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Die Stadt St.Gallen ist fürs Hochwasser gerüstet

Die Stadt verzeichnet einen Fortschritt beim Hochwasserschutz. Das Rückhaltebecken in St.Georgen ist fertig, die Mess- und Alarmierungssysteme sind installiert, das Notfallkonzept steht. Doch bis es so weit war, ist viel Wasser die Steinach hinuntergeflossen.
Christina Weder
Der Rütiweier und sein neuer Durchlass: Pro Sekunde fliessen konstant zwei Kubikmeter Wasser durch. (Bild: Bilder: Urs Bucher)

Der Rütiweier und sein neuer Durchlass: Pro Sekunde fliessen konstant zwei Kubikmeter Wasser durch. (Bild: Bilder: Urs Bucher)

Steil führt der Weg zum Damm hinauf. Oben angekommen, ist nicht viel Wasser zu sehen. Der Rütiweier gleicht eher einem Tümpel als einem Weiher, der seinem Namen gerecht wird.

Allerdings: Platz für zusätzliches Wasser wäre zur Genüge vorhanden. Denn bei Hochwasser dient der Rütiweier künftig als Rückhaltebecken, das bis zu 100000 Kubikmeter Wasser zu fassen vermag. Ende 2017 wurde der Damm fertiggestellt. Nun sind noch die letzten kleineren Arbeiten an der Mess- und Alarmierungstechnik abgeschlossen worden. Damit geht das Herzstück des Hochwasserschutzes an der Steinach in Betrieb. Aus diesem Grund hat die Stadt gestern zur Medienorientierung vor Ort eingeladen.

Das Gefahrenpotenzial erkannt

Stadtingenieur Beat Rietmann zeigte sich zufrieden mit dem Abschluss der Arbeiten und erinnerte an die Anfänge des Projektes. So hatten Unwetter in den Jahren 2002 und 2005 im Quartier St. Georgen Schäden von einer Million Franken verursacht. Damals hat laut Rietmann ein Umdenken stattgefunden: «Man hat erkannt, dass der Oberlauf der Steinach für die Stadt ein erhebliches Gefahrenpotenzial bedeutet.»

Daraufhin wurden bauliche Massnahmen zum Hochwasserschutz beschlossen. Eine der wichtigsten ist – neben der Steinach-Dole beim Müllertor – das Rückhaltebecken beim Rütiweier. Ein Durchlass im Damm sorgt dafür, dass nicht mehr zu viel Wasser den Rütibach hinunterrauscht und in die Steinach mündet. Die Schieberklappen sind so eingestellt, dass konstant zwei Kubikmeter Wasser pro Sekunde durchfliessen – auch im Falle von Hochwasser. Was zu viel ist, wird im Becken zurückgestaut, bis sich die Lage entspannt hat. So könnten im Ernstfall bis zu 75 Prozent des Wasserzuflusses zurückbehalten werden. Rietmann sagt: «Das bedeutet eine deutlich spürbare Entlastung in Richtung St. Georgen und Stadtzentrum.»

Das Bauwerk umfasst nicht nur den Damm. Ins Auge fallen Stahlstäbe, die im Falle eines «katastrophalen Hochwassers» als Grobholzrechen dienen und heruntergespülte Bäume auffangen würden. Das Wasser würde in diesem Fall den Kanal für Notentlastung hinunterfliessen.

Was bisher geschah: Vom Industrieweiher zum Rückhaltebecken

1836 Bei der Vereinigung von Rüti- und Notentöbelibach ob St. Georgen wird ein Damm erstellt. Der Rütiweier entsteht. Er versorgt Fabriken entlang der Steinach auch in trockenen Zeiten mit Wasserkraft.

1965 Der Unternehmer Max Hungerbühler kauft die Parzelle und nutzt den Weiher als Fischteich. Baden ist verboten. Nicht alle halten sich daran.

1990 Der Damm ist sanierungsbedürftig. Aus Sicherheitsgründen wird auf Anordnung des Bundesamtes für Wasserwirtschaft der Wasserspiegel gesenkt. Der Weiher beginnt zu verlanden. Die Diskussion um seine Zukunft setzt ein.

1996 Es gibt verschiedene Ideen zur Rettung des Weihers. Schliesslich erhält der Damm einen Einschnitt, der Weiher wird geleert.

2007 Max Hungerbühlers Erben schenken das 44000 Quadratmeter grosse Gelände der Stadt, die es für den Hochwasserschutz nutzen will.

2013/14 Beginn der Bauarbeiten.

