Der FCSG besiegt Luzern mit 4:1 und hat nur noch zwei Punkte Rückstand auf Platz eins +++ Scharmützel nach dem Spiel

Der FC St. Gallen beendet gegen Luzern seine Negativserie und ist nach dem 4:1 in der Tabelle ganz vorne dabei.

Christian Brägger
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St. Gallens Stürmer Boris Babic lässt sich von den Anhängern für sein Tor zum 2:1 feiern.

St. Gallens Stürmer Boris Babic lässt sich von den Anhängern für sein Tor zum 2:1 feiern.

Gian Ehrenzeller/KEY

Im Luzerner Matchprogramm für die Partie gegen St. Gallen steht ein Satz von Winston Churchill: «Ich bin immer mit dem Besten zufrieden.» Wenn da nur nicht dieser maliziöse Fluch ist, der auf der Begegnung liegt. Ihn hat Trainer Peter Zeidler noch einmal im Hinterkopf, als er am frühen Nachmittag die Kabine betritt und am liebsten sofort umdrehen würde, wie er später sagt. Er tut es nicht, seine Spieler tun dies nicht. Vielmehr noch: Sie besiegen den zwölf Spiele andauernden Negativtrend gegen Luzern, der zuletzt zehn Niederlagen in Folge gebracht hat, absolut verdient und gleich mit 4:1.

Weil sie in den Schlüsselmomenten auch das Glück auf ihrer Seite haben, vor allem aber, weil sie sich in der zweiten Halbzeit steigern, sich endlich auf ihren Stil und damit die eigenen Stärken besinnen. Da Basel gleichzeitig den Leader Young Boys besiegt, lohnt sich der Blick auf die Tabelle jetzt noch mehr: Zwei Punkte Rückstand auf Platz eins, ein überraschender Dreikampf also. Und nun kommt Thun, vor dem Zeidler bereits jetzt warnt: «Das Spiel im Berner Oberland wird mindestens so schwierig.»

Dejan Stojanovic: Note 5. Klitzekleine Unsicherheiten zu Beginn bei Flanken. Mit dem Glück des Tüchtigen und Glanztaten bei Vocas und Schürpfs Abschlüssen (34./75.). Stark!
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Silvan Hefti: Note 4,5. Der Captain wirkt robust, agiert stilsicher und lässt auf seiner Seite wenig anbrennen.
Yannis Letard: Note 4. Fällt fast nicht auf. Dirigiert die Hintermannschaft gut, im Passspiel aber ein paar Mal ungenau.
Leonidas Stergiou: Note 4. Nicht immer ganz sattelfest, Ndiaye bereitet in der ersten Halbzeit nicht nur Stergiou Mühe. Aber grundsolider Auftritt.
Miro Muheim: Note 4. Kombiniert gefällig und oft mit Ruiz. Beschädigt eine aktive, gute erste Halbzeit mit dem unglücklichen Penalty, den er durch ein Hands verschuldet.
Victor Ruiz: Note 4,5. Die meisten Angriffe laufen über ihn. Schöner Freistoss (25.). Ruiz baut mit Fortdauer der Partie ab.
Lukas Görtler: Note 4,5. Blutüberströmte Nase, Schreie, Kampf, Power, Provokationen, Fouls. Das ist Görtler, der darob aber etwas seine spielerische Linie vernachlässigt.
Jordi Quintillà: Note 5. Macht per Penalty das 1:0. Der Anhang Luzerns fühlt sich von Quintillàs Jubel provoziert. Das 3:1 erzielt er per Handspenalty – sein achtes Meisterschaftstor. Assist zum 4:1.
Boris Babic: Note 4,5. Nicht so auffällig wie zuletzt, auch wenn er latent Gefahr ausstrahlt. Bringt sein Team mit dem Aussenrist und dem 2:1 auf die Siegerstrasse.
Ermedin Demirovic: Note 5. Holt den Penalty zum 1:0 heraus, auch sonst ein Aktivposten. Krönt seine Leistung mit dem 4:1.
Cedric Itten: Note 4. Findet nicht richtig ins Spiel und zeigt für einmal eine diskretere Leistung. Einen Skorerpunkt darf Itten sich mit dem schönen Pass auf Babic trotzdem notieren.
Betim Fazliji: Note -. Kommt spät (86.) für Ruiz.
Jérémy Guillemenot: Note -. Kommt in der 76. Minute für Babic, das gibt keine Note mehr.
Alain Wiss: Note–. Kommt noch später für Stürmer Demirovic.

Dejan Stojanovic: Note 5. Klitzekleine Unsicherheiten zu Beginn bei Flanken. Mit dem Glück des Tüchtigen und Glanztaten bei Vocas und Schürpfs Abschlüssen (34./75.). Stark!

Die Herkunft kann man nicht verleugnen. Schon gar nicht, wenn sie so diametral verläuft. Hier die Mannschaft aus der Zentralschweiz mit vier Meisterschaftsnullern in Serie, da das Team aus dem Osten, das in den letzten neun Runden ligaweit das beste ist. Lauf gegen Lauf – in vielen Szenen der Partie sichtbar. Dennoch braucht es an diesem Nachmittag schon ein gutes Stück Arbeit, bis sich die St. Galler ausgiebig in ihrer so gut besetzten Fankurve feiern lassen dürfen. Und ihrem deutschen Trainer zuvor nach jedem Treffer und später in der Kabine Tanzschritte zeigen, die dieser noch nie in seinem Leben gesehen haben will.

