Bodensee
Für zwei rote Beine ein Strich: Ornithologen zählen Bestand der Lachmöwen in der Region am See

Ehrenamtliche Mitarbeitende der Vogelwarte Sempach, darunter Merlin Hochreutener, zählen am 6. Februar den Bestand der Lachmöwen an den Ufern der Schweizer Gewässer. Künstlich angelegte Brutflosse vor Romanshorn und Altenrhein helfen, die Vögel in der Region zu erhalten.

Vivien Huber
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Lachmöwen sind kleiner und unterscheiden sich von anderen Möwen auch durch rote Beine und einen roten Schnabel.

Lachmöwen sind kleiner und unterscheiden sich von anderen Möwen auch durch rote Beine und einen roten Schnabel.

Bild: Harry Kaelin

Hochreutener ist in der Ostschweiz aufgewachsen und hat seine Leidenschaft für die gefiederten Gesellen schon früh entdeckt. Mittlerweile ist der Wirtschaftsstudent und Ornithologe Mitarbeiter der Vogelwarte Sempach und Leiter der Jugendgruppe Natrix. Wenn er in seiner Freizeit gerade keine Kurse in Feldornithologie gibt oder Exkursionen plant, beobachtet er Vögel. Die Hotspots in unserer Region für Wasservögel seien das Rheindelta und Arbon, wo sich auch viele Lachmöwen aufhalten, verrät er. Diese seien für Passanten leicht erkennbar, da sie kleiner als andere Möwen sind und rote Beine und einen roten Schnabel haben, so der Ornithologe. Alle anderen seien grösser und haben grüne, gelbe oder fleischfarbene Beine und Schnäbel. «Lachmöwen sind gesellig, brüten in grossen Kolonien und verteidigen sich mit vereinten Kräften gegen Fressfeinde», sagt er.

Wenn es um die Speisekarte gehe, seien sie unkompliziert. Sie fressen kleine Fische und Muscheln und suchen tagsüber Körner und Würmer auf Äckern. «Das gelegentliche Verfüttern von Brot in kleinen Mengen ist nicht schlimm, aber auch nicht nötig. Möwen finden genügend natürliche Nahrung», sagt Hochreutener. Eine einseitige Ernährung mit Brot könne zu Verdauungsproblemen führen. Keinesfalls verfüttert werden dürfen gewürzte Essensreste oder verschimmeltes Brot.

Lachmöwen werden erstmals seit 1979 gezählt

Obwohl Hochreutener schon bei mehreren Vogel-Zählungen dabei war, sei das Zählen der Lachmöwen ein Novum. «Wie alle Wasservögel schlafen auch die Lachmöwen zum Schutz vor Fressfeinden auf dem Gewässer», sagt der Ornithologe. Im Gegensatz zu anderen Wasservögeln bleiben die Lachmöwen tagsüber während ihrer Nahrungssuche nicht in Ufernähe.

Die Vogelwarte Sempach zähle alle überwinternden Wasservögel zweimal pro Jahr und immer tagsüber an den Ufern. Dabei werden nicht alle Lachmöwen in der Zählung erfasst. Deshalb werde die Art am 6. Februar erstmals seit 1979 separat gezählt, und zwar am Abend vor der Dämmerung bei klarer Sicht, denn dann kehren die Lachmöwen zum Schlafen zurück. Ab 16 Uhr werde im Zeitintervall von dreissig Minuten gezählt und protokolliert, damit das Ergebnis möglichst genau werde. «Wir erfassen die Flugrichtung der Vögel und die Uhrzeit. Wenn ein Schwarm zu einem nächsten Posten weiterzieht, wissen wir, dass wir diesen nicht doppelt zählen müssen», so Hochreutener. Im Abschnitt von Romanshorn bis Altenrhein seien acht Zählende postiert.

Vögel aus ganz Europa überwintern in der Schweiz

Warum die Vögel im Winter in die Schweiz ziehen und weshalb sie im Sommer nicht bleiben, weiss der Ornithologe auch: «Die Lachmöwen brüten in Mooren und Teichen, die es bei uns nur noch selten gibt.» In der Region gebe es deshalb künstlich angelegte Brutflosse, um wenigstens einige Brutpaare zu halten. «In Romanshorn, bei der Mündung im Altenrhein, im Rheindelta und im Ermatinger Becken nutzen Lachmöwen diese.» Dafür sei die Schweiz einer der wichtigsten Überwinterungsplätze, weil im Gegensatz zu anderen Gegenden Europas Schweizer Gewässer nicht zufrieren und die Tiere einen sicheren Schlafplatz und genug Nahrung haben, so Merlin Hochreutener.

Livio Rey, der ebenfalls Ornithologe und Mediensprecher der Vogelwarte in Sempach ist, ergänzt: «Jedes Jahr überwintern rund 40000 Lachmöwen bei uns. Doch die Schätzung ist ungenau, weil das Monitoring der überwinternden Wasservögel nicht auf die Lachmöwe ausgerichtet ist. Mit der Schlafplatzzählung erhalten wir ein besseres Bild der Anzahl Lachmöwen, die bei uns überwintern. Diese genauere Schätzung ist nur durch den Einsatz zahlreicher Freiwilligen möglich, welche die Vogelwarte bei der Zählung unterstützen.»

Während man nun gespannt bis Ende Februar auf die Resultate warte, lohne es sich, bei Dämmerung die Hotspots aufzusuchen – und wer weiss, vielleicht sichtet man nicht nur Lachmöwen, sondern auch Ornithologen.