Darüber sprechen trauernde Gossauerinnen und Gossauer beim Trauerstamm

In Gossau treffen sich Menschen, die einen Verlust verarbeiten müssen, zum Trauerstamm. Im gemeinsamen Gespräch helfen sie sich gegenseitig.

Corinne Allenspach
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Ein halbes Dutzend Trauernde trifft sich zum zweiten Trauerstamm. (Bild: Michel Canonica (16. November 2018))

Ein halbes Dutzend Trauernde trifft sich zum zweiten Trauerstamm. (Bild: Michel Canonica (16. November 2018))

Da ist er wieder, immer ein- und derselbe schmerzhafte Gedanke. Sie wäre so gern dort gewesen und hätte ihre Hand gehalten. Aber die Tochter, noch nicht einmal Mitte 50, starb, ohne dass ihre Mutter bei ihr im Spital gewesen war. «Man hört oft, dass ein Mensch die nächsten Angehörigen nicht mehr bei sich haben möchte, wenn er soweit ist», sagt Jacqueline Bollhalder, Seelsorgerin der katholischen Kirchgemeinde Gossau. Aber sie sei sicher, jemand vom Pflegepersonal habe sie begleitet. «In diesen Momenten lässt man einen Menschen nicht allein.»

Es sind berührende Gespräche an diesem Nachmittag im Bistro Witenwis. Ein halbes Dutzend Personen sind zum Trauerstamm gekommen, der erst zum zweiten Mal stattfindet. Es ist ein neues ökumenisches Angebot der evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Gossau-Andwil und der Seelsorgeeinheit Gossau. Und eine Ergänzung zum Trauercafé.

Zwei Angebote für Trauernde

 Der heutige Spitalseelsorger des Kantonsspitals St. Gallen, Sepp Koller, ist «Vater» des Gossauer Trauercafés. Dieses findet seit 2015 einmal pro Monat im Friedegg-Treff statt, begleitet von Pfarrerin Friederike Herbrechtsmeier und Jacqueline Bollhalder. Nächstes Mal morgen Mittwoch, von 19.30 bis 21.30 Uhr. Die Idee des ökumenischen Angebots ist, sich in der Trauer auszutauschen. Das Erzählen hat ebenso Platz wie Gebet und Andacht und zwei Ausflüge pro Jahr. Jeder Abend ist einem Thema gewidmet, morgen geht es um die bevorstehenden Festtage. Während im Trauer-Café die Trauerverarbeitung thematisch angegangen wird, soll der neue viermal jährliche Stamm im Bistro Witenwis einfach ein Begegnungsort, ein Treffpunkt für Trauernde sein. Wenn jemand allein sei, habe man ja oft keinen Grund, aus dem Haus zu gehen, sagen die Organisatorinnen. Eine Anmeldung ist bei beiden Angeboten nicht nötig. Der nächste Café-Stamm findet am 13. März 2019 von 9 bis 10 Uhr statt. (cor)

Spüren, dass man nicht alleine ist

Seine Frau sei in seinen Armen gestorben, erinnert sich der einzige Mann in der Runde.

«Damit konnte ich ihr beide Wünsche erfüllen. Sie wollte immer vor mir sterben und in meinem Beisein.»

Bollhalder und die evangelische Pfarrerin Friederike Herbrechtsmeier, die den Stamm begleiten, wissen, wie wichtig es ist, sich an Verstorbene zu erinnern. «Oft hat man ja Angst, dass man einen geliebten Menschen mit der Zeit vergisst.» Mit den Angehörigen darüber zu sprechen, sei aber oft schwierig. «Manchmal wollen und können sie nach einer gewissen Zeit nicht mehr zuhören.»

Beim Trauerstamm aber hören alle aufmerksam zu. Jeder Teilnehmer hat in jüngster Zeit von einem lieben Menschen Abschied nehmen müssen. Darum komme sie auch gern, sagt eine Frau Mitte 50, die ihren gleichaltrigen Lebenspartner verloren hat.

«Man merkt, dass man nicht allein ist mit dem Schmerz, das tut gut. Es trägt einen.»

Wie das GA über einen Verlust hinweghelfen kann

Jeder kann, aber niemand muss über seine Trauer sprechen. Auch jedes andere Thema hat Platz. So freut sich die Gruppe auch über das Urgrossmutter-Glück einer Teilnehmerin. «Wie geht es dir?», will Pfarrerin Herbrechtsmeier von einer Teilnehmerin wissen. «Gut, wirklich gut», antwortet die Frau, die vor über einem Jahr ihren Mann verloren hat. Sie habe ihren Weg gefunden. Geholfen habe ihr der Kauf des Generalabonnements. «Das ist das Beste, was ich tun konnte», ist sie überzeugt. Jetzt reise sie oft ganz allein durch die Schweiz. Etwas, das sie zuerst lernen musste, worauf sie aber mit ihren gegen 80 Jahren stolz ist.

«Es hat mir gut gefallen», verabschiedet sich der einzige Mann kurz darauf. Das freut die Organisatorinnen besonders. Denn Männer sind rar in den Treffs. «Sie haben meist nicht das gleiche Bedürfnis, eine schwierige Situation mit anderen zu besprechen», sagt Jacqueline Bollhalder. «Das liegt uns Frauen wohl einfach näher.»