Militärflieger per Helikopter nach Altenrhein geholt: «Ein Transport über die Strasse wäre zu kompliziert, zu teuer und zu risikoreich gewesen»

Das gab es in der Ostschweiz noch nie: Ein Transporthelikopter flog mit einem ausrangierten Militärflugzeug am Haken durch die Luft. Ein Bericht vom Himmel über dem Bodensee.

Raphael Rohner, Martin Rechsteiner
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Das ehemalige Flugzeug der Schweizer Luftwaffe hängt unter dem Helikopter über dem Bodensee.

Das ehemalige Flugzeug der Schweizer Luftwaffe hängt unter dem Helikopter über dem Bodensee.

Bild: Raphael Rohner

Am Briefing kurz nach 10 Uhr am Freitagmorgen gibt sich Bernhard Vonier, Geschäftsführer Flug- und Fahrzeugmuseum Altenrhein (FFA), locker. Ganz verbergen kann er seine Anspannung allerdings nicht. «Alles klar?», fragt er am Schluss. Dann eilen alle Teilnehmer auf ihre Posten.

Es ist ein grosser Tag, das FFA-Team hat lange darauf hingearbeitet. Das Museum erhält heute ein neues Ausstellungsstück: Ein zweisitziges Trainingsflugzeug des Typs Pilatus PC 9 der Schweizer Luftwaffe. Es sei ein spezielles Exponat, welches das FFA Museum damit erhalte, betont Vonier.

Der Flieger hängt am Haken

Noch spezieller ist allerdings die Art und Weise, wie der fast zwei Tonnen schwere Flieger aus dem zürcherischen Dübendorf nach Altenrhein gelangt: Am Haken eines Spezialtransporthelikopters. Denn die Museumsmaschine ist derzeit nicht flugtüchtig. Vonier sagt:

«Ein Transport über die Strasse wäre zu kompliziert, zu teuer und zu risikoreich gewesen.»

«Wegen ihrer Spannweite hätten wir die Maschine auseinandernehmen müssen. Und die Gefahr, dass die Teile bei einem Strassentransport Schaden nehmen, war gross.» So fiel der Entscheid, das Stück über 80 Kilometer Luftlinie aus dem Zürcher Oberland zum Bodensee zu fliegen.

Grünes Licht am Tag zuvor

Es ist ein heikles Projekt, das viel Planung erfordert und so in der Ostschweiz vermutlich noch nie stattgefunden hat. «Wir haben uns zur Vorbereitung mehrere Male in Dübendorf mit Mitarbeitern der Helikoptertransportfirma Rotex, Armeeangehörigen und weiteren Fachleuten getroffen», sagt Vonier.

Um die Fluglage zu stabilisieren wurde ein Bremsschirm am Heck angebracht.

Um die Fluglage zu stabilisieren wurde ein Bremsschirm am Heck angebracht.

Bild: Raphael Rohner

Weil der Transport nur bei absolut günstigem Flugwetter möglich war, sei erst ein Tag im Voraus sicher gewesen, ob er stattfinden würde oder nicht. «Mit einem Bremsfallschirm am Heck des Flugzeugs haben wir verhindert, dass es während des Flugs rotiert und instabil wird.»

Eine gute Nachricht für den Museumsleiter

Der Transporter, ein K-Max Doppelrotorhelikopter, ist um 10 Uhr mit seiner Last am Haken in der Luft und auf dem Weg in Richtung Altenrhein. Beim Start in Dübendorf ist alles reibungslos verlaufen. Der Himmel war klar und in der Ferne hingen zwar einige Wolkenfetzen am Alpsteinmassiv, doch war es wie geschaffen, für die heikle Heli-Mission. Eine gute Nachricht für Bernhard Vonier. Aufgeregt schaut er in den Himmel und erhofft einen ersten Blick auf das fliegende Gespann zu erhaschen.

Der Transport erfolgt im Luftraum über dem Bodensee.
21 Bilder
Der Helikopter über dem Bodensee vor Horn.
Auch an der Küste Rorschachs kommt der Transport vorbei.
Fast drei Tonnen Gewicht kann der K-Max-Transporthelikopter an seinem Haken tragen.
Die Pilatus PC-9 wiegt etwas weniger als zwei Tonnen.
Mit einem Bremsfallschirm am Heck wurde das Flugzeug stabilisiert.
Es würde sich sonst in der Luft womöglich um seine Achse drehen und für Instabilität sorgen.
Der Pilot im Begleithelikopter überwacht das Geschehen.
Der Transport konnte nur bei gutem Wetter stattfinden.
Die Bedingungen für den Transport waren am Freitagvormittag perfekt.
Einen solchen Lufttransport hat es in der Ostschweiz vermutlich noch nie gegeben.
Landeanflug auf den Flugplatz Altenrhein.
Anflug auf den Landeplatz neben dem Museum.
Ein Mitarbeiter der Transportfirma Rotex weist seinen Kollegen im Helikoptercockpit zur Absetzung des Flugzeugs ein.
Mitarbeiter des Flugplatzes Altenrhein nehmen die Fracht in Empfang.
Sicher gelandet: Das Bodenpersonal löst das Flugzeug vom Haken.
Dabei ist höchste Vorsicht geboten. Gleichzeitig muss das Flugzeug vor dem Wegrollen gesichert werden.
Der Transporthelikopter bei der Landung.
Der Helikopterpilot erhält Anweisungen vom Bodenpersonal.
Die Pilatus PC-9 wird in das Museum geschleppt
In der Ausstellung des FFA-Museums erhält das Flugzeug einen Ehrenplatz.

