«Freiwillig meldet sich längst niemand mehr» - so rekrutieren die Feuerwehren der Region St. Gallen ihren Nachwuchs

Feuerwehren bemühen sich um neue Mitglieder. Mit einer Truppe für Jugendliche, Werbung im Internet oder Hausbesuchen. Besonders mangelt es an Frauen.

Adrian Lemmenmeier
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Jugendliche löschen einen Pfannenbrand in Abtwil. Einige werden von der Jugend- in die Erwachsenenfeuerwehr wechseln. (Bild: Ralph Ribi - 29. April 2017)

Jugendliche löschen einen Pfannenbrand in Abtwil. Einige werden von der Jugend- in die Erwachsenenfeuerwehr wechseln. (Bild: Ralph Ribi - 29. April 2017)

Feuerwehren kämpfen nicht nur gegen Flammen, sondern auch um neue Mitglieder. Von einem Nachwuchsproblem wollen die Kommandanten der Region zwar nicht sprechen. Aber man müsse sehr grossen Aufwand betreiben, um die jährlichen Abgänge zu ersetzen.

«Freiwillig meldet sich längst niemand mehr bei der Feuerwehr», sagt Anton Hauser, Kommandant der Feuerwehr Mörschwil. Damit die Korps ihre Grösse halten können, müssen die Feuerwehren auf die Leute zugehen.

Jugendfeuerwehr oder Pfadi für Erwachsene

Kleine Feuerwehren wie Muolen oder Berg setzen dabei auf dörfliche Nähe. «Wenn wir Mitglieder suchen, gehe ich von Haus zu Haus und frage die Leute», sagt Reto Beer, Kommandant der Feuerwehr Muolen. Auch in Berg sucht Kommandant Jürg Bärlocher das Gespräch mit allen 18-Jährigen und mit Neuzuzügern. «In ländlichen Gebieten ist die Feuerwehr auch identitätsstiftend», sagt Bärlocher. So habe man in den letzten Jahren stets genug Leute gefunden.

Auch in der Agglomerationsgemeinde Wittenbach, wo nicht gerade jeder jeden kennt, läuft die Rekrutierung hauptsächlich über Mund-zu-Mund-Propaganda. «An Infoabenden können wir meist auch einige Leute abholen», sagt Dominik Sutter, Kommandant der Feuerwehr Wittenbach-Häggenschwil. Doch die meisten Neuen gewinne man, weil die Feuerwehrleute in ihrem Bekanntenkreis nachfragten. So könne man den Bestand von ungefähr 70 Leuten einigermassen halten.

So viel bezahlt, wer keinen Feuerwehrdienst leistet

Höhe der Feuerwehrabgabe in der Region St. Gallen
Gemeinde in Prozent der einfachen Steuer* Maximaler Jahresbetrag in Franken
St. Gallen 10 500
Gaiserwald 15 450
Wittenbach 15 350
Häggenschwil 20 700
Mörschwil 10 500
Berg SG 20 700
Muolen 20 700
Eggersriet 20 700
Gossau 12 700
Andwil 12 700

So ist die Feuerwehrabgabe festgelegt

Im Kanton St.Gallen sind alle Männer und Frauen zwischen 20 und 50 feuerwehrpflichtig. Diese Pflicht erfüllt auch, wer jährlich eine Feuerwehrabgabe leistet. Die Höhe dieser Abgabe legen die Gemeinden fest (siehe Grafik). Sie wird ist als Prozentsatz der einfachen Steuer mit einem Maximalbetrag berechnet. Eine alleinstehende Person mit einem steuerbaren Einkommen von 45000 Franken bezahlt in Wittenbach demnach 333 Franken pro Jahr, in Häggenschwil hingegen 444 Franken. Bei einem steuerbaren Einkommen von 60000 Franken bezahlt man bereits das Maximum von 350 (Wittenbach) beziehungsweise 700 Franken (Häggenschwil). (al)

Ein besonderes Modell verfolgt man in Gaiserwald. Hier gibt es eine Jugendfeuerwehr: 12- bis 18-Jährige werden sechs Jahre lang ausgebildet, in der Hoffnung, dass sie später in die Feuerwehr übertreten. «Die Bilanz ist sehr gut», sagt Kommandant Thomas Kündig. Im Moment bilde man 43 Jugendliche aus. «Von denen, die vor vier Jahren begonnen haben, sind gut 50 Prozent in die Erwachsenenfeuerwehr übergetreten.» So habe man die Abgänge mehr als kompensieren können. «2014 hatten wir noch einen Unterbestand. Mittlerweile entspricht die Mannschaftstärke aber den Vorgaben des Amtes für Feuerschutz.»

Die Jugendfeuerwehr sei eine gute Sache, sagen Kommandanten anderer Feuerwehren. Dennoch bietet allein Gaiserwald eine an. «Eine langfristig geführte Jugendfeuerwehr braucht Ressourcen», sagt Stefan Kramer. Er ist Kommandant des Sicherheitsverbundes Region Gossau, dem auch Waldkirch, Flawil, Degersheim und Andwil angehören. Deshalb habe sich der Verbund gegen eine Jugendfeuerwehr entschieden. «Ausserdem wollen wir die Vereine nicht konkurrenzieren», sagt Kramer. Viele Milizfeuerwehrleute seien ehemalige Pfadileiter. Man wolle den Vereinen nicht die Jugendlichen abspenstig machen, sondern diese Leute als Erwachsene ins Boot holen.

Schliesslich machen die Feuerwehren auch Werbung im Internet. Auf der Seite firefighters-gesucht.ch, können sich Mann und Frau über das Löschen und das Milizsystem informieren.

Das brachliegende Potenzial

Der Frauenanteil ist in vielen Feuerwehren noch immer klein. In Wittenbach-Häggenschwil gehört eine Frau zum 70-köpfigen Team, in Mörschwil ist «leider» keine Frau dabei. Muolen, Berg, St. Gallen und der Sicherheitsverbund Gossau haben einen Frauenanteil von je rund zehn Prozent. «Es ist ein Potenzial, das brachliegt», sagt Stefan Kramer. Gezielt auf Frauen gehe man indes nicht zu. «Aber sie sind mehr als herzlich willkommen.»