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«Genug Platz für ein paar Leute mehr»: Was Passanten in der Stadt St.Gallen zu einer Aufnahme von Moria-Flüchtlingen sagen

Nach dem katastrophalen Brand in Europas grösstem Flüchtlingslager Moria stehen Tausende von Menschen ohne Unterkunft, Verpflegung und Versorgung da. In der Schweiz haben sich acht grosse Städte für die Aufnahme von Moriaflüchtlingen bereit erklärt, darunter auch die Stadt St.Gallen. Unter den Passanten in Stadt herrscht Einigkeit darüber, Menschen hier zu beherbergen.

Basil Schnellmann und Aybüke Köseoglu
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Tausende Menschen haben ihre Unterkunft beim Brand im Flüchtlingscamp Moria verloren.

Tausende Menschen haben ihre Unterkunft beim Brand im Flüchtlingscamp Moria verloren.

Bild: Getty Images

Vergangene Woche ist Europas grösstes Flüchtlingslager zu grossen Teilen abgebrannt. Wer für den Brand verantwortlich war, ist noch ungeklärt. Die griechische Regierung lässt deshalb zurzeit niemanden ausreisen. Tausende Menschen stehen ohne Unterkunft, Verpflegung sowie Versorgung da – mitten in der Corona-Epidemie. Die Frage, ob europäische Länder Flüchtlinge aufnehmen sollen, steht im Raum. In der Schweiz haben sich bereits acht grosse Städte dafür ausgesprochen, Menschen aus Moria aufzunehmen. Darunter auch die Stadt St.Gallen. Doch der Bund blockt ab: Laut Bundesrätin Karin Keller-Sutter sei eine Aufnahme nicht möglich, da es an den rechtlichen Grundlagen fehle.

In der Stadt St.Gallen stösst die Bereitschaft des Stadtrates, einen kleinen Teil der Flüchtlinge aufzunehmen trotzdem auf grosse Zustimmung. Kritische Stimmen lassen sich nur schwer finden und zumeist wollen Gegner ihre Meinung nicht öffentlich äussern.

Rasim Öztas (57), freier Journalist, St.Gallen.

Rasim Öztas (57), freier Journalist, St.Gallen.

Rasim Öztas (57), freier Journalist, St.Gallen: Ich bin selber vor zwölf Jahren als Flüchtling hierher gekommen. Ich bin klar für eine Aufnahme der Flüchtlinge in St.Gallen, wobei sich meiner Meinung nach nicht nur St.Gallen beziehungsweise die Schweiz, sondern ganz Europa an der Problemlösung beteiligen sollte. Die Menschen leben unter menschenunwürdigen Bedingungen in den Camps in Moria. Die EU, als Unterzeichnerin der Menschenrechtskonvention, müsste doch genau darum umso mehr handeln.


Josephine Assayech (25), Strategische Einkäuferin, St.Gallen.

Josephine Assayech (25), Strategische Einkäuferin, St.Gallen.

Josephine Assayech (25), Strategische Einkäuferin, St.Gallen: Wir haben hier das Glück, zu den wohlhabenderen Ländern zu gehören. Darum finde ich, eine Aufnahme von Flüchtlingen sollte möglich sein. Als Seconda mit italienischen Wurzeln finde ich die Multinationalität eine nicht wegzudenkende Eigenschaft der Schweiz. Am Ende wird es um die Integration dieser Menschen gehen. Nach meiner Erfahrung wären dazu viele Leute willig. Sie bekommen jedoch nicht die Gelegenheit, dies zu zeigen.


Sabina Schütz (43), Archiv und Dokumentation Kunstgiesserei, St.Gallen.

Sabina Schütz (43), Archiv und Dokumentation Kunstgiesserei, St.Gallen.

Sabina Schütz (43), Archiv und Dokumentation Kunstgiesserei, St.Gallen: Wir müssen unbedingt Flüchtlinge in St.Gallen aufnehmen. Uns geht es gut hier, ausserdem haben wir die nötige Kapazität: Warum sollten wir den Menschen in Not nicht helfen? Ich kann mir vorstellen, dass es schwierig sein wird, mit traumatisierten Menschen zusammen zu leben. Aber in der aktuellen Lage finde ich, müssen wir diesen Menschen beistehen.