2018 Das Rückhaltebecken samt Damm ist fertiggestellt.

Überraschungen und Probleme beim Bau

Der Weg zum vollendeten Rückhaltebecken war keineswegs einfach. Die Bauzeit kostete Nerven. Statt einem Jahr nahm der Bau des Damms ganze vier Jahre in Anspruch. Er schien kein Ende zu nehmen. Nicht nur schlechtes Wetter verzögerte den Baufortschritt. Es geschah auch Unvorhergesehenes. So kam etwa eine Böschung oberhalb der Zufahrtsstrasse nach starken Regenfällen ins Rutschen. Oder der alte Durchlassstollen sorgte für Kopfzerbrechen, wie Matthias Peterer, Projektverfasser des Ingenieurbüros Grünenfelder & Lorenz, sagt. Der Stollen musste schliesslich aufwendig saniert werden – auch das unplanmässig. Eine der grössten Herausforderungen war jedoch, geeignetes Aushubmaterial für die Aufschüttung des Dammes aufzutreiben. Denn es musste bestimmte Auflagen erfüllen, die der Bund für den Bau von Stauanlagen vorschreibt. Zweimal wurden die Bauarbeiten gestoppt, da das Material ausgegangen war. «Es hat länger gedauert, als wir gedacht haben», sagt Rietmann. «Doch die Sicherheit des Damms war für uns immer oberstes Gebot.» Da habe man keine Abstriche machen wollen.

Die Verzögerungen hatten nicht zuletzt Mehrkosten zur Folge. Das Projekt, an dem sich Stadt, Kanton und Bund zu je einem Drittel beteiligen, war auf 2,9 Millionen Franken veranschlagt. Bereits vor zwei Jahren musste ein Zusatzkredit in der Höhe von 600000 Franken eingeholt werden. Nun sei noch ein «kleinerer Nachtragskredit» im Bereich von ein paar Prozent nötig, sagt Stadtingenieur Rietmann. Eine genaue Zahl will er noch nicht nennen.

Marcel Spielmann, Fachspezialist Wasserbau beim städtischen Tiefbauamt, kümmert sich um die Betriebssicherheit und den Unterhalt. Auf dem Gelände sind mehrere Messsystemen installiert. Sie messen das Grundwasser im Damm, den Wasserspiegel oder die Regenmenge. Wird ein bestimmter Pegel erreicht, geht automatisch ein Alarm bei der Einsatzzentrale der Feuerwehr ein.

In dem halben Jahr, seit der Damm fertig ist, war das noch nicht der Fall. Es sei noch kein Unwetterereignis eingetreten, bei dem man Schäden vermeiden konnte, sagt Peterer. Die Bewährungsprobe steht also noch aus.

Rütiweier soll eine Naturperle bleiben

Der Rütiweier war einst ein idyllischer Waldsee, bevor sein Wasser abgelassen wurde. Er war ein Geheimtipp und ein Kleinod. Doch das Gebiet soll auch nach der Erstellung des Damms eine Naturperle bleiben. «Für Amphibien ist es noch immer ein wichtiges Laichgebiet», sagte Biologe Alfred Brülisauer vom WWF an der gestrigen Medienorientierung.

Die Naturschutzverbände hätten das Hochwasserschutzprojekt der Stadt anfänglich mit Argusaugen beobachtet. Sie reichten sogar Einsprache ein. Denn sie befürchteten, die intakte Auenlandschaft sei gefährdet. Das Ergebnis war eine Vergleichsvereinbarung mit der Stadt. Zudem bildete sich eine Projektgruppe im Bereich Landschaft und Ökologie, die den Bau des Rückhaltebeckens von Anfang an begleitete und sich während der vierjährigen Bauzeit etwa 20-mal traf.

Brülisauer, der Mitglied dieser Gruppe ist, spricht von einer «sehr besonderen Landschaft» mit seltenem Wildnischarakter und grosser Vielfalt. Es handle sich um einen Auenwald, wie man ihn sonst nur in intakten Flusslandschaften finde – etwa in Kanada. Mit dem Resultat zeigt sich Brülisauer zufrieden. Sämtliche Forderungen des Naturschutzes seien erfüllt worden. Projektverfasser Matthias Peterer sagt: «Wir haben darauf geachtet, den Naturraum möglichst wenig zu tangieren.» Man habe zwar im Weiher gearbeitet, doch die Natur habe sich den Raum schnell zurückerobert. «Die Narben sind fast verheilt.» Damit dies möglich war, haben die Verantwortlichen Anstrengungen unternommen. Während der Bauzeit schufen sie einen Ersatzweiher, um den Amphibien eine Laichmöglichkeit zu bieten. Sie retteten Saatgut, kultivierten es und brachten es aus, um den Damm zu begrünen und die lokale Vegetation möglichst wiederherzustellen.

Nur ein Ziel ist laut Biologe Alfred Brülisauer nicht erreicht worden. «Es ist nicht gelungen, die Geburtshelferkröte, die auch Glögglifrosch genannt wird, wieder anzusiedeln.» Die seltene und bedrohte Amphibienart kam im Gebiet vor, bis das Weiherwasser in den 1990er-Jahren abgelassen wurde. Nun sind noch Grasfrosch und Bergmolch im Gewässer zu Hause. (cw)

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