Flüchtlingstag
24 Stunden lang Namen lesen: St.Galler organisieren Aktion zu Ehren von verstorbenen Flüchtlingen

Eine Gruppe um Seelsorger Chika Uzor hat für dieses Wochenende eine Reihe von Protestaktionen organisiert. Sie möchten damit auf das Leid von Flüchtenden aufmerksam machen und gegen das Vergessen vorgehen.

Marlen Hämmerli
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Seelsorger Chika Uzor ist Mitorganisator diverser Protestaktionen zum Flüchtlingstag.

Seelsorger Chika Uzor ist Mitorganisator diverser Protestaktionen zum Flüchtlingstag.

Bild: Michel Canonica

Chika Uzor weiss es aus eigener Erfahrung: «Man flüchtet nicht aus Spass, sondern weil man um sein Leben fürchtet.» Eine Flucht ist voller Gefahren: «Man weiss nicht, wie es weitergeht, ob man den Anschluss verliert und alleine gelassen wird. Ob man den nächsten Luftangriff überlebt.» Uzor floh in den 1960er-Jahren als Binnenvertriebener mit der Familie aus seinem Dorf in Nigeria. Heute ist er Seelsorger für Flüchtlinge und Migranten bei der Katholischen Kirche St.Gallen.

Im Rahmen der schweizweiten Aktion «Beim Namen nennen» hat er zusammen mit seiner evangelisch-reformierten Kollegin, Pfarrerin Birke Müller, für dieses Wochenende mehrere Anlässe organisiert. Es sind Protestaktionen gegen das Vergessen und die Ausgrenzung.

Eine Zahl in den Nachrichten, ein Schicksal auf dem Meer

Seit 1993 sind über 44'000 Personen beim Versuch, nach Europa zu flüchten, gestorben. Im Wasser, nachdem ein Boot gekentert ist, mit dem Kind im Arm. Erschossen in einem Flüchtlingslager oder erhängt im Gefängnis. «Weil Europa sich abschottet und sichere Fluchtwege abgeschafft hat», sagt Uzor. «In Not geratenen Menschen Hilfe und Schutz zu verwehren, ist ein Skandal.» Vielen in Europa sei nicht bewusst, welches Leid auf den Flüchtlingsrouten oder in Flüchtlingscamps herrsche, sagt Uzor. «Sie hören eine Zahl in den Nachrichten und gehen dann zurück zum Alltag.»

Freiwillige lesen 24 Stunden lang über 44'000 Namen

24 Stunden lang – von Samstag, 12 Uhr, bis Sonntag, 12 Uhr – lesen Freiwillige in der St.Laurenzenkirche die Namen der über 44'000 Verstorbenen. Zu jeder vollen Stunde gibt es eine fünfminütige Unterbrechung mit Musik, Gesang oder einem Input. «Es ist den Künstlern überlassen, wie sie die Verstorbenen in dieser Pause würdigen möchten.»

Gleichzeitig werden die Namen und weitere Details auf Stoffstreifen geschrieben. Alle Interessierten sind zum Abschreiben der Namen von einer Liste eingeladen. «Das soll den Verstorbenen ihre Würde zurückgeben und ihr Schicksal in Erinnerung halten», erklärt Uzor. Die Streifen werden dann an der Fassade der St.Laurenzenkirche befestigt und bleiben bis zum Flüchtlingstag am 20. Juni dort hängen.

Chika Uzor zeigt Beispiele von bereits beschriebenen Streifen. Helferinnen und Helfer notieren darauf mit Bleistift die Namen verstorbener Flüchtlinge.

Chika Uzor zeigt Beispiele von bereits beschriebenen Streifen. Helferinnen und Helfer notieren darauf mit Bleistift die Namen verstorbener Flüchtlinge.

Bild: Michel Canonica

Die Aktion in St.Gallen ist breit abgestützt. Hauptträger sind die katholischen und evangelisch-reformierten Kirchen. Unter anderem sind zudem das Amt für Gesellschaftsfragen der Stadt beteiligt, das Solihaus und Caritas St.Gallen-Appenzell. Um alles realisieren zu können, sind aber auch viele Helferinnen und Helfer nötig. Bis Freitagabend kann man sich dazu noch auf www.kathsg.ch/beimnamennennen anmelden. «Oder am Samstag einfach spontan vorbeikommen», sagt Uzor.

Menschenkette als Auftakt

Als Auftakt zum Verlesen der Namen ist in der Marktgasse ein «Cercle de Silence» geplant, eine halbe Stunde schweigen. Schweigen für flüchtende Menschen, die ausgegrenzt werden oder für jene, deren Asylantrag abgewiesen wurde. Uzor sagt: «Für Menschen, die existieren, aber nicht gesehen werden.»

Auf dem Bärenplatz wird es einen Informationsstand geben und die Gelegenheit, Namen zu schreiben. Auch ist dort die Ausstellung «Migrant Bodies» von Max Hirzel zu sehen. Der Fotograf wird am Samstag anwesend sein. «Das sind bewegende Bilder», sagt Chika Uzor. Eine abgewetzte Jeanshose oder zwei kleine Beutel mit Erde aus dem Heimatland: «Die Bilder zeigen: Es geht hier um Menschen.»

Am Sonntag, 10.30 Uhr, gibt es in der Kirche St.Laurenzen einen Gottesdienst. Pfarrerin Constanze Broelemann wird von ihren Erfahrungen auf dem Seenotrettungsschiff Sea Watch 4 berichten. Wegen Corona ist auf www.kathsg.ch/reservation eine Anmeldung nötig.

Am 18. Juni, 19.30 Uhr, gastiert das Maxim Theater aus Zürich in der Grabenhalle. Es zeigt «Die Mittelmeer-Monologe» des Berliner Regisseurs Michael Ruf. Das Stück basiert auf wahren Geschichten. Plätze können unter www.kathsg.ch/mittelmeermonologe reserviert werden.

https://www.beimnamennennen.ch/de/2021/st-gallen