Geldregen im Fonduechalet: Warum in der Stadt St.Gallen die Mietpreise für Chalets durch die Decke gehen

Zwei Wirte verzichten wegen hoher Mietpreise auf ihr Chalet. Dabei rentiert das Geschäft mit der Winterromantik.

Diana Hagmann-Bula
Hören
Drucken
Teilen
Die Chalets des Lokals Dreilinden.

Die Chalets des Lokals Dreilinden. 

Ralph Ribi

Felle auf den Sitzen, Laternen statt Lampen, viel Holz: In den Fonduechalets der Stadt könnte man fast vergessen, dass draussen kein Schnee liegt, keine Skis für die Abfahrt bereitstehen und keine Berge zu erblicken sind. Stattdessen stolpert man mit Käse und Weisswein im Bauch mitten in den Stadttrubel.

In den Tagen vor Weihnachten ist ein Platz in einem der Chalets besonders begehrt. Doch auch sonst läuft das Geschäft mit der Behaglichkeit und Hüttenromantik blendend, wie die Betreiber betonen. Drei Fonduechalets hat die städtische Gewerbepolizei dieses Jahr fernab des Weihnachtsmarkts bewilligt, gleich viele wie 2018. Geblieben sind die Hütte bei der Südbar und das Alp-Chalet des «Eiszaubers» im Kreuzbleichepark, hinzugekommen ist die Hütte beim Restaurant Dreilinden. Verschwunden ist das Chalet vor dem Lokal «In & Out» am Oberen Graben. «Die erste Fonduehütte haben wir vor fünf Jahren bewilligt. Bis 2018 blieb es bei einer», sagt Sprecher Dionys Widmer. Vergangenes Jahr haben sich erstmals drei Anbieter um Fonduefreunde bemüht.

Für die einen lohnt sich der Aufwand, für andere nicht

Er habe das Restaurant In & Out aufgegeben und deshalb auch das Fonduechalet, sagt Gastrounternehmer Enrico Himmelberger. «Wir haben zwar einen neuen Standort nahe des Waaghauses gefunden, uns letztlich aber dagegen entschieden.» In seinem ehemaligen Chalet mit 80 Plätzen habe er innerhalb von neun Wochen jeweils 5000 bis 6000 Gästen Fondue serviert. «Am neuen Standort hätten wir nicht auf die Infrastruktur eines Lokals zurückgreifen können. Das hätte zusätzliche Kosten für WC, Kühlanlagen, Küche und vieles mehr bedeutet.» Kosten, die mit mehr Gästen und mehr verkauften Gerichten hätten gedeckt werden müssen. Das bedingt ein grösseres Chalet.

Das Fonduebeizli beim «Eiszauber».

Das Fonduebeizli beim «Eiszauber».

Ralph Ribi

Himmelberger liebäugelte mit einem Modell mit 140 Plätzen. «Doch die Mieten für Chalets sind horrend.» Er spricht von Kosten bis zu 50'000 Franken – «ohne Infrastruktur». In Zürich und Bern würden Fonduehütten wie Pilze aus dem Boden schiessen. «Die Betriebe dort können sich solche hohen Summen leisten. Sie haben das nötige Publikum. Das treibt die Chaletmietpreise aber überall nach oben.» Hinzu komme der «Eiszauber» mit dem Alp-Chalet als grosse Konkurrenz. «Wegen all dieser Gründe wollten wir das finanzielle Risiko nicht eingehen», sagt Himmelberger.

Ähnlich tönt es bei Ernesto Nicastro vom «Kolosseum». In einem Chalet vor dem Restaurant hat er letztes Jahr noch Ossobuco serviert. «Wir haben nicht draufgelegt, aber auch nicht viel verdient.» Der Aufwand – zusätzliches Personal auftreiben, Besteck und Teller zumieten – habe sich nicht gelohnt. Zudem zügle der «Eiszauber» Gäste ab, so Nicastro.

Das Chalet der Südbar.

Das Chalet der Südbar.

Ralph Ribi

Oliver Scheuber vom Restaurant Dreilinden hingegen profitiert gerade sehr von der Hüttenzauberlust. «Es läuft hervorragend. Bis Weihnachten sind wir ausgebucht und im Januar fast schon voll», sagt er. 56 Plätze bietet sein Chalet, eigentlich wollte er es nur von Donnerstag bis Samstag öffnen. Seit drei Wochen können Gruppen aber auch von Montag bis Mittwoch Brot in Käse tunken. «Trotzdem mussten wir 200 bis 300 Leuten absagen.» Die Hüttenmiete? «Viel Geld für einen Jungunternehmer wie mich.» Zahlen will er keine nennen. Letztlich hat sich Scheuber für ein Chalet von Guido Albrecht von der Bierakademie entschieden. «Wir wollen es im Sommer während der EM wieder nutzen.» Bereut hat er seinen Mut, bisher kein bisschen.

«Markt in St.Gallen noch nicht gesättigt»

Auch Ruedi Gamper von der «Südbar» nicht. «Mega super», beschreibt er, wie sein Fonduechalet floriert. Letztes Jahr gab es die ganze Woche hindurch Fondue, nun nur noch dienstags und mittwochs, auf Vorbestellung. War das Gericht zu wenig gefragt? Gamper verneint und begründet: «Ich brauche Veränderung.» Für seine Gäste bedeutet das: Donnerstags gibt es Raclette, freitags Fleisch vom argentinischen Grill. Dem Snowboarder, der die Berge liebt, ist Authentizität wichtig. «Wir mieten keine Attrappenhütte, wir haben das Chalet selber gebaut.» Mit massiven Balken, wie sie für Hütten in den Bergen verwendet werden. An der Wand hängt ein echtes Hirschgeweih. Doch sogar Gamper, der mit dem Geschäft zufrieden ist, verweist auf den Konkurrenten «Eiszauber».

Auf der Kreuzbleiche sind die 220 Plätze im Alp-Chalet bis Ende Monat fast jeden Abend ausverkauft. «Guter Wirt, gutes Personal, gute Qualität»: Darauf führt André Moesch, Leiter Events bei CH Media, den Erfolg zurück. Der Kritik der Wirte entgegnet er mit verschiedenen Argumenten. Auch in anderen Städten würden grössere und kleinere Anbieter nebeneinander bestehen können. Mit einem Medienunternehmen im Rücken (zu ihm gehört ebenfalls das «St.Galler Tagblatt») besitze der «Eiszauber» vielleicht ein grösseres Werbebudget, aber er habe auch Nachteile gegenüber eingesessenen Gastronomen: «Wir müssen die ganze Infrastruktur vor Ort aufbauen, sie nicht.» Kleine Gastronomen mit grossen Ideen hätten die gleichen Chancen auf Umsatz wie der «Eiszauber». «Man muss heute einfach mehr bieten als nur Fondue. Wir tun das mit Eislaufen und Eisstockschiessen ja auch.» Natürlich sei der Markt irgendwann gesättigt, so Moesch weiter. «Aber in St.Gallen ist es noch nicht so weit.»