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Gartenparadies zwischen Gleisen in St.Gallen

Wo sich Fuchs und zehn Bienenvölker gute Nacht sagen: Seit Jahrzehnten bewirtschaften Hobbygärtner einen Landstrich zwischen Gleisen im Westen der Stadt. Einige Parzellen müssen bald weichen. Ein Besuch.
Malolo Kessler
Das Gartenareal liegt zwischen den Gleisen der SBB und SOB, parallel zur Fürstenlandstrasse im Westen der Stadt. (Bild: Benjamin Manser)

Das Gartenareal liegt zwischen den Gleisen der SBB und SOB, parallel zur Fürstenlandstrasse im Westen der Stadt. (Bild: Benjamin Manser)

Irgendwo gackern Hühner. Zwischen mannshohen Maispflanzen gedeihen Kürbisse, in den Beeten nebenan wachsen Salate und Tomaten, die Bäume tragen rote und grüne Äpfel, Zwetschgen und Kirschen. Es blüht, spriesst, flattert, zwitschert, summt und surrt überall. Und ab und zu braust links oder rechts ein Zug vorbei. Je nachdem, ob es ein Zug der SOB oder einer der SBB ist, hebt Hans Anderegg seine Stimme oder hält kurz inne.

Der 80 jährige Pensionär gärtnert seit 50 Jahren hier im Westen der Stadt. Sein Naturparadies, wie er es nennt, liegt ein Stückchen hinter der Coop-Tankstelle und dem «Update Fitness» an der Fürstenlandstrasse, versteckt an einer Böschung zwischen den Gleisen von SBB und SOB.

Neun Parzellen, entstanden vor mehr als 100 Jahren

Hans Anderegg ist nicht der einzige, der hier komplett umfasst von Gleisen gärtnert. Neun Parzellen sind es mittlerweile, die Pächter sind nicht in einem Verband organisiert wie auf den meisten anderen Gartenarealen. «Aber wir sind eine gute Gemeinschaft.» Etwa die Hälfte der Gärten, jene stadteinwärts, muss nun bald weichen: Die SBB, Verpächterin des Bodens, baut auf diesem Teil des Areals einen Leitungsschaltposten (siehe Zweittext). Hans Andereggs Parzelle ist nicht betroffen. «Aber das kann sich rasch ändern», sagt er, blinzelt hinter den sich selbsttönenden Brillengläsern in die Sonne, rückt das Tächlikäppli zurecht. Die Pächter wüssten, dass sie nichts tun könnten – dennoch sei es «sünd und schad» um dieses kleine Naturparadies mitten in der Stadt.

Entstanden sind die Gärtchen und Hütten vor mehr als 100 Jahren. Angelegt wurden sie, wie viele dieser Gärten in der Schweiz, von Bahnangestellten, die sich damit teilweise selbst versorgten und ihre Parzelle nach Jahrzehnten jeweils an Bahnkollegen weitergaben. So ist auch Hans Anderegg zu seinem Garten gekommen, der einst einem Rangiermeister gehört hatte: Fast sein ganzes Leben hat der Stadtsanktgaller als Kondukteur für die SBB gearbeitet, zuvor war er unter anderem einer der Hausschreiner des Bürgerspitals.

Füchse und Fische, Igel, Marder und Bienen

Mittlerweile in seinem Gartenhäuschen angekommen, klappt Hans Anderegg den Laptop auf. Zu sehen sind Infrarotaufnahmen von Füchsen auf dem Areal. Sie kommen hierher um zu trinken, schnuppern, markieren und zur Mäusejagd. «An der gegenüberliegenden Böschung ziehen sie jeweils die Jungen auf. Auch Igel und Marder leben hier», erzählt Anderegg, führt dann in den hinteren Teil seines Garten: Fische schwimmen in einem Biotop, Schildkröte Fred streift durch die Wiese. Es summt aus allen Richtungen: Der Pensionär hält seit 40 Jahren Bienen in selbstgezimmerten Kästen.

Um den Honig von den Waben abzuschleudern, nutzt Anderegg, der mittlerweile Ehrenmitglied des Bienenzüchtervereins St. Gallen und Umgebung ist, ausschliesslich Solarstrom. Im Moment sind es zehn Völker, die sich an den Blüten der Bäume laben. Eines davon ist ein sogenananntes «Waagvolk», von denen es derzeit 21 in der Schweiz gibt. Bei diesen «Waagvölkern» erfassen spezielle Waagen allerlei Daten, die den Schweizer Imkerorganisationen zur Auswertung von Statistiken dienen.

Hans Anderegg ist einer, der zu jedem Strauch, zu jedem Baum in seinem Garten eine Anekdote erzählen kann. Und es auch gerne tut. Viele Bäume hat er vor Jahrzehnten irgendwo als Findlinge vom Strassenrand gepflückt. Das Efeu, das überall wächst, hat er vor 25 Jahren aus einem Zweig gezogen, den er eines Abends von der Mauer der Kirche St. Otmar abgezwackt hatte. Und einst hatte der dreifache Vater, der seit 57 Jahren verheiratet ist, hier eine Bienenkönigin, die ein Kollege aus dem damaligen Jugoslawien in dessen Vespasattel extra in die Schweiz geschmuggelt hatte.

«Das muss man sich einmal vorstellen»

Der Rentner, lächelt und hebt vorsichtig Schildkröte Fred hoch, der er nach jedem Winterschlaf den Schnabel abschleift, damit sie wieder richtig fressen kann.

Schildkröte mit Telefonnummer

Vor Jahren habe sich eine andere Schildkröte in den Garten verirrt, erzählt Anderegg dann. Sie war ganz verdreckt. Unter dem Dreck kam – notiert auf dem Panzer – eine Telefonnummer zum Vorschein. «So konnte sie wieder zurück zu ihrer Besitzerin.» Dass sein Fred einst ausbüxt, ist unwahrscheinlich: Die gut 30-jährige Schildkröte darf zwar jeden Tag mit Anderegg in den Garten, sie folgt ihm aber auf Schritt und Tritt. Und abends, wenn er sein Paradies verlässt, kommt sie wieder mit heim. Dann aber im Migros-Sack, damit der Heimweg nicht allzu lange dauert.


SBB planen Schaltposten

Auf einem Teil des Areals zwischen den Gleisen planen die SBB den Bau eines Leistungsschaltpostens. «Dieser ist unabdingbar, damit die Stromversorgung der Eisenbahn in der Ostschweiz auch in Zukunft gesichert ist», schreibt die Medienstelle auf Anfrage. Den Pächtern der betroffenen Parzellen, die kürzlich über die Pläne informiert wurden, seien Ersatzstandorte in unmittelbarer Nähe angeboten worden. Nach jetzigem Planungsstand rechnen die SBB mit einem Baubeginn frühestens im Frühjahr 2020. (mke)

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