Ein Kaffee mit alt Stadtpräsident Alex Brühwiler.

Johannes Wey
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Alex Brühwiler beim Kaffee in der «Traube Mult». Bild: Ralph Ribi 22. (Juli 2019)

Alex Brühwiler beim Kaffee in der «Traube Mult». Bild: Ralph Ribi 22. (Juli 2019)

Am Telefon wirkt Alex Brühwiler noch ganz wie der viel beschäftigte Gossauer Stadtpräsident, der er bis vor einem guten Jahr war. Die drei Gesprächstermine, die er vorschlägt, liegen weit in der Zukunft. «Ich stecke mitten in der Prüfungsphase», begründet Brühwiler, der nach seinem Rücktritt ein Studium der neuzeitlichen Geschichte an einer Fernuniversität in Angriff genommen hat.

Beim Treffen auf der Mult korrigiert sich dieser Eindruck. Brühwiler wirkt entspannt und zufrieden. «Das bin ich!» Das Studium sei auf Berufstätige zugeschnitten. Dem 64-jährigen Pensionär lässt es die Gelegenheit, all das zu machen, was in den über 17 Jahren als Stadtpräsident zu kurz gekommen ist. Angefangen beim Jassen. «Ich gehe weniger gehetzt durchs Leben und geniesse.»

Die Geschäfte wiederholen sich

Für ihn sei es nie in Frage gekommen, wieder als Anwalt zu praktizieren – abgesehen von einzelnen kleinen Mandaten, die sich zwischenzeitlich ergeben haben. «Wenn ich weiter hätte arbeiten wollen, hätte ich auch noch länger im Amt bleiben können», sagt Brühwiler. Aber er habe etwas ganz anderes machen wollen als bisher.

Der Männerchor verabschiedet sein Mitglied Alex Brühwiler als Stadtpräsident (Bild: Ralph Ribi, 30. Mai 2018)

Der Männerchor verabschiedet sein Mitglied Alex Brühwiler als Stadtpräsident (Bild: Ralph Ribi, 30. Mai 2018)

Den Job als Stadtpräsident habe er «all die Jahre mit Freude gemacht», sagt Brühwiler. Um dann gleich die Frage in den Raum zu stellen, wie sich denn ein 18. oder 19. Amtsjahr vom 17. unterschieden hätte.

«Irgendwann hat man es gesehen.»

Doch wer aus dem Berufsleben ausscheide, der brauche eine Struktur in seinem Leben. Das Studium sei für ihn «absolut passend». Ein wichtiger Grund dafür ist, dass es beim Fernstudium keine Präsenzzeiten gibt. Starre Stundenpläne und weite Pendlerstrecken fallen damit weg. «Und während der Woche auswärts wohnen wäre für mich sowieso nicht in Frage gekommen.»

Im Studium etwas über sich selber lernen

Thematisch reicht das Studium von der Französischen Revolution zum Mauerfall und umfasst damit auch Ereignisse, die Brühwiler in seiner Jugend miterlebt hat – wenn auch nur am Rande. «In der Kanti am Burggraben war ich komplett apolitisch», sagt er. Was die Aktivisten dort Anfang der 1970er-Jahre zu erreichen versuchten, sei völlig an ihm vorbeigegangen.

Die Affäre um den Brigadier und Landesverräter Jean-Louis Jeanmaire sei hingegen in seinem Elternhaus rege diskutiert worden, aus einer «stark antikommunistischen Optik». «Ich lerne in diesem Studium also auch viel über meine Vergangenheit», sagt Brühwiler.

Auch der Austausch unter den Studenten, beispielsweise über eingereichte Arbeiten, gefalle ihm am Studium. Das sei eine ganz andere Feedback-Kultur, als er sie in der Politik erlebt habe.

«Hier ist es Feedback aus der Fachwelt. Anders als bei rein politischen Themen, auch wenn bei denen im Einzelfall jeder ein Fachmann zu sein glaubte.»

Konzepte sind noch immer wichtig

Eingespannt ist Männerchormitglied Alex Brühwiler auch als Präsident des Organisationskomitees für das Schweizer Gesangsfest. Dazu werden 2022 rund 15000 Sängerinnen und Sänger in 500 Chören sowie 50000 Besucherinnen und Besucher in Gossau erwartet.

Man sei gut unterwegs, sagt Brühwiler. Die Organisatoren hätten darauf gedrängt, den Anlass schon früher zu vergeben, als ursprünglich vorgesehen. «Deshalb haben wir in konzeptioneller Hinsicht schon viel aufgegleist.» Bei diesen Worten spricht wieder der Stadtpräsident aus ihm. Konzepte seien wichtig, um Hektik zu verhindern. Selbst wenn sie nur zur Hälfte umgesetzt würden, sagte Brühwiler vor seinem Rücktritt.

Grosse Themen für das Gesangsfest seien derzeit die Entwicklung von touristischen Paketen für die Chöre sowie einer App. «Heute wollen die wenigsten einen 500-seitigen Festführer.» Das sei eine Herausforderung, denn schliesslich hätten Chorleiter, Experten, Teilnehmer und Besucher aus den verschiedenen Sprachregionen völlig unterschiedliche Ansprüche.

Und von den touristischen Angeboten verspricht sich Brühwiler, der als Stadtpräsident auch für die Standortförderung verantwortlich war, Wertschöpfung in der Region. «Die Besucher sollen hier eine oder zwei Nächte verbringen und nicht gleich wieder heimfahren.» Deshalb gleisen die Organisatoren zusammen mit St. Gallen-Bodensee-Tourismus verschiedene Angebote auf. «Wir wollen die Gelegenheit nutzen und die Schönheiten der Ostschweiz breiter bekannt machen.»

Die zweite Kaffeetasse ist schon lange leer. Weshalb hat er die «Traube» für das Gespräch ausgewählt? «Als meine Stammbeiz würde ich sie zwar nicht bezeichnen. Aber es ist ein schöner Ort und man trifft sich hier», sagt Brühwiler, der in einer knappen Stunde mehrere Bekannte begrüsst hat. Mit 1000 Gossauerinnen und Gossauern sei er per Du, schätzte er einst. Als Stadtpräsident habe er es selten auf die Mult geschafft und stattdessen die nahen Restaurants im Zentrum besucht. Nun hat er die Zeit dazu.

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