Selina Laura Spall (24), Fachperson Betreuung, St.Gallen.

Selina Laura Spall (24), Fachperson Betreuung, St.Gallen.

Selina Laura Spall (24), Fachperson Betreuung, St.Gallen: Meiner Meinung nach haben wir genug Platz für ein paar Leute mehr in dieser Stadt. Diese Menschen, die nun ohne Heimat sind, können uns bereichern mit ihrer Kultur. Sie können uns neue Perspektiven vermitteln, für die wir einstehen. Ich bin für ein St.Gallen für alle.


Enrico Pelosi (48), Versicherungsberater, St.Gallen.

Enrico Pelosi (48), Versicherungsberater, St.Gallen.

Enrico Pelosi (48), Versicherungsberater, St.Gallen: Ich finde, Flüchtlinge sollen aufgenommen werden, aber es kommt auf den Grund ihrer Flucht an: Ich habe Mühe mit Wirtschaftsflüchtlingen, jedoch nicht mit Verfolgten oder Kriegsflüchtlingen. Trotzdem müssen Kapazität und ein klarer Plan vorhanden sein, wie die Flüchtlinge untergebracht und beschäftigt werden. Genau dort sehe ich allerdings das grösste Problem Europas: Es existiert keine wirkliche Flüchtlingspolitik.


Ueli Vogt (54), Kurator, St.Gallen.

Ueli Vogt (54), Kurator, St.Gallen.

Ueli Vogt (54), Kurator, St.Gallen: Auf jeden Fall sollen Flüchtlinge aufgenommen werden. Das sind doch Menschen wie wir auch. Wir haben es hier in der Schweiz wirklich sehr gut, was man von den Zuständen in diesen Flüchtlingcamps überhaupt nicht sagen kann. Man muss bedenken, früher oder später holt uns das Problem sowieso ein. Da wir von der Welt profitieren, sollte uns auch daran gelegen sein, uns mit den Problemen der Welt zu beschäftigen.


Lukas Schwendemann (25), HSG-Student, Jestetten (DE).

Lukas Schwendemann (25), HSG-Student, Jestetten (DE).

Lukas Schwendemann (25), HSG-Student, Jestetten (DE): Jeder Mensch hat eine Chance verdient. Lesbos und das Flüchtlingslager Moria bilden dabei keine Ausnahme. Deshalb bin ich grundsätzlich für die Aufnahme von Flüchtlingen. Allerdings muss man versuchen die Probleme vor Ort anzugehen, schliesslich kann Europa nicht unendlich Flüchtlinge aufnehmen.


Amélie Rosselet (18), FMS-Schülerin, Flawil.

Amélie Rosselet (18), FMS-Schülerin, Flawil.

Amélie Rosselet (18), FMS-Schülerin, Flawil: Wir können es uns gar nicht vorstellen, wie es ist, irgendwo hinzugehen und nicht mit offenen Armen empfangen zu werden. Genau das ist aber die Situation der Flüchtlinge, unter anderem jenen aus Moria. Ich bin der Überzeugung, dass es besser ist, sie aufzunehmen und zu integrieren, statt sie irgendwohin abzuschieben. Das ist einfach nur unmenschlich.


Shabir Sherzad (17), Berufsschule GBS, St.Gallen.

Shabir Sherzad (17), Berufsschule GBS, St.Gallen.

Shabir Sherzad (17), GBS-Berufsschule, St.Gallen: Ich selber stamme aus dem Afghanistan und bin erst vor drei Jahren in die Schweiz gekommen. Ich weiss aus eigener Erfahrung, wie es sich anfühlt ein Flüchtling zu sein. Hier in der Schweiz ist es besser. Deshalb finde ich es extrem wichtig, dass Flüchtlinge aufgenommen werden. Sonst kommen sie nie aus ihrer miserablen Situation heraus.