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Frauen rüsten auf – ein Besuch im Wittenbacher Schiesskeller

Das Indoorshooting Wittenbach bietet Kurse für blutige Anfänger an. Immer öfters werden sie von Frauen besucht. Auch im Waffenladen wird die Kundschaft weiblicher – und die Waffen extravaganter.
Noemi Heule
Der Instruktor überwacht jede Bewegung der Teilnehmerinnen, die sich zum ersten Mal an der Waffe versuchen. (Bild: Hanspeter Schiess)

Der Instruktor überwacht jede Bewegung der Teilnehmerinnen, die sich zum ersten Mal an der Waffe versuchen. (Bild: Hanspeter Schiess)

Janina B. legt den Zeigefinger an den Abzug. Die Fingernägel sind mit schwarzem Lack überzogen, auf dem Mittelfinger prangt ein Tattoo in Thai-Schriftzeichen. Ihre Hände zittern, als sie die Pistole mit gestreckten Armen vor sich hält. Janina, die wie alle Protagonisten dieses Texts ihren Nachnamen nicht preisgeben will, hält zum ersten Mal eine tödliche Waffe in der Hand. Genauso wie zwei ihrer drei Schützengefährtinnen, die an diesem Sonntagnachmittag aus St. Gallen und Arbon nach Wittenbach gereist sind, um zu lernen, eine Pistole zu bedienen. Der «Einführungskurs Faustfeuerwaffe» ist für einmal auch für Instruktor Ralf U. ein Novum.

Zum ersten Mal stehen ausschliesslich Frauen im Schiesskeller. Zum ersten Mal wurde der Kurs auch über Social Media angepriesen. «Ein Zufall», dass sich dann nur Frauen gemeldet haben, sagt der 48-Jährige. Bereits im nächsten Kurs treten wiederum allein Männer an. Dennoch stellen die Verantwortlichen des Indoorshooting fest, dass immer mehr Frauen an den Kursen teilnehmen. In Begleitung von Freund oder Ehemann, gemeinsam mit Freundinnen oder auch, so wie Janina B., allein.

Über den Daumen gepeilt: Die Teilnehmerinnen bestimmen ihr Leitauge. (Bild: Hanspeter Schiess)

Über den Daumen gepeilt: Die Teilnehmerinnen bestimmen ihr Leitauge. (Bild: Hanspeter Schiess)

Pistolen in «Hot Pink» mit «Prison Flowers» verziert

Zu zweit sind die Schwestern Dominique und Jasmin S. gekommen. Die Motivation ist dieselbe: «Einfach einmal ausprobieren», sagen sie. Zwanzig Minuten dauert die Theorie, bevor es ans Ausprobieren geht, Sicherheitsvorschriften, Schiesskommandos, erlaubte Geschosse, den Aufbau einer Pistole. Der Instruktor rät den Frauen das Dekolleté zu bedecken, damit sie sich nicht an herumfliegenden Patronenhülsen verbrennen. Aus demselben Grund zieht er eine schwarze Baseballmütze über die Glatze. Erst dann dürfen die Teilnehmerinnen die Pistole zwischen die manikürten Finger nehmen, eine Glock 17 G5, 620 Gramm schwer.

Selbstversuch: Das Herz rast, das Blut rauscht

«Einfach ausprobieren» ist die Motivation vieler Frauen vor ihrem ersten Pistolenschuss. Die meisten haben nie eine Waffe in Händen gehalten. Auch ich nicht. Dafür gab es nie einen Grund, dazu ergab sich nie eine Gelegenheit. Während viele Männer diese Erfahrung im Militärdienst ganz selbstverständlich machen – oder machen müssen –, bleibt sie den Frauen verwehrt, weil die Wehrpflicht sie verschont. Das hat mich denn auch nie gestört.

Und doch hat die Neugierde auch mich nach Wittenbach getrieben. Um einen sonnigen Sonntagnachmittag im Schiesskeller zu verballern. Auch ich möchte es «einmal ausprobieren». Ohne Vorkenntnisse, ohne Erwartungen, dafür mit Respekt und einem Arsenal an Fragen: Warum übt das Schiessen gerade auf Frauen einen derartigen Reiz aus? Wie ist es, den Tod in Kleinformat zwischen den Fingern zu halten?
Um Tod oder Verletzung geht es freilich nicht, wie ich im Theorieteil des «Einführungskurses Faustfeuerwaffe» lerne, sondern um Durchschlagkraft und Mannsstopwirkung. Dass es, in nette Worte verpackt, dasselbe meint, zeigt sich nicht zuletzt an den Sicherheitsvorkehrungen, die hochgehalten werden, damit ja niemand Schaden nimmt.

