Fluch und Segen für Beizer: Nicht alle St.Galler Gastronomen freuen sich über die frühe Lockerung

Ab dem 11. Mai dürfen Gastronomen wieder Gäste empfangen – mit klaren Vorschriften. Nicht alle freuen sich darüber.

Christoph Renn
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Ab dem 11. Mai können die Gastronomen wieder auftischen und Gäste empfangen.

Ab dem 11. Mai können die Gastronomen wieder auftischen und Gäste empfangen.

Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone

Nun ist es definitiv: Die Beizer dürfen ab dem 11. Mai in ihren Restaurants, Bars und Pubs wieder Gäste empfangen. Der Bundesrat verknüpft die Lockerung aber an strenge Vorschriften: In einem ersten Schritt sind an einem Tisch maximal vier Personen oder Eltern mit Kindern erlaubt. Alle Gäste müssen sitzen und zwischen den Gruppen sind zwei Meter Abstand oder trennende Elemente nötig. Über die weiteren Schritte entscheidet der Bundesrat am 27. Mai. Einige St.Galler Beizer freuen sich über den Entscheid des Bundesrates. Andere stellt die Lockerung vor grosse Schwierigkeiten.

«Es ist eine positive Überraschung, dass die Gastronomie schon am 11. Mai den Betrieb wieder aufnehmen kann», sagt René Rechsteiner, Präsident von Gastro Stadt St.Gallen. Von einer Rettung der Gastrobranche der Stadt St.Gallen will er aber noch nicht sprechen.

«Je nach Grösse und Art des Betriebs ist es nicht möglich, schwarze Zahlen zu schreiben.»

Denn mit der Abstandsregel könnten die meisten Betriebe maximal die Hälfte der eigentlichen Plätze besetzen. «Bei den kleineren Bars und Restaurants dürfte es wohl eher ein Drittel sein.» Somit sei es schwierig, genügend Umsatz zu generieren, um die Fixkosten zu decken.

Der Barbetrieb funktioniert mit Abstand schwierig

Eine ungünstige Grösse hat das «Oya», wie Mitinhaber Marc Frischknecht sagt. «Für mich ist die frühere Lockerung nicht gut. Die Situation wird sich dadurch sogar verschlechtern», sagt er. Wegen der Zwei-Meter-Regel könne er maximal 25 bis 30 Personen gleichzeitig ins Lokal lassen. Dies reiche jedoch nicht, um genügend Einnahmen zu generieren, wie Erfahrungen mit der 50-Personen-Regel im März gezeigt hätten. Denn mit der Wiedereröffnung steigen auch die Fixkosten. Die Löhne der Mitarbeiter, die Stromrechnung und die Miete müssen wieder bezahlt werden.

Zudem lebt das «Oya» vom Barbetrieb. «Es ist aber schwierig, dass mit den verschiedenen Schutzmassnahmen richtig Stimmung aufkommt», sagt Frischknecht. Ihm wäre deshalb lieber gewesen, wenn der Bundesrat bis Mitte Juni gewartet und dann die Lockerung mit weniger strengen Massnahmen gemacht hätte. Er glaube aber, dass andere, grössere Betriebe von der Lockerung profitieren.

Einen Tisch mehrfach belegen

Als «Segen» begrüsst Wolfgang Kahr, Inhaber des Restaurants La Vigna in der Engelgasse, den Entscheid des Bundesrates. «Das ist eine Sensation.» Zwar müsse auch er die Zahl der Plätze von bisher 40 auf 25 reduzieren. Doch mit einem Schichtbetrieb will er das Restaurant unter strenger Einhaltung der Schutzvorgaben des Bundesrates am Leben halten. «Ich werde die Gäste darauf aufmerksam machen, dass ein Tisch an einem Abend mehrfach besetzt sein wird», sagt Kahr. Sprich: Die Aufenthaltsdauer im Restaurant ist begrenzt. Es gehe in dieser Zeit nicht, dass Gäste den ganzen Abend im Restaurant verbringen und wenig konsumieren. Die hauseigene Bar bleibt vorerst jedoch geschlossen.

Kahr ist sich sicher, dass die Wiederinbetriebnahme gut funktionieren wird – trotz bundesrätlicher Vorschriften. Bereits wenige Minuten nach dem Entscheid, dass Restaurants am 11. Mai die Türen öffnen dürfen, seien die ersten Reservationen eingegangen.

Schwieriger wird es für kleine Bars, die Abstandsregeln umzusetzen und doch noch Geld zu verdienen. Dies weiss Hanspeter Nater vom «Weissen Kreuz»: «Ich kann zwar zwei Meter Abstand zwischen den Tischen garantieren und die Vorschriften einhalten.» Dazu müsse er jedoch einige Tische entfernen. Die Folge: In seiner kleinen Bar kann er maximal zehn bis zwölf Gäste gleichzeitig empfangen. Trotzdem freut er sich: «Für mich geht die Rechnung auf, wenn ich selbst hinter der Theke stehe.» Sobald Lohnkosten dazu kommen würden, wäre es nicht mehr möglich, die Bar gewinnbringend zu betreiben. Nater ist überzeugt: «Für viele kleine Bars wird es trotz oder gerade wegen der Lockerung schwierig werden.» Doch sei sie für die Gastronomie ein riesiger Schritt zur Normalität.

Die Regel, dass nur vier Personen an einem Tisch sitzen dürfen, beurteilt Nater aber kritisch. «Es ist etwas verwirrend, dass draussen Gruppen von fünf Personen erlaubt sind, in Beizen und Restaurants aber nur vier Personen an einem Tisch sitzen dürfen.»

Am wichtigsten bleiben die Gäste

Der wichtigste Punkt bleibt laut René Rechsteiner für alle Gastronomen und Beizer, dass Gäste die Restaurants und Bars besuchen. Er könne aber noch nicht abschätzen, wie die Leute die Lockerungen aufnehmen. Die Zeit müsse zeigen, ob sie sich von Anfang an wieder dabei wohlfühlen, in Bars und Restaurants zu gehen, oder ob sie am Anfang noch zurückhalten reagieren. Nun müsse jeder Gastronom für sich entscheiden, ob er sein Restaurant mit den Schutzmassnahmen überhaupt öffnen will und kann. Und jeder Gastrobetrieb müsse ein eigenes Konzept erarbeiten. Denn: «Jedes Restaurant und jede Bar hat andere Voraussetzungen.» So hätten auch einige den Entscheid mit Freude zu Kenntnis genommen. «Andere hingegen müssen sich die Frage stellen, ob sich eine Öffnung überhaupt rechnet.»

In einem Punkt sind sich alle vier Gastronomen einig: Es gibt noch wichtige Fragen zu klären. Dürfen die Gäste vor dem Restaurant oder der Bar stehen und konsumieren? Wie geht es mit der Kurzarbeit weiter? Welche zusätzlichen Massnahmen kommen noch? Oder wie Marc Frischknecht sagt: «Ich habe im Moment mehr offene Fragen als Freude.»