Frau Holle lässt städtische Skilifte im Stich – die St.Galler Betreiber sind aber nicht beunruhigt

Die weisse Pracht lässt auf sich warten. Die Betreiber der Schneesportanlagen bleiben gelassen – trotz Loch in der Kasse.

Marlen Hämmerli
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Der Hang an der Vögelinsegg leuchtet grün, dabei wäre alles parat – auch das WC-Häuschen an der Talstation.

Der Hang an der Vögelinsegg leuchtet grün, dabei wäre alles parat – auch das WC-Häuschen an der Talstation.

Bild: Michel Canonica (9.Januar 2020)

Die städtischen Skilifte sind seit Ende November parat für den ersten Schneefall (Ausgabe vom 20. November), doch die Wiesen leuchten nach wie vor saftig Grün. Das hat Folgen: Für die Betreiber bedeutet kein Schnee vor allem keine Einnahmen. Trotzdem ist es nicht das Geld, das Marcel Hurter vom Skilift Beckenhalde beschäftigt:

«Für die Kinder und Erwachsenen, die hier im Quartier Ski fahren könnten, ist es schade.»

Vergangene Saison war die Beckenhalde 54 Tage in Betrieb – und schrieb Gewinn, der nun als Polster dient. Problematisch werde es, wenn die Einnahmen über mehrere Jahre fehlen würden. Doch die nächsten zehn Jahre wird es den St.Geörgler Skilift laut Hurter sicher noch geben, denn in den vergangenen Jahren ist der Lift saniert worden. «Was danach geschieht, ist offen.»

Auch in der Vögelinsegg wird investiert: Den ersten Teil der Sanierung haben die Betreiber kurz vor Saisonbeginn abgeschlossen und Motor sowie Steuerung ersetzt. «Wäre der Motor mitten in der Saison ausgestiegen, wäre das blöd gewesen», sagt Skiliftbetreiber Christoph Chapuis. Die Eile wäre nun nicht nötig gewesen. Dazu kommt, dass die Betreiber sehr viele Saisonkarten verkauft haben. «Wir haben noch nicht entschieden, aber eventuell verlängern wir die Gültigkeit oder geben einen Rabatt auf die nächste Saisonkarte», sagt Chapuis. Zwischen 30 und 50 Zentimeter Schnee sind in der Vögelinsegg nötig, um die Piste zu präparieren.

Skilift ist ein Quartiertreffpunkt

Am Schlösslihang sind es 20 bis 30 Zentimeter. Hier wird die Piste mit Schneetöff und Walze vorbereitet. «Ein schneeloser Winter wäre nicht existenzbedrohend», sagt Stevan Dronjak, Präsident des Einwohnervereins Bruggen.

«Wir betreiben den Skilift als Quartiertreffpunkt und aus Freude an der Sache.»

In Haggen werden alle Arbeiten in Fronarbeit erledigt. Ausserdem unterstützen Gönner und Sponsoren den Skilift, etwa der Straubenzellerfonds.

Auch am Schlösslihang in Haggen lässt die weisse Pracht auf sich warten.

Auch am Schlösslihang in Haggen lässt die weisse Pracht auf sich warten.

Bild: Michel Canonica,
(9. Januar 2020)

In Wittenbach unterstützt die Primarschulgemeinde den Skilift. «Aus finanzieller Sicht ist der fehlende Schnee deshalb zum Glück kein grosses Problem», sagt Marcel Keller, Betreiber des Skilifts Erlacker. Als Gegenleistung dürfen die Mädchen und Buben den Lift gratis benutzen. Diese Lösung sei optimal, sagt Keller. «Denn nicht der finanzielle Gewinn ist das Ziel, sondern der Gewinn, den er für die Kinder bedeutet. Also dass die Kinder Spass und Freude haben.»

In St.Georgen wären 15 Zentimeter genug

Es wäre nicht das erste Mal, dass die Skilifte in der Region keinen einzigen Tag laufen. «In diesen Höhenlagen ist Schnee eine Glückssache», sagt Keller. Alle Skiliftbetreiber hoffen jedoch weiter auf Schneefall, in der Beckenhalden würden bereits 15 Zentimeter und ein gefrorener Boden reichen. Bis Ende Januar wird es aber keinen geben (siehe Kasten).

Auch der Skilift Beckenhalde in St.Georgen hofft auf Schnee.

Auch der Skilift Beckenhalde in St.Georgen hofft auf Schnee.