Vieles scheint vertraut, das metallene Klicken, wenn die Waffe lädt. Ein Geräusch, das im Film tausendfach Spannungsmomente einläutet. Anderes kommt unerwartet. Das Schiessen erfordert eher Kraft denn Fingerspitzengefühl. Das Ziehen des Abzuges ist streng, der Schuss bricht später als erwartet. Und bricht alle Erwartungen. Der Rückstoss, der den Körper durchschüttelt, der Knall, der die Ohren betäubt, der Schock, der die Glieder durchzuckt. Das Herz rast in der Brust, das Blut rauscht in den Ohren.
Das Schiessen sei ein Machtgefühl, heisst es, hält man doch die potenzielle Macht über Mitmenschen in der Hand. Es ist aber auch die Kontrolle über den eigenen Körper, jede Bewegung ausgerichtet auf ein Ziel. Sobald sich der Schuss löst, wird das Gefühl der Kontrolle abgelöst vom völligen Kontrollverlust. Eine Maschine übernimmt, die das Zucken des Zeigefingers zigfach verstärkt und in eine zerstörerische Kraft verwandelt. Auf die Macht folgt Ohnmacht. Was die Kugel angerichtet hat, wo sie eingeschlagen hat, sieht man erst im Nachhinein. Ist es die goldene Mitte der schwarzen Zielscheibe, stellt sich ein Erfolgsgefühl ein.
Ich verlasse den Schiesskeller verwirrt und ohne Antworten auf meine Fragen. Und mit noch mehr Respekt. Vielleicht kann ich die Faszination – das Spiel zwischen Kontrolle, Kontrollverlust und Zerstörungskraft – ein Stück weit nachvollziehen. Schwarz auf weiss halte ich nur eine Bestätigung in den Händen, den Kurs bestanden zu haben. Ich brauche ihn, sollte ich einmal eine Waffe erwerben wollen. Ich werde die Finger davon lassen. (nh)

Schwarzer Stahl ist nicht die einzige Wahl beim Kauf einer Pistole. Längst haben die Waffenhändler Frauen als Zielgruppe entdeckt und werben für ihre Modelle in «Hot Pink», mit «Pink Prison Flowers» verziert oder die neuste «Wildberry Edition». Auch im Waffenladen nebenan thront ein rosa Modell hinter Vitrinenglas. Hinter der Ladentheke stehe immer mehr weibliche Kundschaft, sagt Simon Kobelt vom Indoorshooting. «Frauen kaufen vermehrt Waffen», titelte die «NZZ am Sonntag» im April.

Das Laden der Pistole erfordert Fingerspitzengefühl. (Bild: Hanspeter Schiess)

Das Laden der Pistole erfordert Fingerspitzengefühl. (Bild: Hanspeter Schiess)

10 Prozent der Waffen in Frauenhand

Eine Entwicklung, die Gian Rezzoli, Sprecher der Kantonspolizei, nicht bestätigen will. Maximal zehn Prozent der Waffenerwerbsscheine würden von Frauen beantragt, schätzt er. Diese Zahl sei seit Jahren beständig. Insgesamt wurden im vergangenen Jahr 1660 Waffenerwerbsscheine beantragt. Die Polizei geht davon aus, dass pro Erwerbsschein im Schnitt eineinhalb Waffen gekauft werden.
Janinas Zeigefinger zieht den Abzug nach hinten, zittrig, zögernd. Der Körper spannt sich an, der Schuss will nicht brechen. Als er es doch tut, plötzlich, zuckt sie zusammen. Ruckartig weicht die Anspannung aus den Muskeln. Der Instruktor sagt:

«Frauen sind schreckhafter beim ersten Schuss»

Dafür erwiesen sie sich später oft als treffsicherer. Und während bei Männern oft Machtgehabe und Wettbewerbgedanke dominieren, sei die Atmosphäre in der Frauengruppe entspannter. «Es geht beim ersten Mal nicht darum, ins Schwarze zu treffen», beruhigt er. Sondern um die Kontrolle, darum, die Einschusslöcher nicht zu weit zu streuen. Und doch sind die Zielscheiben zum Schluss, nach 200 Schuss, in der Mitte durchlöchert. Mit jeder neuen Ladung steigt die Treffsicherheit, das Zittern nimmt ab.

Frauen seien oft treffsicherer als Männer, sagt Instruktor Ralf U. (Bild: Hanspeter Schiess)

Frauen seien oft treffsicherer als Männer, sagt Instruktor Ralf U. (Bild: Hanspeter Schiess)

Als die Teilnehmerinnen später die Bestätigung in den Händen halten, können sich zwei vorstellen, selbst eine Waffe zu kaufen. Jasmin S., die bei der Securitas arbeitet und gerne zur Polizei will. Auch die Versicherungsangestellte Janina B. lässt sich beraten. Noch ziert einzig ein Sturmgewehr in Kleinformat ihren Schlüsselbund – in Form eines glitzrigen Anhängers.

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