Frust, Konzertabsagen und ein infizierter Mitbewohner: Das St.Galler Electro-Pop-Duo Mischgewebe hat eine turbulente Zeit hinter sich

Eigentlich würden Mischgewebe derzeit fast jedes Wochenende auf einer Bühne stehen, und im Sommer waren sie für 25 Festivals gebucht. Doch Corona hat all diese Termine gekillt. Melanie Danuser und Bill Bühler erzählen, wie sie im Lockdown die Krise geschoben und wie sie wieder Tritt gefasst haben.

Roger Berhalter
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Der modulare Synthesizer entstand im Lockdown: Bill Bühler und Melanie Danuser alias Mischgewebe.

Der modulare Synthesizer entstand im Lockdown: Bill Bühler und Melanie Danuser alias Mischgewebe.

Bild: Nik Roth (St.Gallen, 4. Juni 2020)

Melanie Danuser und Bill Bühler erleben gerade Monate voller Konjunktive: Im April wären sie auf Tour gegangen, im Mai hätten sie einen Videoclip veröffentlicht, im Sommer hätten sie an 25 Schweizer Festivals gespielt, und im Herbst hätten sie ihr erstes Album herausgebracht. Doch dann kam Corona und killte alle Konzerttermine der beiden, die sich im Duo Mischgewebe nennen.

«Da habe ich schon kurz Panik geschoben», sagt Melanie Danuser. Inzwischen hat sie ihre Agenda in einer Ecke verstaut, «damit ich nicht die ganze Zeit sehen muss, was wir gerade Cooles machen würden». Open Air St. Gallen, Clanx-Festival Appenzell, Quellrock Open Air Bad Ragaz: Diese und viele weitere Festivals standen bis vor kurzem noch in der Agenda.

Jetzt rechnet Danuser stattdessen mit 16 000 Franken Gagenausfall – und null Franken Entschädigung. Das Virus hat ihren Budgetplan durchkreuzt. «Wir haben viele Telefonate geführt», sagt die Bündnerin. Doch trotz dieser Gespräche mit Behörden haben die beiden keine finanzielle Kompensation in Aussicht. «Wir fallen durch alle Maschen.»

Wegen WG-Bewohner in der Isolation

Dabei waren Mischgewebe soeben noch im Höhenflug. Im Dezember gewannen sie den «bandXost»-Wettbewerb 2019. Mit pulsierenden elektronischen Beats, fiependen Synthesizer-Sounds und jauchzendem Gesang setzten sie sich gegen 60 andere Ostschweizer Bands durch.

Danach wurden die zwei 24-Jährigen mit Konzertanfragen überhäuft. Vier Monate lang habe sie auf den Festivalsommer hingearbeitet, sagt Danuser: «Das wäre für uns der Startschuss gewesen.» Schon wieder ein Konjunktiv.

bandXost plant dieses Jahr mit drei Szenarien

Der Ostschweizer Bandwettbewerb «bandXost» wird auch dieses Jahr durchgeführt. Dies schreibt die neue Projektleiterin Nadine Schwizer in einer Mitteilung. Bis 13. September können sich Ostschweizer und Liechtensteiner Nachwuchsbands hier bewerben. Es geht um Förderpreise im Wert von über 14000 Franken, zudem erhalten alle Teilnehmer Tipps und Unterstützung von Profis aus der Musikbranche.

Wegen Corona wird das diesjährige «bandXost» aber unter erschwerten Bedingungen ablaufen. Man plane derzeit mit drei Szenarien, heisst es in der Mitteilung. Das Wunsch-Szenario: Eine Durchführung im (fast) normalen Rahmen unter strikter Einhaltung der Vorgaben des Bundesamtes für Gesundheit. Das Ausweich-Szenario: Durchführung mit nur wenigen Zuschauern und ergänzendem Live-Streaming. Und das Notfall-Szenario: Reines Streaming der Konzerte, ohne Zuschauer vor Ort. Ende September starten die neun Qualifikationsabende, das Finale findet am 28. November in der St. Galler Grabenhalle statt. 

Nun ist ihr Frühling ganz anders verlaufen. Zunächst musste Danuser mehrere Wochen in Isolation in ihrer Zürcher WG verbringen, weil ein Mitbewohner an Covid-19 erkrankt war. Mit Bill Bühler kommunizierte sie nur noch telefonisch oder am Bildschirm, an gemeinsames Musizieren war nicht zu denken.

Auch Bühler schob zunächst einmal die Krise, wie er sagt. «Ich kann nicht behaupten, dass ich die Lockdown-Zeit produktiv genutzt habe.» Immerhin: Einen modularen Synthesizer habe er zusammengeschraubt. «Und ich habe mir ein Hackbrett gekauft», sagt der St. Galler und lacht. Das Eingesperrtsein zu Hause habe er nicht als inspirierend empfunden:

«Hätte ich in dieser Zeit Songs geschrieben, hätten sich alle um Social Media gedreht. Das wollte ich auf keinen Fall.»

Von den Sozialen Medien, von Live-Streams und Video-Calls haben die beiden nämlich genug. «Mir fehlt die physische Welt, der Austausch mit anderen, die Geschichten und Emotionen», sagt Danuser.

Songs schreiben für das zweite Album

Bald ist wieder mehr Austausch möglich. Mischgewebe haben wieder Tritt gefasst und frische Inspiration gefunden. Weil sie ihr erstes Album, das schon fixfertig ist, vorerst nicht veröffentlichen wollen, arbeiten sie kurzerhand schon am zweiten Album. Bill Bühler freut sich auf das Experimentieren und Songschreiben: «Das ist nach Live-Konzerten das zweitbeste, das wir machen können.»

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