Fehlende Fakten und Fake News: So verlief der Infoanlass in Gossau zum Schwalbe-Provisorium

Befürworter und Gegner des Heimprovisoriums werfen sich gegenseitig vor, Halbwahrheiten zu verbreiten. Die Gossauer Parteien fassen alle die Ja-Parole.

Perrine Woodtli
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Noch bis zum 11. Februar kann beim Andreaszentrum ein Anschauungsmodul besichtigt werden. Die tatsächliche Grösse der Fenster führte am Montag im Fürstenlandsaal zu Diskussionen.

Noch bis zum 11. Februar kann beim Andreaszentrum ein Anschauungsmodul besichtigt werden. Die tatsächliche Grösse der Fenster führte am Montag im Fürstenlandsaal zu Diskussionen.

Bild: Benjamin Manser (31.Januar 2020)

Die einen reden von heimeligen Wohnmodulen, die anderen von Containern. Tatsache ist: Die Übergangslösung Schwalbe Plus der Sana Fürstenland AG gibt zu reden. Am 8. März stimmen die Gossauer über den städtischen Beitrag von drei Millionen ab. Am Montag haben die SP, Flig, CVP, SVP und FDP einen Infoabend veranstaltet und alle Beteiligten eingeladen.

Kathrin Hilber, Verwaltungsratspräsidentin Sana Fürstenland AG

Kathrin Hilber, Verwaltungsratspräsidentin Sana Fürstenland AG

Ralph Ribi

Zu Beginn hält Sana-Verwaltungsratspräsidentin Kathrin Hilber eine emotionale Rede. «Die Situation ist wie sie ist», sagt sie und spricht damit den blockierten Neubau beim Andreaszentrum an. Auch wenn die Einsprache bereinigt werden könne, daure es noch Jahre, bis die Bewohner vom veralteten Espel ins neue Heim einziehen könnten. «Der provisorische Anbau bei der Schwalbe ist die beste Lösung», sagt Hilber.

Eigene Nasszellen in jedem Zimmer statt nur ein Bad im Haus sei nur einer von vielen Vorteilen. Auch das Personal und die Bewohner könnten so zusammenbleiben. Diese hätten eine Beziehung zueinander. Das Espel und die Schwalbe würden zudem unter einem Dach vereint – so wie es der Auftrag der Sana Fürstenland AG vorsehe.

Das Wort Container ist «unverantwortlich»

Für die Gegner sind die Container unwürdig für ältere Menschen. Anderer Meinung ist Erol Doguoglu, Thurgauer Kantonsbaumeister und Sana-Verwaltungsrat. Die Module entsprächen einem Neubau. «Auch das Hotel Bad Horn verwendet sie für Zimmer.» Mit den Modulen biete man den Bewohnern ein adäquates und grösseres Zimmer mit guter Atmosphäre.

Auch Sandro Contratto, Co-Präsident des Komitees «Nein zum Container-Dorf Schwalbe», kommt zu Wort und erklärt erneut, warum man eine Lösung mit den privaten Heimen in Gossau anstreben soll. Das Komitee hatte bereits einige Stunden zuvor zu einer Pressekonferenz eingeladen.

Sandro Contratto, Co-Präsident des Komitees «Nein zum Container-Dorf Schwalbe» und Mitglied der IG für ein optimiertes Pflegeheim (Igop).

Sandro Contratto, Co-Präsident des Komitees «Nein zum Container-Dorf Schwalbe» und Mitglied der IG für ein optimiertes Pflegeheim (Igop).

PD

Contratto spricht auch Fake News an. So existiere etwa die grosse Fensterfront im geplanten Container gar nicht. Das Anschauungsmodul beim Andreaszentrum vermittle ein falsches Bild. In der Realität hätten die Container nur ganz kleine Fenster. Stadträtin Helen Alder wehrt sich, dass die Front dazu diene, ins Modul hineinzuschauen, es sei schliesslich ein Ansichtsmodell. Die tatsächlichen Fenster seien 2,10 Meter breit und «sehr hoch» und «keine Löcher».

Nun können sich die 200 Anwesenden äussern. Ein Mann stört sich am Wort Container.

«Dieses darf man nicht mehr in den Mund nehmen, das ist unverantwortlich.»

Ruedi Blumer (SP) will wissen, ob die drei privaten Heime überhaupt genug Platz für rund 40 Espel-Bewohner hätten. Eine klare Antwort darauf hat Contratto nicht. Abklärungen hätten ergeben, dass sie Plätze hätten. Wie viele genau, weiss er aber nicht.

Helen Alder sagt dazu, dass die Heime teilweise Plätze anbieten könnten, aber Zeit bräuchten, diese vorzubereiten oder aus Einzel- notfalls Doppelzimmer machen könnten. Hinzu kämen die langen Wartelisten. Konkrete Angaben habe man von den Heimbetreibern aber nicht, da dieses Szenario nicht in Frage komme.

Sana Fürstenland will keine Lösung mit anderen

Das stört Contratto. Dem Nein-Komitee gehe es darum, dass sich die Sana an einen Tisch mit den privaten Heimbetreibern setze und mögliche Lösungen seriös prüfe – dies sei nie passiert. Kathrin Hilber entgegnet, dass die Sana Fürstenland AG eine Lösung für sich suche. «Wir haben den Auftrag, das Unternehmen wirtschaftlich zu führen und zwei Heime unter einem Dach zu vereinen. Gegen diesen dürfen wir nicht verstossen.» Die Espel-Plätze abzugeben und 50 Prozent der Kunden zu verlieren sei keine Option.

Helen Alder, Gossauer Stadträtin

Helen Alder, Gossauer Stadträtin

Michel Canonica

Man wisse nicht, ob die Bewohner überhaupt in ein privates Heim zügeln wollen, sagt Alder. Man könne Menschen doch nicht einfach irgendwohin verpflanzen. Ein Bürger sagt, dass einige Bewohner aber auch nicht ins Provisorium wollen. Viele fühlten sich im Espel wohl – trotz der Umstände. Das sei ihr bewusst, sagt Hilber. Sie schliesse nicht aus, dass manche traurig sein werden. «Aber man weiss nicht, was man hat, solange man es noch nicht hat.»

Nach anderthalb Stunden endet der Anlass. Viel Neues gab es nicht. Die Parteien fassen ihre Parolen. Für eine Frau ist der Fall eindeutig: Dem Nein-Komitee fehlten handfeste Fakten. Sie habe selber in Heimen gearbeitet. «Ich weiss, dass sie keinen Platz haben.»

Moderator Markus Rosenberger (SVP) weist die Parteien an, sich im Saal aufzuteilen: SVP und FDP in die rechten Ecken, SP und Flig in die linken, CVP in die Mitte. Alle Parteien fassen die Ja-Parole – und erhalten dafür von der grossen Mehrheit Applaus.