Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Gott ist auch ein Huhn: Junges Pfarrerehepaar will Gossauer Jugendliche in die Kirche locken

Eine Feministin und ein Eisenbahnfan wirken neu als Pfarrer in der evangelischen Kirchgemeinde Gossau-Andwil.
Melissa Müller
Christian und Tina Bernhard-Bergmaier vor der Kirche Haldenbüel in Gossau, die sie «gemütlich wie eine Stube» finden. (Bild: Lisa Jenny)

Christian und Tina Bernhard-Bergmaier vor der Kirche Haldenbüel in Gossau, die sie «gemütlich wie eine Stube» finden. (Bild: Lisa Jenny)

«Lieber nicht», sagt Pfarrer Christian Bernhard-Bergmaier, als ihn die Fotografin bittet, mit seiner Frau auf der Kanzel zu posieren. «Im Gottesdienst steigen wir nicht auf die Kanzel, weil uns wohler dabei ist, auf Augenhöhe zu predigen.»

Am Sonntag feiern Tina und Christian Bernhard-Bergmaier ihre Amtseinsetzung. Sie wohnen im Pfarrhaus auf dem Hügel über der Stadt. In der Kirche gibt es eine Ecke mit Kissen, wo Kinder während des Gottesdienstes spielen können.

Auch Bibeln stehen im Regal, darunter eine gendergerechte. Darin wird Gott auch als «die Heilige» bezeichnet, da es in der Bibel auch weibliche Bilder für Gott gibt, wie etwa das einer Vogelmutter, die ihre Flügel über ihre Küken ausbreitet. Manche reden von einer Adlermutter, andere übersetzen den Begriff mit Henne. «Gott geht über das Geschlecht hinaus», sagt Christian Bernhard, der den Namen seiner Frau angenommen hat.

«Sind Sie die Assistentin des Pfarrers?»

In vielen Köpfen geistert die Vorstellung herum, dass eine Pfarrperson männlich zu sein habe. «Sind Sie die Assistentin des Pfarrers?», wurde Tina Bernhard, die einer Gruppe feministischer Theologinnen angehört, schon gefragt. «Nein, ich bin die Pfarrerin.» Bei ihrer ersten Pfarrstelle in Uetikon am See weigerte sich eine Mutter, ihr Kind von ihr taufen zu lassen. Sie hielt es für eine Überhebung. «Ich sehe nicht ein, warum eine Frau nicht taufen sollte.»

Auf der Kanzel posieren? Bloss nicht, findet das junge Pfarrerpaar Tina und Christian Bernhard-Bergmaier. (Bild: Lisa Jenny)

Auf der Kanzel posieren? Bloss nicht, findet das junge Pfarrerpaar Tina und Christian Bernhard-Bergmaier. (Bild: Lisa Jenny)

In ihren ersten Wochen in Gossau spürten Tina und Christian Bernhard, dass man hohe Erwartungen an sie hat. Unter anderem soll das Ehepaar junge Leute für die Kirche begeistern. «Eine sinnstiftende Aufgabe», sagt Christian Bernhard über den Pfarrerberuf. Bisher hat er auch schon drei Bestattungen durchgeführt.

Bauernsohn trifft Kinder aus reichem Haus

Bevor sie sich um die Stelle bewarben, spazierten sie durch Gossau. Sie lernten die Quartiere kennen, vom Mettendorf bis zum Buechenwald. Es habe teure Einfamilienhäuser, eine breite Mittelschicht, ein lebendiges Vereinsleben. Aber auch Blocksiedlungen mit Menschen in schwierigen Verhältnissen und Frauen mit Kopftüchern. Da ist die Stadtnähe zu St.Gallen und der ländliche Charakter von Arnegg und Andwil. «Diese Vielseitigkeit macht Gossau enorm spannend», sagt Christian Bernhard. Dass ihre Gemeinde sozial durchmischt ist, merkten sie auch, als sie kürzlich nach Holland in die Konfirmandenwoche fuhren. Da war ein Bauernsohn aus Andwil, der in der Konfwoche zum ersten Mal das Meer sah, aber auch Jugendliche, die von New York bis Brasilien um den Erdball gejettet waren.

Auch Tina Bernhard ist schon weit gereist. In Berneck aufgewachsen, lebte sie nach ihrer Spanisch-Matura in Argentinien und Kuba, wo sie eine Pfarrerin begleitete. Das bestärkte sie darin, in Basel Theologie zu studieren. «Ich habe schon als Kind immer an Gott geglaubt.» Der Glaube habe sich aber verändert. «Ich wurde freier im Studium, machte mir mehr eigene Gedanken.»

Vom Maschinenzeichner zum Sinnsucher

«Bei mir ging es weniger gradlinig auf die Theologie zu», sagt Christian Bernhard, der eine SBB-Uhr trägt. Er arbeitete als Maschinenzeichner bei Stadler Rail in Bussnang, holte die Matur nach und entschied sich dann für ein Theologiestudium, «weil es mich irritiert und zugleich fasziniert.» Es habe etwas Widerborstiges, stehe neben dem Zeitgeist, sei jedoch eine gute Möglichkeit, sich mit Sinnfragen auseinanderzusetzen. Etwa mit der Frage: Wenn man in eine Krise schlittert – was hat der Glaube dann für ein Potenzial für mich? «Das Gebet ist für mich eine Möglichkeit auszusprechen, was in mir ist», sagt der 33-Jährige. Es zähle nicht nur das naturwissenschaftliche Messbare. «Es gibt noch mehr. Positive Kräfte, die wirken. Als Christ nenne ich das Gott.» Um den Austausch über solche Themen geht es in der Gruppe «Spotlight», die sich in Gossau monatlich trifft. Fünf bis zehn junge Erwachsene, darunter ein Atheist, der die Kirche jedoch toll findet, ein katholischer Jugendarbeiter und ein Freikirchler, diskutieren. «Jeder bringt seine Prägung mit», sagt der Pfarrer.

Musikalische Walfische

Und was machen die Bernhards, wenn sie nicht gerade predigen? Sie spielt Querflöte und tanzt, er spielt Gitarre und singt in einer Indie-Band namens «Jona and the Wales». Der Schlagzeuger heisse Jona, die anderen seien die Walfische. «Und wir sind ÖV-Freaks.» Das Paar engagiert sich für den Erhalt alter Zürcher Trams. Als Kondukteure gekleidet, überraschen sie Passanten und laden sie zu einer Nostalgie-Fahrt durch die Limmatstadt ein.

Amtseinsetzung am So, 27.10, 9.40 Uhr, Kirche Haldenbüel, Gossau

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.