Sonderausstellung
Für immer erstarrt: Naturmuseum St.Gallen zeigt Tierpräparate – aber nicht irgendwelche

Das Naturmuseum St.Gallen eröffnet seine neue Sonderausstellung. Es hat 90 Präparate von Ernst Heinrich Zollikofer ans Licht geholt. Sie beleuchten Aspekte aus dem Leben des bekannten Tierpräparators.

Marlen Hämmerli
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Toni Bürgin, Direktor des Naturmuseums, zeigt den jungen Steinadler, der im Kampf mit einem Fuchs erstarrt ist.

Toni Bürgin, Direktor des Naturmuseums, zeigt den jungen Steinadler, der im Kampf mit einem Fuchs erstarrt ist.

Bild: Ralph Ribi

Nein, der Schneehase hoppelt nicht davon. Der Rehbock bleibt starr, und der Kampf zwischen Fuchs und Steinadler wird nie ein Ende finden. Auch wenn sie lebensecht wirken: Es sind Tierpräparate.

Ihrem Schöpfer ist die neueste Sonderausstellung des Naturmuseums St.Gallen gewidmet, eine Eigenproduktion: «Aus Meisterhand – Tierpräparate von Hernst Heinrich Zollikofer.» Die Vernissage findet wegen Corona in geschlossener Gesellschaft statt, kann aber am Mittwochabend auf dem Youtube-Kanal des Museums mitverfolgt werden. Ab Donnerstag ist sie offen und bis am 12. September zu sehen.

Die Vorfreude währt schon lange

Von der Ausstellung schwärmte Museumsdirektor Toni Bürgin schon vor einem Jahr – nicht nur, weil sie ursprünglich für 2020 geplant war. Corona und der Spardruck verhinderten dies.

Die Gründe für die Vorfreude: Die mehrjährige Planung sowie die Tatsache, dass Tierpräparatoren selten im Rampenlicht stehen, wie Bürgin erklärt: «Stifter und Direktoren werden stets auf ein Podest gestellt. Dabei ginge es ohne Präparatoren nicht.» Ein Zitat gleich am Anfang der Ausstellung verdeutlicht dies: «Das Los des Präparators besteht darin, vergessen zu werden.»

Ernst Heinrich Zollikofer (1859–1930) ist aber keineswegs vergessen gegangen. Wohl auch, weil seine Tierpräparate schon zu Lebzeiten Weltruhm genossen. Das Naturmuseum besitzt Zollikofers Nachlass und mit über 500 Präparaten die grösste Sammlung an Vögeln und Säugetieren, die Zollikofer fertigte.

Zu sehen sind davon nun 90 Stück. Die Ausstellung besteht aus mehreren Teilen. Da sind einerseits 28 grossformatige Aufnahmen der Berliner Sammlungsfotografen Vokler Weinhold und Sebastian Köpcke. Sie nennen sich so, weil sie Sammlungen kunstvoll inszenieren und fotografieren. Die Aufgabe der Sammlungsfotografen war hier aber weniger die Inszenierung als vielmehr das Werk von Ernst Heinrich Zollikofer ins rechte Licht zu rücken.

Die Sammlungsfotografen Volker Weinhold (links) und Sebastian Köpcke.

Die Sammlungsfotografen Volker Weinhold (links) und Sebastian Köpcke.

Bild: Ralph Ribi

Sonntagsführungen und Sockentierli

Begleitend zur Ausstellung «Aus Meisterhand – Tierpräparate von Ernst Heinrich Zollikofer» gibt es acht Vorträge und Referate. Diese beschäftigen sich mit der Kunst der Tierpräparation und ihrer Geschichte.

Drei Sonntagsführungen sind drei Themenbereichen aus der Ausstellung gewidmet: Ernst Heinrich Zollikofer selbst, den Herausforderungen der Tierpräparation sowie der Frage, wie ein Präparat gefertigt wird. Kinder können an zwei Nachmittagen Sockentierli basteln. Dabei erfahren sie gemäss Vorschau Spannendes über die Tierpräparation. 

Verspiegelte Vitrinen

Herz der Ausstellung sind sechs grosse Einbauvitrinen. Sie sind innen verspiegelt, sodass die Präparate von mehreren Seiten betrachtet werden können. Natürlich ist jedes Präparat beschriftet, teilweise ergänzt mit kleinen Anekdoten aus Zollikofers Leben. Sowieso ist jede Vitrine einer Facette seines Lebens gewidmet. Entsprechend wurden die ausgestellten Tiere ausgewählt. Aber auch Werkzeuge, Notiz- und Auftragsbücher werden gezeigt.

Ernst Heinrich Zollikofer machte sich akribisch Notizen. Daraus entstanden zahlreiche Fachpublikatoinen.

Ernst Heinrich Zollikofer machte sich akribisch Notizen. Daraus entstanden zahlreiche Fachpublikatoinen.

Bild: Ralph Ribi

Zollikofer beginnt schon als Zwölfjähriger, Tiere zu präparieren. Mit 20 Jahren zieht er nach Stuttgart, um dort bei Friedrich Kerz zu lernen, einem der renommiertesten Präparatoren dieser Zeit. 1881 kehrt er nach St.Gallen zurück und eröffnet an der Moosbruggstrasse ein Atelier. Zollikofer war Präparator, aber auch Tier- und besonders Vogelfreund. Er war an der Einrichtung der Vogelvoliere im Stadtpark beteiligt und gehört zu den Mitbegründern des Wildparks Peter und Paul. Wenig überraschend also, dass auch eine Steingeiss zu sehen ist, die von den Gründern damals aus dem Aostatal geholt worden war.

Gedacht für Kinder ab Sekundarstufe

Die Ausstellung richtet sich an Erwachsene und Kinder ab der Sekundarstufe. «Die Präparate faszinieren aber natürlich von klein auf», sagt Toni Bürgin. Auf kindergerechter Höhe sind an den Vitrinen Guckrohre angebracht, die einen noch näheren Blick bieten, etwa auf den Schneehasen, der im Sprung erstarrt ist. Auf einen Kalifornischen Kondor etwa, einen Steinadler oder einen Fischotter.

Eine Gruppe von Hasen, präpariert von Ernst Heinrich Zollikofer. Ein Markenzeichen von ihm sind die sorgfältigen Podeste, auf denen die Tiere sitzen, stehen oder liegen.

Eine Gruppe von Hasen, präpariert von Ernst Heinrich Zollikofer. Ein Markenzeichen von ihm sind die sorgfältigen Podeste, auf denen die Tiere sitzen, stehen oder liegen.

Bild: Ralph Ribi

Sie thronen in der Vitrine «Geschützt und geschossen». Zur Zeit von Zollikofer bediente man sich in der Natur noch ohne Gedanken an die Folgen. Benötigte ein Museum einen Steinadler, ging der Präparator in die Berge und schoss einen, erzählt Bürgin. Zollikofer besass ein Freijägerpatent mit regierungsrätlichem Beschluss. Er durfte geschützte Arten und ausserhalb der Schutzzeiten schiessen. «Das kann man sich heute kaum noch vorstellen.» Die Sonderausstellung knüpft an der Gegenwart an, bietet deshalb aber auch einen Einblick in vergangene Zeiten.