Ferien, ohne abhängen zu dürfen: St.Galler Eltern über ihr Leben zwischen Kindern, Wochenplan und Homeoffice

Die Schulen haben zu, die Kitas sind froh um Entlastung. Nur 73 von 6500 St.Galler Schülern werden derzeit notbetreut. Die Eltern helfen sich gegenseitig, mit der ungewöhnlichen Situation zurecht zu kommen.

Diana Hagmann-Bula
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So schön ist Notbetreuung: Die meisten Kinder, welche die Primarschule Rotmonten-Gerhalde besuchen, bleiben aber daheim.

So schön ist Notbetreuung: Die meisten Kinder, welche die Primarschule Rotmonten-Gerhalde besuchen, bleiben aber daheim.

Bild: Ralph Ribi (St.Gallen, 19.3.2020)

Es sind Corona-Ferien. Und doch hat kaum einer wirklich frei. Für die Kinder gilt Schulpflicht daheim. Ein zeitlich ausgedehnter Wochenplan legt die Lernziele fest. Die dritte Klasse in Rotmonten etwa hat beim Teilen mit Rest weiter zu kommen, in der Rechtschreibung die Doppelung zu üben, sich in die Jungsteinzeit zu vertiefen und mit Springseilen fit zu bleiben.

Das Arbeitspensum der Mädchen und Buben: zwei bis drei Stunden, täglich, fünfmal pro Woche. «Eine fixe Schularbeitszeit hilft allen in diesen Wochen eine gute Struktur in den Tagesablauf zu bringen – am besten morgens», heisst es auf dem Merkblatt, das an die Eltern gegangen ist.

Sie sind nach wie vor Mutter und Vater, Angestellte – und plötzlich auch Lehrer? «Nein, sie haben die gleiche unterstützende Aufgabe wie bei den Hausaufgaben. Die Schüler können die Übungen selbstständig lösen. Lernzeit der Kinder kann Homeoffice-Zeit der Eltern sein», sagt Monika Dorner, Leiterin der Primarschule Rotmonten-Gerhalde.

Auf mehreren Kanälen präsent sein

Dennoch sind viele Eltern gerade «angespannt» und «gereizt», wie sie es ausdrücken. «Diese Woche fühlt sich wie ein Jahr an», bloggt eine Mutter. Eine berufstätige Mama aus St.Georgen sagt, in den ersten Tagen habe ihre Familie zwischen Ferienstimmung und Struktursuche gependelt.

«Wir müssen den Alltag in dieser ausserordentlichen Zeit irgendwie hinbekommen.»

Basierend auf Tipps der Schule hat die 45-Jährige für beide Kinder (7 und 10 Jahre) einen Wochenplan zusammengestellt. Um neun Uhr beginnt die «Schuleinheit» daheim. «Ausserdem binde ich die Kinder mehr in den Alltag ein als sonst. Abtischen, das Bett machen, bei der Wäsche helfen. Es ist wichtiger denn je, dass nun jeder seinen Beitrag leistet.»

Per WhatsApp hat sie Familien aus dem Quartier angeschrieben. Wer hat wann Zeit, um nicht nur die eigenen, sondern auch andere Kinder zu hüten? «Schon beim ersten Anlauf hat es geklappt und unser Sohn kam für ein paar Stunden bei einer anderen Familie unter.»

Die Absprachen mit Müttern, mit dem Geschäft, dazu Zeitungen lesen, um über die Corona-Lage informiert zu sein. «Auf mehr Kanälen als üblich präsent zu sein, ist herausfordernd.» Und dann ist da noch die Frage: Im Moment ist man organisiert, aber wie sieht es nächste Woche aus? Sie hofft, «dass wir da reinwachsen.»

«Ich will mir die Nächte nicht mit Arbeit um die Ohren schlagen»

Auch eine andere Mutter, ihre Kinder sind vier und sechs Jahre alt, sähe in der Corona-Krise gerne das Schöne. Den langsameren Alltag, die zusätzliche Zeit für die Familie. «Auf der einen Seite ist da die von der Regierung angeordnete Entschleunigung, auf der anderen kein Nachlassen bei den beruflichen Zielen», sagt sie. Sie fährt ins Büro, ihr Mann arbeitet von daheim aus. Am Wohnzimmertisch.

«Weil das Wlan dort am besten funktioniert und nicht im Arbeitszimmer, in dem wir uns einschliessen könnten.»

Dennoch funktioniere Homeoffice mit Kindern besser als gedacht. «Aber so effizient wie im Geschäft ist keiner von uns. Ein Zeichen des Arbeitgebers wäre schön. Im Sinne von: Eltern müssen nicht um ihre Stelle bangen, wenn in dieser ausserordentlichen Zeit mal eine Aufgabe liegen bleibt.» Doch das Zeichen komme nicht.

Was tun? Nachts arbeiten? Keine Option für die Mutter. Ebenso wichtig wie Händewaschen sei nun ein funktionierendes Immunsystem. «Schlägt man sich die Nächte mit Arbeit um die Ohren, schwächt man sich.» Momentan schickt die 40-Jährige ihre Buben seltener in die Kita, ganz ohne geht es nicht. «Gut fühlt es sich nicht an. Sie spielen eng mit anderen zusammen, während der Bundesrat einen Mindestabstand von zwei Metern empfiehlt.»

Vor dem Computer lernen, wie man einen Papierflieger faltet

Kein Wunder, sind Eltern gerade froh um jede Minute, in welcher der Nachwuchs beschäftigt und zufrieden ist. Verschiedene Branchen haben das erkannt. «My School» von SRF bietet mehr Lernvideos an als üblich. Mütterbloggerinnen verweisen auf Online-Tutorials. Die Kinder sitzen dann vor dem Computer und lernen, wie man einen Papierflieger faltet, der wirklich schwebt.

Kreativ sein ist gut, draussen sein ebenso. Besonders wenn die Temperaturen frühlingshaft sind wie in diesen Tagen. Das stellt Eltern vor neue Fragen: Darf ich die Kinder noch zum Fussballspielen rausschicken? «Ich habe sie gelassen. Sie waren nur zu fünft», sagt die 45-Jährige. Kinder treffen sich gerne auf Pausen- und Sportplätzen.

Im Rotmontener Elternbrief heisst es vorsorglich: «Es ist nicht im Sinne der Gesundheit, dass sich Kinder in grossen Gruppen dort treffen, um miteinander zu spielen.»

Nur 73 von 6500 St.Galler Schülern werden notbetreut

Stadtrat Markus Buschor

Stadtrat Markus Buschor

Bild: Michel Canonica

Dürfen Kinder sich auf dem Spielplatz verabreden? Stadtrat Markus Buschor, Direktion Bildung und Freizeit, sagt: «Solange der Bundesrat es nicht verbietet, ist das auch in St.Gallen erlaubt. Nur sollten nicht 30 Kinder gleichzeitig im Sandhaufen sitzen.» Wie bei der Nachbarschaftshilfe gelte es, Durchmischung zu vermeiden:

«Kinder sollten nicht jeden Tag mit anderen Kindern spielen.»

Er spricht von einer «anspruchsvollen Aufgabe», welche Eltern meistern. Und lobt sie für den Einsatz: «Nur 73 von 6500 St.Galler Schülern werden notbetreut. Die Familien haben den Appell ernst genommen.» Nun hofft Buschor, dass ihr Schnauf lange anhält.

Gut möglich, dass es zwischen Kindern, Wochenplan, Homeoffice und Haushalt schwache Momente geben wird. Vielleicht hilft dann ein Gedanke, der sich auf Instagram verbreitet: «Unsere Grosseltern wurden in den Krieg gerufen. Wir aufs Sofa. Wir schaffen das!»