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«Bis heute kein einziger Beweis, dass das CO2 die Temperatur erhöht»: Gossauer SVP-Stadtparlamentarier bestreitet menschengemachten Klimawandel

In Rundmails bestreitet ein SVP-Stadtparlamentarier den Klimawandel. ETH-Klimatologe Reto Knutti findet das erschreckend.
Johannes Wey
«Wo mache ich einen Denkfehler?», fragt Frank Albrecht in einem Mail seine Parlamentskollegen. Bild: Urs Bucher (12. Januar 2016)

«Wo mache ich einen Denkfehler?», fragt Frank Albrecht in einem Mail seine Parlamentskollegen. Bild: Urs Bucher (12. Januar 2016)

In seiner Mail lässt Frank Al­brecht Dampf ab: «Überall wird Weltuntergangsstimmung verbreitet. Mit zum Teil komplett verblödeten Ideen will man das Klima retten», schreibt er in einem Mail von knapp 8000 Zeichen an Lokalpolitiker und Medien. «Während in wenigen westlichen Ländern das CO2 für politische Zwecke und das Abkassieren missbraucht wird, stösst der Rest der Welt ungebremst immer mehr CO2 aus.» Und selbst in der Ostschweiz würden sowohl jugendliche Klimademonstranten als auch Albrechts Parlamentskollegen von SP und Flig Wasser predigen und Wein trinken, sprich: in die Ferien fliegen.

In Fahrt gebracht hat Al­brecht eine Motion, welche die SP-Fraktion am Dienstag einreichte: Der Stadtrat soll die rechtlichen Grundlagen schaffen, damit Gossau bis 2030 CO2-neutral wird.

«Kein Beweis» für Klimawandel

Für Albrecht gibt es «bis heute keinen einzigen wissenschaftlichen Beweis, dass das Spurengas CO2 die Temperatur erhöht.» Von 2014 bis heute habe die Globaltemperatur konstant zwischen 14,57 und 14,83 Grad betragen. Unzählige Lehrbücher, «Klimapäpste» und sogar der Weltklimarat würden hingegen eine Temperatur von 15 Grad als ideal bezeichnen. Für Albrecht steht fest: «Die Erde ist immer noch zu kühl!» Und gemäss Nasa nehme das Eis in der Antarktis zu. «All das Geld, was in die Klimaforschung gesteckt wird, sollte eigentlich für die Empfängnisverhütung verwendet werden», folgert Albrecht.

Seine Thesen untermauert er mit Screenshots und einer Dokumentation auf Youtube.

«Wo mache ich da einen Denkfehler?», will Albrecht wissen, und lobt für den ersten Parlamentarier, der ihn aufklärt, 100 Franken aus. Kurz darauf unternimmt Flig-Parlamentarier Matthias Ebnether einen «netten Versuch», wie Albrecht die Entgegnung per E-Mail nennt. Überzeugen lässt er sich allerdings nicht.

Klimaforscher stellt psychologische Diagnose

Reto Knutti, Klimatologe und Professor für Klimaphysik an der ETH Zürich, kennt die Argumente, die Frank Albrecht ins Feld führt. Er hat auch schon in Roger Köppels «Weltwoche» Gelegenheit erhalten, gegen die Verneinung des menschengemachten Klimawandels durch «treue SVP-Mannen» anzuschreiben. «Ich finde es erschreckend, wie viele einflussreiche Leute falsche Fakten verbreiten.» Für Knutti stellt Albrechts Mail einen «Rundumschlag mit typischen Argumenten der Klimaskeptiker» dar. Er beobachte diese grundsätzliche Ablehnung öfter: Wenn der Klimawandel gegen das eigene Weltbild verstosse, wehre man sich gegen diese «kognitive Dissonanz»:

Man suche Ausreden, streite ab, suche andere Schuldige.

Ganz grundsätzlich hält er Albrecht entgegen, dass keine wissenschaftliche Instanz eine Globaltemperatur von 15 Grad als «ideal» bezeichne. Vielmehr hätten sich Mensch und Umwelt optimal an die heutigen Temperaturen angepasst. Zudem sei es extrem schwierig, die absolute globale Durchschnittstemperatur zu messen. Auf Bodenhöhe sei es wärmer als zwei Meter darüber, in der Sonne wärmer als unter einem Baum. Die Veränderung zu messen sei wesentlich einfacher. Das sei in vielen Bereichen so: Der Anstieg eines Seepegels etwa ist weniger schwer zu messen als die genaue Höhe des Pegels über Meer.

Beim Klimawandel ist es wie beim Herzinfarkt

Knutti sieht den menschengemachten Klimawandel als erwiesen an. Zwar gebe es – wie Albrecht schreibt – keinen eindeutigen direkten Beweis. «Wir können das zwar nicht beweisen, indem wir mit einer Parallelwelt ohne Menschen vergleichen.» Das Wissen um den Treibhauseffekt, Messungen und Laborexperimente lieferten aber die Evidenz, dass der Treibhausgasausstoss die Atmosphäre erwärme. Im Gegensatz dazu vermisst Knutti bei Albrechts Beispielen die Repräsentativität. So sei die im Mail angehängte Entwicklung der Temperaturen bei der deutschen Antarktisstation nicht aussagekräftig für die gesamte Welt. «Die Antarktis verliert Eis, das steht hundertprozentig fest», sagt Knutti.

Dass das Bevölkerungswachstum eine Gefahr für das Ökosystem darstellt, stellt er hingegen nicht in Frage. «Mehr Menschen brauchen mehr Ressourcen.» Hier könne man nur mit Bildung und dem Zugang zu Verhütungsmitteln ansetzen.

Allerdings: Um die Klimaerwärmung bis 2100 auf zwei Grad zu begrenzen, müssen die Treibhausgasemissionen so oder so bis spätestens 2050 auf null sinken – Bevölkerungswachstum hin oder her.

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