Bild: Michel Canonica,
(9. Januar 2020)

«In St. Gallen gab es noch nie einen Winter ohne Schnee»

Viele denken, in der Stadt St.Gallen sei in diesem Winter noch kein Schnee gefallen. Doch am 29. November 2019 verzeichnete die Messstation in der Notkersegg zwei Zentimeter Schnee. «Wir Meteorologen sprechen ab einem Zentimeter von Neuschnee», sagt Stephan Bader, Klimatologe bei Meteo Schweiz. Da die Notkersegg aber auf 776 Meter ü. M. und damit über hundert Meter höher als der Hauptbahnhof liegt, «waren vom Schnee im November in der Innenstadt nur ein paar Flocken zu sehen».

Bader nimmt statistische Daten zur Hand. Der späteste erste Schnee sei in St.Gallen am 1. Januar 1938 gefallen. «Seit Messbeginn 1938 gab es in St.Gallen keinen Winter ohne Neuschnee.» Im Durchschnitt der Normperiode (1981–2010) sei der erste Schnee in St.Gallen um den 9. November gefallen, sagt der Meteorologe. Den frühsten Schneefall gab es in St.Gallen im Jahr 2002. Damals schneite es bereits am 24. September. In die Geschichtsbücher eingegangen ist auch der 1. Juni 1962. Zum meteorologischen Sommerbeginn verzeichnete St. Gallen vier Zentimeter Neuschnee. Drei Jahre zuvor war der letzte Schnee der Wintersaison bereits am 21. Februar 1959 gefallen.

Wohl kein Schnee bis Ende Januar

Doch aussagekräftiger als der erste und der letzte Schneefall ist die Schneehöhe. Zu welchem Zeitpunkt des Winters lag erstmals eine geschlossene Schneedecke von fünf Zentimetern? Bader vertieft sich erneut in die Statistik. Heraus kommt: Im Jahr 1993 lag in der Stadt St. Gallen bereits am 22. Oktober eine fünf Zentimeter dicke Schneeschicht. Die bisher schneeärmste erste Winterhälfte war 1987/1988. Erst am 22. Januar 1988 lag damals so richtig Schnee in der Stadt. In jenem Winter fielen danach aber noch 196 Zentimeter Neuschnee. Für diesen Winter besteht also noch Hoffnung.

Wann der langersehnte Schnee fallen wird, kann Bader nicht sagen. Im Januar sind es die fast permanenten Hochdrucklagen, welche den Niederschlag und allfälligen Schneefall von der Schweiz fernhalten würden. «Das vorwiegend hochdruckbestimmte Wetter könnte nach bisherigen Unterlagen bis Ende Januar dominant bleiben.» Wenn also bis zum 22. Januar kein Schnee fällt, wird 2020 zur wohl schneeärmsten ersten Winterhälfte in der Geschichte der Stadt St.Gallen. (sab)

Mitte März endet die Saison für die Skilifte in der Region – bis auf den Skilift Vögelinsegg, der je nach Wetter bis Anfang, Mitte April offen ist. «Aber wenn es jetzt noch schneit, geben wir Gas und versuchen mit Nachtskifahren und Skirennen den Lift zu füllen», sagt Marcel Keller.

Doch Tatsache ist: Nach den Sportferien ist den Meisten die Lust aufs Skifahren oder Snowboarden vergangen. Die Erfahrung zeige, dass danach nicht mehr so viele kommen, sagt Marcel Hurter von der Beckenhalde. Stevan Dronjak bestätigt das Phänomen. «Findet das Skirennen vor den Sportferien statt, haben wir massiv mehr Anmeldungen.» Und Christoph Chapuis sagt: «Wenn es gar keinen Schnee gibt, wäre das ein grosser Verlust.»

«Eiszauber» verzeichnet teils mehr Besucher

Nicht nur die Skiliftbetreiber sind seit Ende November bereit, auch der «Eiszauber» ist es. Seit dem 21. November und noch bis zum 2. Februar fahren Gross und Klein auf der Kreuzbleiche Schlittschuh oder spielen Eisstockschiessen. Auf den Besucherandrang hat der fehlende Schnee keinen Einfluss. An manchen Tagen seien sogar mehr Personen gekommen, sagt André Moesch, Leiter Events bei der «CH Media»-Gruppe, zu der auch diese Zeitung gehört. Eine mögliche Erklärung: «Weil auch in Skigebieten auf mittleren Lagen kein Schnee liegt, entscheiden sich viele stattdessen für einen Besuch des ‹Eiszaubers›».

Zu viel Schnee wäre sogar ein Problem für die Eisbahnen, da sie ständig geräumt werden müssten, sagt Moesch. «Aber wir würden uns durchaus ein bisschen mehr winterliche Ambiance wünschen.»

Weil die Temperaturen höher liegen, verbrauchen die Anlagen des «Eiszaubers» – wie jene aller Eissportzentren und Eisbahnen – mehr Energie. Breche dann eine Kältephase ein, könne der höhere Energieverbrauch wieder ausgeglichen werden.