«Nach der Vollbremsung wieder beschleunigen»: Wie der FC St.Gallen das furiose Spitzenspiel verdaut

Nach dem 3:4 bei den Young Boys lassen sich die St. Galler nicht vom nationalen Lob blenden. «Der Ärger über eine verpasste Chance sitzt tief», sagt Trainer Peter Zeidler.

Ralf Streule
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St.Gallens Trainer Peter Zeidler und seine Spieler Yannis Letard (rechts) und Ermedin Demirovic. (Bild: Peter Klaunzer/KEY)

St.Gallens Trainer Peter Zeidler und seine Spieler Yannis Letard (rechts) und Ermedin Demirovic. (Bild: Peter Klaunzer/KEY)

Das Spitzen- und Spektakelspiel des FC St. Gallen bei den Young Boys hallt nach. Bei den Spielern, in den Medien und den Köpfen der knapp 30000 Zuschauer, die beim Fussballfest zugegen waren. Wann hat man letztmals ein ähnlich furioses und begeisterndes Spiel mit St. Galler Beteiligung gesehen?

Als St. Gallen die Grasshoppers ärgerte

Spontan erinnert sich der Ostschweizer Anhang wohl an jenes 4:4 gegen die Grasshoppers, als St. Gallen Anfang März 2000 die Weichen in Richtung Meistertitel stellte. Marcel Kollers Team korrigierte damals noch vor der Pause einen 0:3-Rückstand. Und glich in letzter Minute zum 4:4 aus.

Da war zudem das «Wunder von Moskau», das spektakuläre 4:2 gegen Spartak, das die Ostschweizer 2013 in die Gruppenphase der Europa League brachte.

Oder das 4:3 in Neuenburg in der Saison 1989/90, als Ivan Zamorano gleich viermal traf.

Was Tempo und Intensität angeht, kamen aber jene Partien gefühlt nicht an dieses Spiel vom vergangenen Sonntag heran – auch wenn es aus Ostschweizer Sicht erfolglos ausging.

«Es ist etwas passiert, das Verarbeitungszeit braucht»

St. Gallens Leistung wurde national mit viel Bewunderung aufgenommen. Der «Bund» schreibt von einem Team, «das vor Energie sprüht», und von einem Spitzenspiel mit «Klasse, Offensivgeist und viel, viel Tempo». Die NZZ titelte:

«Danke, liebe Ostschweizer»

Der Dank geht an St. Gallen, weil es der Liga einen Dreikampf und Offensivspektakel schenke. Und weil jene, «die die in der Vergangenheit einbetonierte Super League verkaufen müssen, freudig und inbrünstig im Chor anstimmen: danke, St. Gallen.»

Nicht in den Chor mit einstimmen will Trainer Peter Zeidler. Er betont am Tag nach der Niederlage, wie gross der Bremser gewesen sei für sein Team. «In Bern ist etwas passiert, das mehr als einen Tag an Verarbeitungszeit braucht.» Das Lob mache die Enttäuschung nicht wett, eine riesige Chance verpasst zu haben.

Als bestes St. Galler Spiel unter seiner Ägide will er die Partie ohnehin nicht sehen. «Objektiv für die Zuschauer war es das vielleicht schon, zumindest in den ersten 20 Minuten.» Wer vier Gegentore erhalte, könne aber nicht in solchen Superlativen sprechen. Dass man nun an der Ligaspitze nur nahe dran, aber nicht mittendrin sei, drücke auf die Stimmung. Das habe man auf der Fahrt zurück in die Ostschweiz bei jedem einzelnen Spieler gespürt. Auch am Tag nach der Partie bereut es Zeidler nicht, sein Team beim Stand von 3:3 nicht defensiver ausgerichtet zu haben. «Das Spiel hätte auch auf die andere Seite kippen können.» Vielmehr trauert er dem Lattenschuss von Boris Babic in der Startphase nach. Und dem 2:2 – bei jenem Gegentor dürften die Young Boys seiner Meinung nach nie zum Flanken kommen.

Gegen den SC Freiburg mit neuen Kräften

Nach dem aufreibenden und kräfteraubenden Spiel gab’s für die St.Galler jedenfalls keine lange Schonzeit. Das Training nahmen sie bereits am Montagmorgen wieder auf. Wer in Bern im Einsatz gewesen war, beschäftigte sich mit Regenerationsübungen. Der Rest bereitete sich bereits auf das nächste Spiel vor: Auf den Test gegen den SC Freiburg vom Donnerstag in Pfullendorf ennet dem Bodensee. Zeidler will dort jenen Spielern Einsatzzeit schenken, die sich in der Meisterschaft nur wenig oder überhaupt nicht präsentieren konnten. Gemächlicher wolle man das Training in der Nationalmannschaftspause also nicht angehen, so Zeidler. Einzig das spielfreie Wochenende gebe den Spielern Zeit zum Durchatmen.

Die grösste Herausforderung ist es gemäss Zeidler, nach der nun gerissenen Erfolgsserie wieder zurückzukehren. «Aber wir werden nach der Vollbremsung auch wieder beschleunigen können.» Gegen Xamax am Sonntag in einer Woche gibt es Gelegenheit dazu. Beim Beschleunigen können einige St. Galler in den kommenden Tagen nicht mittun. Nebst Cedric Itten, der gestern erstmals ins Nationalmannschaftscamp einrückte, fehlen mehrere U-Nationalspieler. So Miro Muheim und Jérémy Guillemenot (U21), Leonidas Stergiou (U19) und Ermedin Demirovic, der für die U21 Bosniens unterwegs ist.

In diesen Kategorien ist der FC St.Gallen Spitzenreiter

Der FC St. Gallen steht in der Super League auf dem dritten Platz. In einiger Hinsicht ist das Team von Peter Zeidler aber das beste Team der Liga, zum Beispiel was die Abschlussversuche angeht. Dafür gibt es Konfusion, was die Länge der Erfolgsserie betrifft.
Ralf Streule