Gaiserwalds geplatzte Fusion

Vor 60 Jahren wollte sich die Gemeinde mit St.Gallen zusammenschliessen. Während sich die Stadt zierte, erlebte Gaiserwald ein starkes Wachstum – und verlor seinerseits das Interesse.

Adrian Lemmenmeier
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Die Sitter trennt Gaiserwald von St.Gallen. Das Vorhaben, die beiden Gemeinden zusammenzulegen, schickte das Stimmvolk 1975 bachab. (Bild: Hanspeter Schiess)

Die Sitter trennt Gaiserwald von St.Gallen. Das Vorhaben, die beiden Gemeinden zusammenzulegen, schickte das Stimmvolk 1975 bachab. (Bild: Hanspeter Schiess)

Die Stadt St.Gallen, wie wir sie heute kennen, entstand vor 100 Jahren: 1918 verschmolzen die Gemeinden Alt-St. Gallen, Tablat und Straubenzell. Doch zum Club von Gross-St. Gallen wollten noch zwei andere Gemeinden stossen. Wittenbach versuchte 1914 vergeblich, auf den Fusionszug aufzuspringen (siehe Zweittext). Vor 60 Jahren unternahm dann Gaiserwald einen Anlauf.

Gute Steuerzahler gegen Bauland

In den 1950er-Jahren herrschte in Gaiserwald eine wirtschaftliche Flaute. Vom Nachkriegsboom war in Abtwil, Engelburg und St. Josefen noch nichts zu spüren. Ausserdem fielen Ausgaben für Infrastruktur an, die man in der Stickereikrise der Zwischenkriegszeit hinausgeschoben hatte. 1958 gründete der Gaiserwalder Gemeinderat mit einigen Privatpersonen das «Initiativkomitee zur Frage der Eingemeindung». In der Bevölkerung stiess die Idee eines Anschlusses an St. Gallen auf breite Unterstützung, wie der Historiker Stephan Heuscher in der Gaiserwalder Geschichte schreibt.

In einem Schreiben an den St. Galler Stadtrat argumentierte das Gaiserwalder Komitee, die Probleme St. Gallens und Gaiserwalds würden ineinandergreifen. Und sie seien am besten «durch die Einschmelzung unserer Gemeinde» zu lösen. Solche Probleme seien etwa die schlechte Verkehrsanbindung der Gemeinde, aber auch die Abwanderung guter Steuerzahler in ländliche Gegenden. Diese zügelten anscheinend nach Gaiserwald, obwohl dort der Steuerfuss mehr als 100 Prozentpunkte über jenem der Stadt lag. Schliesslich gebe es in Gaiserwald Baugebiete, die für die Stadt attraktiv seien – trotz schlechter Verkehrsanbindung.

Eine Motion im St. Galler Gemeinderat verschaffte dem Fusionsvorhaben Rückenwind. Sie verpflichtete den Stadtrat, die Eingemeindung Gaiserwalds zu prüfen. Dieser gab beim Zürcher Planungsexperten Hans Aregger ein Gutachten in Auftrag. Das Ergebnis war aus Gaiserwalder Sicht ernüchternd, wie Mirjam Mayer im Buch «1918-2018 – Vereinigte Stadt, getrennte Gewalten», aufzeigt. Aregger riet der Stadt von einer Fusion ab, weil der «Ergänzungssiedlungsraum» auch ohne den Zusammenschluss erhalten bliebe. Und weil eine Erschliessung Gaiserwalds sehr kostspielig wäre.

Der Stadtrat wollte daraufhin auf Zusammenarbeit statt Fusion setzen. In Gaiserwald aber bemängelte man, Areggers Bericht sei «etwas schematisch» ausgefallen. Er trage den aktuellen Verhältnissen, die eine optimistischere Zukunftsperspektive zuliessen, zu wenig Rechnung.

Auf die Flaute folgt der Aufstieg

Tatsächlich begann Gaiserwald, gerade in dieser Zeit stark zu wachsen. Abtwil und Engelburg erlebten in den frühen 1960er-Jahren einen kräftigen Bauboom. Zwischen 1964 und 1984 verdoppelte sich die Bevölkerung. Die Zuzüger brachten Steuergelder, ermöglichten Investitionen und Steuersenkungen.

1967 war der Gaiserwalder Gemeinderat wegen solch rosiger Aussichten nicht mehr an einer Fusion interessiert. Er schlug dem Stimmvolk vor, das Projekt zu beerdigen. Doch drei Viertel der Gaiserwalder wollten die Eingemeindung weiterverfolgen. Viele von ihnen fühlten sich offenbar mit der Stadt verbunden.

So setzten die beiden Gemeinden noch eine Kommission zur Eingemeindung ein. Diese kam 1972 zum Schluss, dass für keine der beiden Gemeinden die Vorteile gross genug wären, um den Aufwand ineieiner Fusion zu rechtfertigen. Mit einer Volksabstimmung schickten die Gaiserwalder das Vorhaben, aus dem Grenzfluss Sitter einen Stadtfluss zu machen, 1975 bachab.

Wittenbach kommt zu spät

Als der Zusammenschluss von Alt-St. Gallen, Tablat und Straubenzell noch ausgemarcht wurde, bekundete 1914 auch Wittenbach Interesse, sich Gross-St. Gallen anzuschliessen. Der südliche Teil der Gemeinde rage ins Gebiet von Gross-St. Gallen hinein, was in Zukunft zu einem Zusammenwachsen der Kommunen führen werde, schrieb der Gemeinderat an das kantonale Departement des Innern. Ausserdem müsse man damit rechnen, dass sich in Zukunft mehr Arbeiter in Wittenbach ansiedelten, weil sie die hohen Mieten in der Stadt bald nicht mehr bezahlen könnten. Dies bedeute für Wittenbach höhere Kosten für Infrastruktur.

Wittenbachs Angebot stiess nicht auf Gegenliebe. Sowohl St. Gallen als auch Tablat und Straubenzell machten deutlich, dass sie kein Interesse an einem weiteren Zusammenschluss hatten. Zu diesem fortgeschrittenen Zeitpunkt auch noch Wittenbach einzubeziehen, würde die Fusion nur verzögern, schrieb etwa der Gemeinderat Straubenzells.