Sieg gegen Erinnerung als grösste Leistung des Teams

Aber Zeidler ist ja auch nicht Tanz-, sondern Fussballlehrer. Als solcher setzt er auch auf psychische Tricks, hat im Vorfeld das Hotel wechseln lassen. Und später sagt er, wenn das nun ebenfalls in die Hosen gegangen wäre, würden sie in Zukunft in Luzern auf Übernachtungen verzichten. Er sagt:

«Dass wir die negative Erinnerung besiegt haben, ist die grösste Leistung meiner Mannschaft.»

Sie braucht trotz oder vielleicht gerade wegen der unangenehmen Vorboten länger als üblich, bis sie in die Partie findet. Der Gegner spielt in der ersten Halbzeit aggressiv, seine Mittel sind der Kampf und oftmals hohe Bälle, weshalb die Ostschweizer gar nie richtig ins Pressing kommen. Zudem macht der FC St. Gallen anfänglich das, was er nicht tun soll. Er lässt sich auf die emotionalen Sticheleien und das kampfbetonte Auftreten eines Gegners ein, der spielerisch angezählt ist und nicht mithalten kann. Das hat für Luzern vier und für die St. Galler zwei Verwarnungen zur Folge. Der Luzerner Idriz Voca hat gar nach 34 Minuten die bis dahin grösste Chance, doch der gut aufgelegte Dejan Stojanovic pariert. Ehe es doch die Gäste sind, die vor knapp 9000 Zuschauern nach einem an Ermedin Demirovic verursachten Foulpenalty dank Jordi Quintillà in Führung gehen.

Zwar folgt postwendend unmittelbar vor dem Pausenpfiff der Ausgleich vom Elfmeterpunkt durch Pascal Schürpf, nachdem der Ball Miro Muheim an die Hand gegangen ist. Doch so ist er, der FC St. Gallen dieser Tage und Wochen und Monate. Er gewinnt auch dann ein Spiel, wenn dies sein Auftritt in der ersten Halbzeit nicht unbedingt erwarten würde. Weil er zulegen kann und heute eben auch Stürmer in seinen Reihen weiss, die ihrer Bestimmung nachkommen. So ist es Boris Babic, der die Ostschweizer in der 67. Minute auf die Siegerstrasse bringt.

Hervorragende Stimmung im Team

Noch einmal hätte Schürpf daraufhin der Partie einen anderen Dreh geben können, als er mit seinem Abschluss an Stojanovic und dem Pfosten scheitert. Danach ist die Gegenwehr der Luzerner gebrochen, auch der Videoschiedsrichter hilft noch und ermöglicht Quintillà den zweiten Penaltytreffer. Schliesslich erzielt Demirovic nach schöner Vorlage des spanischen Spielmachers das 4:1. Es würde nach dieser neuerlichen Niederlage kaum verwundern, wenn Thomas Häberli nicht mehr als Luzerner Trainer weitermachen darf. Zeidler bricht zwar eine Lanze für seinen Berufsgefährten, als er sagt: «Man soll meinen Kollegen in Ruhe weiterarbeiten lassen, dann wird das schon.» Ob seine Worte in Luzern gehört werden?

Den St. Gallern kann das alles egal sein, weil sie sich in einer völlig anderen Gefühlswelt befinden. Babic ist stolz und betont die hervorragende Stimmung im Team, mit der so vieles möglich sei, «einige von uns sind wie Boxer, die sich zurückgekämpft haben im Fussball». Vor dem Abschied sagt Captain Silvan Hefti noch, er freue sich dieses Mal sehr auf die Heimreise aus Luzern, sie sei für ihn schon so lange nicht mehr angenehm gewesen, und: «Wir wollen uns keine Grenzen setzen.» Churchills Satz kann für die St. Galler dereinst vielleicht eine tiefere Bedeutung erlangen. Für die drei Punkte passt er alleweil.

Scharmützel nach dem Spiel

Polizei setzt gegen Hooligans Tränengas und Gummischrot ein

Nach dem Spiel zwischen dem FC Luzern und dem FC St. Gallen kam es zu Auseinandersetzungen zwischen den beiden Fan-Lagern. Dies geht aus einer Mitteilung der Luzerner Polizei hervor.

Die Anhänger des FC St. Gallen fuhren nach dem Spiel mit den Bussen zum Bahnhof und bestiegen einen Extrazug. Als dieser sich in Bewegung setzte, wurde der Zug auf der Höhe des Bundesplatzes per Notbremse gestoppt. Die Einsatzkräfte der Polizei stellten sich anschliessend zwischen die beiden Fangruppierungen, um ein Zusammentreffen zu verhindern. Während die Anhänger des FC St. Gallen im Zug verblieben, haben diejenigen des FCL die Sicherheitskräften mit Gegenständen beworfen. Als Reaktion setzte die Polizei Gummischrot und Reizgas ein. Nach einigen Minuten fuhr der Extrazug weiter und die Lage beruhigte sich.

Seitens der Polizei hat sich niemand verletzt. Entsprechende Ermittlungen gegen die unbekannten Täter werden nun in die Wege geleitet. In den Bussen der vbl haben die Anhänger des FC St. Gallen kleinere Beschädigungen begangen und die Scheibe einer Seitentüre eingeschlagen. (dwy)

Emotionen, Geschichten und Stimmen zum 4:1 des FCSG in Luzern zum Nachlesen gibt es hier: