Interview

Ausschreitungen unter Jugendlichen und ein Anstieg sexueller Gewalt: Ein Gewaltexperte über die späten Folgen der Coronamassnahmen

In Deutschland kam es zu Ausschreitungen bei Anti-Corona-Demonstrationen. Besorgte Bürger, Impfgegner, Esoteriker trafen sich auch hierzulande. In der Schweiz sei das Problem jedoch ein anderes, sagt Gewaltexperte Dirk Baier von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften.

Viola Priss
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Gewaltexperte Dirk Baier von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften fordert, dass nun Jugendliche, die von Ausbildungs- und Arbeitslosigkeit bedroht werden, stärker gefördert werden.

Gewaltexperte Dirk Baier von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften fordert, dass nun Jugendliche, die von Ausbildungs- und Arbeitslosigkeit bedroht werden, stärker gefördert werden.

PD

Seit den Lockerungen schlagen Schweizer Opferberatungen Alarm: Die Fallzahlen sexueller Gewalt haben sich im Vergleich zu den Vormonaten teilweise verdoppelt, andernorts kam es zu gewalttätigen Ausschreitungen unter Jugendlichen. Mit welchen Folgen nun möglicherweise die Stadt St.Gallen zu rechnen hat, schätzt Gewaltexperte Dirk Baier von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ein.

Die Ausschreitungen um die Anti-Corona-Demonstration in Berlin geben Anlass zur Sorge. Drohen auch in Schweizer Städten derartige Bewegungen?

Dirk Baier: Ähnliche Demonstrationen gab es nach dem Ende des Lockdowns auch in der Schweiz. Hier waren es aber bloss an die 200 bis 300 Personen, darunter besorgte Bürger, Impfgegner, Esoteriker. Sicher waren vereinzelt auch Rechtsextreme darunter. Generell war die Mischung aber zu bunt, um einen gemeinsamen Nenner im Sinne einer Bewegung zu finden. In der Schweiz haben wir zudem eine andere Vorgeschichte, eine andere Grundzufriedenheit. Daher mache ich mir derzeit keine Sorgen um weitere Coronademos. Sorgen macht mir eher anderes.

Denken Sie da an die Jugendlichen?

Ja. Seit 2015 steigen die Zahlen von Gewalttaten in der Schweiz kontinuierlich. Jugendgewalt ist also nicht erst seit Corona ein Problem. Es gärt generell in der Schweizer Jugend. Hinzu kommt nun – wie wir in einer Studie herausfinden konnten – dass die Jugendlichen während des Lockdowns am meisten unter mangelndem Kontakt zu Gleichaltrigen gelitten haben. Das Zusammensein wird nun nachgeholt. Das heisst, die Coronakrise äussert sich eher verzögert und dann auch teilweise in aggressivem Verhalten.

Gilt das für St.Gallen ebenso wie für Zürich, Bern oder Genf?

Sichtbar wird das besonders in den Zentren. St.Gallen ist da in einem Atemzug mit anderen Städten zu nennen, da die jungen Menschen hochmobil sind und es sie, besonders nach dem Lockdown, in die Zentren zieht, um hier Abende mit Gleichaltrigen zu verbringen, zu feiern, Alkohol zu konsumieren. Wider Erwarten wurden Beratungsstellen während des Lockdowns eher weniger kontaktiert. Das ist für mich gut erklärbar. Eine Explosion häuslicher Gewalt während des Lockdowns war für mich nie plausibel. Die Situation war ja für alle neu. Mit ihr musste man sich zurechtfinden. Das allein führt nicht zu Gewalt.

Opferberatungen wurden in letzter Zeit wieder verstärkt kontaktiert. Womit hängt das Ihrer Meinung nach zusammen?

Auch das ist für mich plausibel. Die Folgen der Coronamassnahmen, die zu Beginn des Lockdowns befürchtet wurden, werden jetzt immer stärker sichtbar. Wir lesen täglich von Betriebsschliessungen. Das führt zu Existenzängsten und Perspektivlosigkeit, was wiederum die Gewaltbereitschaft fördert. Für viele Familien geht Corona, wenn man so will, erst jetzt los. Jugendliche, besonders solche aus sozial schwachen Milieus, werden von den Folgen besonders stark betroffen sein: Lehrstellen aber auch Förderangebote werden gestrichen. Es gibt Stress zu Hause und dann auch dort: Gewalt. Für Familien, deren Existenz bedroht ist, geht es erst jetzt ans Eingemachte.

Wie kann man reagieren, bevor es brennt?

Es muss seitens der Politik frühzeitig reagiert werden. Bisher stand die Nothilfe für Betriebe im Fokus des politischen Handelns. Jetzt müssen stärker die Personen, insbesondere die Jugendlichen gefördert werden, die von Ausbildungs- und Arbeitslosigkeit bedroht sind. Es muss damit beispielsweise auch einer weiteren Verfestigung von Problemlagen in Brennpunktvierteln entgegengewirkt werden. Die langfristigen Folgen der Coronapandemie und der getroffenen Massnahmen können gefährlicher sein, als wir uns das bislang vorgestellt haben.