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«Jeder, der mit der Kamera kommt, gilt in Venezuela zuerst als Feind»: Ein Fotograf pendelt zwischen zwei Welten – in St.Gallen erzählt er davon

Ronald Pizzoferrato arbeitete auf dem Bau und als Tellerwäscher, bevor er die Reportagefotografie für sich entdeckte. Am Mittwoch erzählt er in St.Gallen, wie er mit der Kamera im krisengeschüttelten Venezuela unterwegs ist.
Christina Weder
Blick über die Ghettos von Caracas. (Bild: Ronald Pizzoferrato)

Blick über die Ghettos von Caracas. (Bild: Ronald Pizzoferrato)

Nicht weniger als 8000 Kilometer trennen Ronald Pizzoferrato von seinen Bildmotiven. Der 30-jährige Fotograf, der seit sechs Jahren in der Schweiz lebt, hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Situation in seinem Heimatland Venezuela zu dokumentieren. Am Mittwoch ist er vom «Haus zur Ameise» zu einem Künstlergespräch im Ex-Rex in St.Gallen eingeladen. Er wird anhand von seinen Bildern über die gegenwärtigen Unruhen und Konflikte in seiner Heimat erzählen. Seine Arbeit nennt Pizzoferrato «Colapso social», sozialer Zusammenbruch.

Ronald Pizzoferrato, Fotograf. (Bild: PD)

Ronald Pizzoferrato, Fotograf. (Bild: PD)

Im Januar und Februar sei er letztmals in Venezuela gewesen, erzählt er auf Englisch am Telefon. Er kam in ein Land, in dem der Machtkampf zwischen Staatschef Nicolàs Maduro und dem oppositionellen Parlamentspräsidenten Juan Guaidó tobt und in dem die Wirtschaft am Boden liegt. Obwohl Venezuela über die grössten Ölreserven der Welt verfügt, lebt ein Grossteil der Bevölkerung in Armut.

Bewaffnete Männer und spielende Kinder

Auf seinen Bildern gibt Pizzoferrato der Wut, Verzweiflung und Not der Venezolaner ein Gesicht. Er porträtiert Männer, die sich bewaffnen. Er rückt Kinder ins Bild, die trotz allem Fussball spielen. Und zeigt Frauen, die auf Lebensmittellieferungen warten. Er fotografiert die leer geräumten Regale im Supermarkt, die desolaten Zustände in den Spitälern, die kriegsähnlichen Bedingungen auf der Strasse und lässt hinter die Fassaden der Gettos blicken.

Die Regale in den Supermärkten von Caracas sind leer. (Bild: Ronald Pizzoferrato)

Die Regale in den Supermärkten von Caracas sind leer. (Bild: Ronald Pizzoferrato)

Mit seinen Fotoreportagen hat der 30-Jährige vor drei Jahren begonnen. Damals lebte er bereits in der Schweiz. Diese neue Lebenssituation habe ihn überhaupt erst zur Dokumentarfotografie gebracht, ist er überzeugt. Denn seit er hier lebe, sehe er sein Heimatland mit anderen Augen.

«Ich habe erst hier gemerkt, wie wichtig es ist, die Situation mit der Kamera festzuhalten.»

Pizzoferrato ist in der Hauptstadt Caracas aufgewachsen. Vor sechs Jahren ist er mit südamerikanischen Freunden in die Schweiz gekommen. Zuerst wohnte er in Bern und nahm Hilfsarbeiten auf Baustellen an. Dann schlug er sich als Tellerwäscher in Restaurants durch. Irgendwann hätten ihn Freunde ermutigt, seine Fotoprojekte voranzutreiben.

Zuerst Hochzeiten fotografiert, dann die Krise

Im Abfall wird nach Essensresten gesucht. (Bild: Ronald Pizzoferrato)

Im Abfall wird nach Essensresten gesucht. (Bild: Ronald Pizzoferrato)

Pizzoferrato hatte schon fotografiert, als er noch in Venezuela lebte – allerdings nicht mit derselben Dringlichkeit wie heute. Damals habe er das als Hobby gesehen, an Hochzeiten fotografiert und kleine Aufträge angenommen, erzählt er. In Venezuela habe die Fotografie einen anderen Stellenwert. Sie gelte als elitär.

«Jeder, der mit einer Kamera kommt, gilt zuerst einmal als Feind.»

Das macht seine heutige fotografische Arbeit nicht ungefährlich. Wer die Missstände in Venezuela mit der Kamera festhalten wolle, müsse gewisse Regeln kennen und wissen, wo man fotografieren dürfe und wo nicht. Und man müsse das Vertrauen der Leute gewinnen. Das Gespräch sei deshalb ein wichtiger Teil seiner Arbeit.

Seit einem Jahr hat der Fotograf mit seinen Bildern zunehmend Erfolg. Seine Fotografien haben Eingang gefunden in den Bildband «Reporter ohne Grenzen» und in den Katalog «Beste Schweizer Pressefotos des Jahres 2018». Das Reisebüro Globetrotter hat ihn mit dem Preis «World Photo 2018» ausgezeichnet. Alles, was er verdiene, investiere er in seine Ausbildung, sagt er. Er studiert Design an der Zürcher Hochschule der Künste und wohnt in Zürich.

Pendler zwischen zwei Ländern

Zweimal im Jahr reist Pizzoferrato in sein Heimatland und bleibt bis zu vier Monate dort. Dann kehrt er wieder in die Schweiz zurück. So pendelt er zwischen zwei Welten: zwischen der sicheren, wohlhabenden Schweiz und dem krisengeschüttelten Venezuela. «Zwei Kontraste», sagt er. «Aber ich brauche beides, um meine Balance zu finden.» In Venezuela betreibe er eine Art Feldforschung. In der Schweiz finde er die Ruhe, um seine Arbeit zu reflektieren und Distanz zu gewinnen.

Der Fokus seiner Arbeit liegt auf Venezuela. Doch Ronald Pizzoferrato will auch anderswo humanitäre Krisen dokumentieren und sich sozialen Themen widmen. Er hat Flüchtlinge in Italien und Migranten in der Schweiz fotografiert. Und er hat Athleten an die Special Olympics in Abu Dhabi begleitet. Sein neustes Projekt wird ihn im Sommer an die Grenze zwischen Kolumbien und Venezuela führen.

Er habe seinen Platz gefunden, sagt der Fotograf auf die Frage, ob er in der Schweiz bleiben werde. Es sei nicht der richtige Moment, um in sein Land zurückzukehren. «Aber es ist der richtige Moment, um die Geschichte von Venezuela zu erzählen.» Das wird er in St. Gallen tun.

Hinweis:
Künstlergespräch mit Ronald Pizzoferrato: Mittwoch, 20 Uhr, Ex-Rex.

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