Zurück im Training: Weshalb der FC Wil gemäss Trainer Ciriaco Sforza trotz langer Pause Fortschritte gemacht hat.

Seit Montag trainiert der FC Wil wieder. Das Ballgefühl kehrt wieder zurück. In vielen Bereichen habe die Pause den Spielern sehr gut getan, sagt Ciriaco Sforza. Eine Trainings-Zwischenbilanz aus dem Bergholz.

Ralf Streule
Drucken
Teilen
Ciriaco Sforza: «Die Pause diente dazu, Dinge sacken zu lassen.»

Ciriaco Sforza: «Die Pause diente dazu, Dinge sacken zu lassen.»

Marc Schumacher / freshfocus

Seit Pfingstmontag tönt es im Bergholzstadion wieder nach Fussball. Der FC Wil trainiert. Und die Intensität wirkt hoch, die Spieler scheinen ziemlich geladen aus ihren Homeoffice-Trainingsferien zu kommen. Zu diesem Schluss kommt auch Trainer Ciriaco Sforza. Man spüre, wie die Spieler mental frisch seien. Sforzas überraschende Beobachtung: Was taktisches Verhalten und die Umsetzung der Spielidee angehe - beides Dinge, die alleine zu Hause nicht trainiert werden können -, seien viele einen Schritt weiter. «Die Pause diente dazu, Dinge sacken zu lassen.»

Tschutten ist wie Velofahren

FC-Wil-Captain Philipp Muntwiler

FC-Wil-Captain Philipp Muntwiler

Ralph Ribi

Die grössten Defizite, dies sieht auch Captain Philipp Muntwiler so, liegen in den ersten Trainingsstunden wohl im Ballgefühl.

«Da rutscht schon einmal der eine oder andere Ball ab.»

Tatsächlich hatten die Spieler kaum Möglichkeiten, die Technik unter echten Bedingungen zu üben. Aufs Tor schiessen auf Fussballplätzen oder jonglieren auf der Terrasse ersetzt keinen Trainingsmatch. Das mit dem Ballgefühl habe man aber schnell wieder im Griff, sagt Muntwiler, «es ist wie beim Velofahren».

Woran die Spieler hingegen in der Coronapause sehr regelmässig zu Hause arbeiteten, ist die Physis. So hatten die Fussballer mehr Video-Kontakt mit Athletiktrainer Pascal Kaiser als mit Trainer Ciriaco Sforza. Haben alle die Hausaufgaben immer gemacht? «Ich würde lügen», sagt Routinier Muntwiler mit einem Lachen. Aber er sei physisch bereit. Und er habe nicht zugenommen. Da vertrug es auch das Schoggibrügeli, welches Präsident Maurice Weber als Trainngsstart-Geschenk bereitlegte.

Wie hält Sforza die Spannung aufrecht?

Eine grosse Herausforderung für den FC Wil wird es sein, die Spannung aufrecht zu halten, da es für den Sechstplatzierten im Mittelfeld der Tabelle sportlich um nichts mehr gehen wird. Sforza sieht dieses Problem bei seiner jungen Mannschaft nicht: «Viele wollen sich präsentieren.» Zudem seien die kommenden, physisch herausfordernden Wochen auch eine Basis für die sportliche Zukunft des Clubs. Das seien sich alle bewusst. Sforza sieht aber einen Knackpunkt:

«Werden die Spieler, die in der kommenden Saison bei einem anderen Verein unter Vertrag sind, nach dem offiziellen Vertragsende in Wil Ende Juni mit dem Kopf noch immer bei der Sache sein?»

Er hofft es.

Wie er auch hofft, dass die Coronapause den überhitzten Fussball etwas zur Ruhe bringe. «Der Fussball würde etwas mehr Gelassenheit schon vertragen.»

Personelle Fragen klären sich erst in den kommenden Wochen

Personell sind derzeit noch viele Fragen offen. Da sind zum Beispiel sieben Leihverträge mit Spielern, die bei Super-League-Clubs unter Vertrag sind: Fabian Rohner und Lindrit Kamberi vom FC Zürich zum Beispiel. Oder Dominik Schmid vom FC Basel. Ihre Zukunft ist noch offen. In der Coronapause gab es für die sportliche Kommission des FC Wil viel zu tun - die meisten Transferfragen wird man aber erst in den kommenden Wochen beantworten können. Im ersten Training am Montag waren alle Kaderspieler da, auch Serkan Izmirlioglu, der vom SC Brühl zu den Wilern wechselte. Der andere Neuzugang Ivan Sarcevic hingegen wird erst am 1. Juli nach Wil kommen, er ist derzeit noch beim VfL Wolfsburg engagiert. Bereits bei der Arbeit war der neue Goalietrainer Philipp Bowald, der den abtretenden Stephan Lehmann ersetzt.

Die grössten Herausforderungen wird es für den FC Wil ohnehin neben dem Platz geben in den kommenden Wochen. Zwar spricht man im Club von viel Solidarität, aufgrund der fehlenden Matcheinnahmen dürfte das Loch in der Kasse aber gross sein.

Profitieren Challenge-League-Spieler von der Krise?

Hoffnung für Wil gibt es allenfalls, weil sich Super League Clubs aufgrund ihre Geldsorgen vielleicht eher einmal in der Challenge League bedienen. Diese Vermutung stellt auch Muntwiler an.

«Junge Spieler in unserer Liga dürften plötzlich bessere Chancen haben.»

Er selber ist froh, beim FC Wil einen Vertrag bis 2021 zu haben. «Mit 33 Jahren wäre es in der Coronakrise schwierig, noch einmal in einem Club unterzukommen.»

In zweieinhalb Wochen startet der FC Wil gegen Lausanne in die letzte Phase der Saison. Im Heimspiel gegen den Leader will man die Möglichkeit nutzen, 250 Personen ins Stadion zu lassen – dies bei gegen 500 Saisonabos. Wer zum Handkuss kommt, ist noch offen.

Mehr zum Thema

Die Schelte der Migrosverkäuferin: Als der FC St.Gallen in Wil 3:11 verlor

Das 3:11 in Wil ist ein Tiefpunkt in der Clubhistorie des FC St.Gallen. Der damalige St. Galler Spieler Patrick Winkler erinnert sich an die Niederlage am 3. November 2002. Am Tag nach der Schlappe sagte die Migrosverkäuferin zu Winkler: «Dass Sie sich noch getrauen, einkaufen zu gehen.»
Peter M. Birrer