Interview

«Friedhöfe haben oberste Priorität»: Der Leiter von Stadtgrün St.Gallen darüber, wie Beisetzungen in Corona-Zeiten ablaufen 

Beerdigungen sind vom Veranstaltungsverbot ausgenommen. Es stellen sich aber andere Fragen.

Sandro Büchler
Hören
Drucken
Teilen
Die Stadt St.Gallen hat beschlossen, dass nur noch Beisetzungen und keine Abdankungen mehr stattfinden können. Das betrifft auch den Friedhof Feldli.

Die Stadt St.Gallen hat beschlossen, dass nur noch Beisetzungen und keine Abdankungen mehr stattfinden können. Das betrifft auch den Friedhof Feldli.

Bild: Raphael Rohner (20. März 2020)

«Beerdigungen finden weiterhin statt», sagt Adrian Stolz, Leiter Stadtgrün St.Gallen. Die städtischen Friedhöfe fallen in seinen Aufgabenbereich. Er erklärt, wie aktuell Abdankungen ablaufen und welche Aufgaben auf das 80-köpfige Team von Stadtgrün zukommen könnten.

Fallen Beerdigungen unter das Veranstaltungsverbot?

Adrian Stolz, Leiter Stadtgrün St.Gallen

Adrian Stolz, Leiter Stadtgrün St.Gallen

Bild: PD

Adrian Stolz: Grundsätzlich nicht. Der Bundesrat hat in seiner Verordnung zur Bekämpfung des Corona-Virus vergangene Woche Ausnahmen definiert, etwa Beerdigungen im engen Familienkreis.

Wenn jemand stirbt, kommen Familienangehörige, Verwandte und Bekannte für die Beerdigung zusammen. In der Trauer ist man sich nah. Wie sieht das in Zeiten von Corona aus?

In dieser Form ist das aktuell nicht mehr möglich. Es können nur noch enge Familienangehörige – meist Eltern, Kinder und Geschwister – teilnehmen. Das Zivilstandsamt und Stadtgrün machen die Trauerfamilie im Vorfeld darauf aufmerksam. Im Laufe dieser Woche hat die Stadt beschlossen, dass nur noch Beisetzungen und keine Abdankungen mehr stattfinden können.

Was bedeutet das?

Die Kapellen und der Abschiedsraum stehen für Abdankungsfeiern nicht mehr zur Verfügung. Die Besammlung des engsten Familienkreises ist vor der Kapelle. Im Anschluss geht man gemeinsam zum Grab. Wir versuchen auch weiterhin, die individuellen Wünsche möglichst zu berücksichtigen, sofern sie sich mit den Vorschriften der Behörden vereinbaren lassen.

Dürfen Personen aus einer Risikogruppe an einer Beerdigung teilnehmen?

Grundsätzlich sind die Angehörigen die Veranstalter einer Beerdigung und tragen die Verantwortung. Wir empfehlen sehr, dass Personen aus der Risikogruppe nicht teilnehmen. Im Vorbereitungsgespräch zeigen wir auch Alternativen auf. Beispielsweise kann die Bestattung jetzt im engsten Familienkreis erfolgen, jedoch zu einem späteren Zeitpunkt, wenn die Corona-Massnahmen wieder aufgehoben sind, eine Abdankungsfeier geplant werden – dann in einem grösseren Kreis. Wir informieren, erklären und versuchen mit den Angehörigen individuelle Lösungen zu ermöglichen.

Welche Schutzmassnahmen müssen die Stadtgrün-Mitarbeiter auf den Friedhöfen beachten?

Wir befolgen konsequent die Regeln des Bundesamtes für Gesundheit. Wir halten zwei Meter Abstand einhalten, auch in den Pausenräumen, beim Umziehen oder bei Besprechungen. Auf Fahrzeugen ist nur noch eine Person unterwegs und Gartenarbeiten machen wir möglichst alleine.

Gibt es spezielle Massnahmen für die Friedhofsleiter?

Ja, diese haben in ihrem Büro neu eine Plexiglasscheibe auf dem Tisch, an dem sie mit Angehörigen den Ablauf einer Beisetzung besprechen. Das ist für beide Seiten noch etwas gewöhnungsbedürftig.

In den Büros der Friedhofsleiter steht neu eine Plexiglasscheibe auf dem Tisch.

In den Büros der Friedhofsleiter steht neu eine Plexiglasscheibe auf dem Tisch.

Bild: Sandro Büchler

Was ist Ihre grösste Sorge?

Es ist wichtig, dass wir die Bestattung auch in Krisenzeiten aufrechterhalten können. Bei den eher kleinen Teams auf unseren Friedhöfen kann das relativ rasch zum Problem werden. Wir haben uns darauf vorbereitet, dass andere Mitarbeitende von Stadtgrün essenzielle Arbeiten auf den Friedhöfen übernehmen können, um jederzeit Beisetzungen durchführen zu können.

Genügt das?

Nur teilweise. Es ist auch sehr wichtig, dass wir die Friedhofsleitung bei Personalausfällen sicherstellen können. Die Person muss den Angehörigen die Bestattungsmöglichkeiten aufzeigen und eine Beisetzung organisieren können. Sie muss etwa dafür sorgen, dass eine Urne oder ein Sarg zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist.

Für den Fall von krankheitsbedingten Ausfällen trainieren wir diese Abläufe jetzt neu auch mit Stadtgrün-Mitarbeitern, die normalerweise andere Funktionen wahrnehmen, beispielsweise Personen aus dem Büro oder Gruppenleiter der öffentlichen Anlagen. Wir üben in diesen Tagen die Aufgaben eines Friedhofsleiters im Trockenen, damit sie im Notfall als Ersatz einspringen könnten.

Die Mitarbeiter üben nun die Aufgaben eines Friedhofsleiters, damit sie im Notfall einspringen könnten. Hier im Bild ein Training für interimistische Freidhofsleiter mit Stadtgrün-Leiter Adrian Stolz (Zweiter von links).

Die Mitarbeiter üben nun die Aufgaben eines Friedhofsleiters, damit sie im Notfall einspringen könnten. Hier im Bild ein Training für interimistische Freidhofsleiter mit Stadtgrün-Leiter Adrian Stolz (Zweiter von links).

Bild: Sandro Büchler

Sind Ihre Mitarbeiter dieser Aufgabe gewachsen?

Nicht jeder geht mit dem Thema Tod gleich um. Deshalb haben wir zuerst alle Betroffenen gefragt, ob sie sich die interimistische Friedhofsleitung zutrauen würden. Nur mit denjenigen, die dazu bereit sind, schauen wir nun die Arbeitsabläufe an. Es ist unsere Pflicht, dass eine Abdankung auch in Ausnahmesituationen stets gut und würdig abläuft.

Was würde passieren, wenn die Stadtverwaltung Ihre Mitarbeiter anweisen würde, zu Hause zu bleiben?

Die Stadtverwaltung hat gewisse Bereiche, die auch in Krisenzeiten aufrechterhalten werden: Denken Sie beispielsweise an die Feuerwehr oder die Polizei. Auch die Friedhöfe sind ein Teil der Verwaltung, der in einem Krisenfall aufrechterhalten wird.

Gibt es bei Stadtgrün andere Bereiche, die eine hohe Priorität haben?

Die Friedhöfe sind unsere zentralste Aufgabe. Wir würden sicher auch versuchen, die zum Teil seltenen Pflanzen im Botanischen Garten möglichst lange zu erhalten und die Abfallentsorgung auf den öffentlichen Anlagen zu gewährleisten.