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Filmreifer Ausbruch aus dem Bezirksgefängnis Rorschach

An der Gerenstrasse in Rorschach stand einst das Bezirksgefängnis. Es war Schauplatz eines spektakulären Ausbruchs - vor fast 70 Jahren. Ein Augenzeuge berichtet.
Otmar Elsener
Die Südseite des ehemaligen Bezirksgefängnisses an der Gerenstrasse. (Bild: Otmar Elsener)

Die Südseite des ehemaligen Bezirksgefängnisses an der Gerenstrasse. (Bild: Otmar Elsener)

Das ehemalige Bezirksgefängnis an der Gerenstrasse gab in seinen Betriebsjahren oft Anlass für Spekulationen über spektakuläre Ausbrüche von Gefangenen («Tagblatt» vom 23. November 2018). So sollen einmal zwei Häftlinge durch den Speiselift entkommen sein. Diese Gerüchte wurden nie bestätigt, doch nun bezeugt ein älterer Rorschacher mit einer Jugenderinnerung, dass zumindest eine Legende wahr ist.

Der Mann, der die Spuren eines filmreifen Ausbruchs sah, heisst Eugen Küffner. Er ist in Rorschach in den 1940er-Jahren im Haus Restaurant Metropol, Kirchstrasse 64, aufgewachsen, unmittelbar neben dem Bezirksgefängnis.

Eine Leine aus Wolldecken

Frühmorgens an einem Mittwoch im Jahr 1949 oder allenfalls 1950 verliess er mit seiner Mutter und seinem Bruder die Wohnung, um die damals obligate Schulmesse zu besuchen. Doch noch im Treppenhaus bemerkten sie, dass da jemand schon früher am Morgen unterwegs gewesen sein musste: Von einem Zellenfenster auf der Südseite des Gefängnisses baumelte eine dicke Stoffleine herunter. Wirklich wie im Film: Die Leine war aus Wolldeckenstücken zusammengeknüpft, sie hing nur noch auf einer Seite befestigt am Zellengitter, wie sich Küffner heute mit einem Schmunzeln erinnert.

Die Mutter schickte ihren jüngeren Bub, also Eugen, sofort zum Eingang des Bezirksgefängnis auf der Nordseite, um Alarm zu schlagen. Gefangenenwart Wachtmeister Künzler, von Eugen herausgeklingelt, eilte sofort zur Zelle. Tatsächlich, der Gefangene war ausgebrochen. Es stellte sich heraus, dass der Mann in einer Schuhsohle eine Eisenfeile versteckt hatte. Damit durchsägte er das Fenstergitter, sodass er es seitlich öffnen und dann durch das Fenster entweichen konnte – an der Wolldecke hängend, sich leise wie eine Spinne abseilend.

Polizei wollte sich nicht dem Spott aussetzen

Ob der Ausbrecher je wieder festgenommen wurde, ist nicht dokumentiert. In den hiesigen Tageszeitungen jener Jahre findet sich jedenfalls kein entsprechender Bericht; vielleicht schnappte ihn die Polizei wieder und wollte sich dann aber nicht dem Spott der Bevölkerung aussetzen. Möglicherweise aber hat der Ausbrecher nach der filmreifen Flucht sein Leben glücklich und zufrieden in Freiheit verbracht.

Den Ausbruch erleichtert hat vielleicht die Tatsache, dass die einst vor jedem Zellenfenster angebrachten Deckbleche, die nur durch einen etwa handbreiten Schlitz Licht in die Zellen brachten, Ende der 1940er-Jahren entfernt worden waren. Mehr Licht bedeutete dann zumindest in diesem einen Ausbruchsfall auch mehr Freiheit.

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