Der Transport erfolgt im Luftraum über dem Bodensee.

Raphael Rohner

Doch noch ist nicht alles vorbei. Das Abladen der Last wird eine Herausforderung. «Es besteht die Gefahr, dass der Abwind des Helikopters das Flugzeug zum Drehen oder ins Rollen bringt», sagt Flugplatz-Mitarbeiter Tino Dietsche, der das Kommando am Boden zusammen mit dem Flughelfer der Heli-Transportfirma übernimmt.

Ein Spektakel am Himmel über der Ostschweiz

In der Luft baumelt der Flieger gelassen unter dem Helikopter hin und her und kommt seinem Bestimmungsort immer näher. Auf dem Aviatikfunk wird einem Piloten, der in den Luftraum einfliegt erklärt, dass es Traffic gibt: «Da fliegen zwei Helikopter in Ihrer Nähe, die ein Flugzeug transportieren», vermeldete die Stimme über Funk. Kurz war die Verwunderung des Piloten zu hören, als er dann bestätigte: «Ich habe Sichtkontakt zu den Helikoptern und dem Flugzeug - sieht irre aus.» Währenddessen fliegt der flügellahme Militärflieger den Flughafen Altenrhein an und dreht schliesslich seine finale Runde: «Ob dieser Flieger je wieder abheben wird, wissen wir noch nicht», erklärt Vonier.

Der PC-9 fliegt flugunfähig hoch über dem Bodensee.

Der PC-9 fliegt flugunfähig hoch über dem Bodensee.

Bild: Raphael Rohner

Fans schauen vom Dach zu

Auf dem Zuschauerdach des FFA-Museums haben sich derweil rund 20 Schaulustige versammelt, viele haben Kameras mit gewaltigen Objektiven dabei. Als knapp vor 11 Uhr plötzlich drei schwarze Punkte am Horizont auftauchen, herrscht Aufregung, Rufe übertönen das Klicken der Fotoapparate, bis jegliche Geräusche im Motorenlärm des Transporthelikopters und seiner Begleitmaschine versinken.

Bernhard Vonier, Geschäftsleiter FFA-Museum Altenrhein

Bernhard Vonier, Geschäftsleiter FFA-Museum Altenrhein

Martin Rechsteiner

Die Landung verläuft wie am Schnürchen: Bodenpersonal in Leuchtwesten sichert das Flugzeug vor dem Wegrollen und löst es vom Haken, der Transporthelikopter dreht ab. Ein Schleppfahrzeug zieht das Flugzeug daraufhin in die Museumshalle. Dort wartet bereits Bernhard Vonier.

Die gute Laune steht ihm ins Gesicht geschrieben. «Alles hat geklappt, diese Form des Transports hat sich bewährt. Diese ganze Aktion ist schon etwas verrückt», sagt er zufrieden und schielt auf den gelb-schwarzen Zweisitzer, der jetzt in der Mitte der Halle steht. «Diese PC-9 flog einst für die Zielflugstaffel der Schweizer Luftwaffe und wird unsere Ausstellung super ergänzen.» Dass seine Flugzeugsammlung wieder einmal Zuwachs per «Luftpost» erhalten wird, will er nicht ausschliessen.

Sicher angekommen: Die Pilatus PC-9 setzt in ihrem Zuhause für die nächsten Jahrzehnte auf.

Sicher angekommen: Die Pilatus PC-9 setzt in ihrem Zuhause für die nächsten Jahrzehnte auf.

Bild: Raphael Rohner

Ehemaliger Pilot: «Darin wurde schon auf mich geschossen»

Sergio Rämi steht in der Flugzeughalle und beobachtet gespannt, wie das Flugzeug in die Halle gezogen wird. Für ihn ist dieses eine Flugzeug besonders speziell: «Ich bin genau diesen Flieger immer wieder geflogen und war während meiner letzten Jahre Cheffluglehrer darauf.»

Es erfüllt ihn mit stolz, dass seine Maschine jetzt im Fliegermuseum steht und er den Besucherinnen und Besuchern erklären kann, was an diesem Typ besonders ist: «Dieses Flugzeug war als Zielobjekt für die Fliegerabwehr und die Luftwaffe im Einsatz. Da wurde auch scharf drauf geschossen und das war ein wirklich verrücktes Gefühl», so Rämi. Er hofft sehr, dass das Flugzeug dereinst wieder flugtauglich gemacht werden kann und er den Passagieren ein Stück Schweizer Luftfahrtgeschichte auch am Himmel zeigen kann.

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