FC-Wil-Trainer Ciriaco Sforza: «Die Coronapause war für den Fussball nicht nur schlecht»

Nach fast drei Monaten Zwangspause brannten auch die Spieler des
FC Wil wieder auf Trainings. Mit ihnen der Coach Ciriaco Sforza. Er spricht über die Herausforderung, das Team bis in den hohen Sommer bei Laune zu behalten, über die Vorteile einer Pause - und über historische Spiele, die er während des Lockdowns angeschaut hat.

Ralf Streule
Merken
Drucken
Teilen
Wils Trainer Ciriaco Sforza: «Mit den Spielern hatte ich im Lockdown nur sporadisch Kontakt.»

Wils Trainer Ciriaco Sforza: «Mit den Spielern hatte ich im Lockdown nur sporadisch Kontakt.»

Christian Merz / KEYSTONE

Ciriaco Sforza, war es Ihnen langweilig während des Corona-Lockdowns?

Nein, das wird es einem mit Kindern nie. Das Ganze war ein spannender Prozess, auch für mich selbst. Wenn man das Fenster öffnete, hörte man langezeit einfach: Nichts! Mit den Spielern hatte ich im Lockdown nur sporadisch Kontakt, ich liess sie bewusst in Ruhe. Athletiktrainer Pascal Kaiser hingeeng trainierte mit den Spielern täglich Fitness . Ich hatte aber natürlich ebenfalls zu tun, unter anderem mit der Kaderplanung. Da kommt noch immer einiges auf uns zu.

Ich nehme an, sie schauten auch einmal historische Fussballspiele, die im Fernsehen gezeigt wurden. Zum Beispiel das 4:1 der Schweiz an der WM 1994 gegen Rumänien?

Ja, tatsächlich, das habe ich mir angesehen.

Ein grosses Spiel von Ihnen. Wie ist es, sich selber spielen zu sehen?

Ciriaco Sforza im Einsatz für die Schweizer Nationalmannschaft 1994.

Ciriaco Sforza im Einsatz für die Schweizer Nationalmannschaft 1994.

Keystone

Ich habe da nicht besonders auf mich selber geachtet. Aber es war ein gigantisches Spiel, ich habe während dieser Aufzeichnung einige SMS von Freunden erhalten. Was man sagen muss: Von der Spielidee war das ziemlich frisch und frech nach vorne, wie wir es nun auch wieder beim FC Wil versuchen. Was mir auffiel ist, wie stark das Tempo im heutigen Spitzenfussball gegenüber damals zugenommen hat.

Zurück in die Challenge League: Nun stehen für den FC Wil also Geisterspiele an. Haben Sie sich schon mit dem Gedanken abgefunden?

Für uns ist der Unterschied ja nicht so gross wie zum Beispiel für Bundesliga-Teams, die sonst vor Zehntausenden von Fans spielen. Ich habe zuletzt einige Bundesligapartien geschaut. Das Interessante daran ist: Diese Spiele wirken, so ganz ohne Zuschauer, nicht attraktiver als Super-League-Partien. Wie man ein Spiel wahrnimmt, hat auch mit Emotionen zu tun.

Sind sie glücklich damit, dass nun auch in der Schweiz weiter gespielt wird?

Ja, wobei die Spieler nun eine harte Zeit mit einem engen Zeitplan vor sich haben. Die Coronapause war für den Fussball nicht nur schlecht.

Inwiefern?

Ich habe im Fussball vieles erlebt, und ich muss sagen: Dass eine Pause kam, ergibt irgendwie Sinn. Da war im Fussball so viel Druck, so viel Stress, so viel Geschwätz. Wer ein Spiel verliert, muss sich anhören, dass alles schlecht sei. Wer eines mit Glück gewinnt, wird hochgejubelt, alles ist dann wieder gut. Da würde es etwas Gelassenheit schon vertragen.

Sie denken wirklich, dass die Pause dies langfristig bewirken kann?

Wenn jeder bei sich bleibt und mit sich ehrlich ist, wäre schon viel erreicht. Ich für mich sage: Für die Zukunft kann die Coronakrise viel Gutes bringen. Auch im Fussball. Da braucht es schlicht mehr Freude an der Sache. Und wenn die Leute davon sprechen, dass die Gehälter zu hoch sind im internationalen Fussball, dann muss ich sagen: Sie haben recht. Nur ist das in der Schweiz in fast allen Vereinen nicht der Fall. Unsere Philosophie ist es, den Jungen Chancen zu geben. Und Zeit. Es wäre schön, wenn sich das noch stärker im Fussball durchsetzen würde, ohne Neidkultur.

Haben die drei Monate Pause auch den Spielern persönlich gut getan in irgendeiner Weise?

Auf jeden Fall. Viele sind einen Schritt weiter, was das Umsetzen unserer Spielidee angeht. Sie haben die Idee quasi setzen lassen können und kommen nun frisch zurück. Das hat sich in den ersten Trainings gezeigt. Sie sind weiter als zuvor, mit den Spielern ist etwas passiert. Und im Training ist viel Energie drin, ich musste wenig korrigieren.

Es geht sportlich nicht mehr um viel beim FC Wil.

Ob die Mannschaft dennoch auf Touren kommt, hängt nun mit Teamgeist, Disziplin und Charakter zusammen. Wir müssen die jetzige Phase für die Zukunft nutzen. Ich bin gespannt, wer sich hier im Kopf weiterentwickelt. Eines ist nicht zu unterschätzen: Am 1. Juli läuft offiziell der Vertrag vieler Spieler aus, sie werden die Saison aber mit uns abschliessen. Hier frage ich mich schon: Werden die Spieler, die in der kommenden Saison bei einem anderen Verein unter Vertrag sind, nach dem offiziellen Vertragsende in Wil Ende Juni mit dem Kopf noch immer bei der Sache sein? Man muss sich in die Jungen versetzen. Es ist doch klar, dass sie nicht bis zum 2. August die gleiche Energie für uns aufwenden, wenn sie faktisch schon bei einem anderen Team angestellt sind. Das ist menschlich.

Bei vielen Spielern läuft der Vertrag im Sommer aus, unter anderem bei sieben Leihspielern von Super-League-Teams, wie Lindrit Kamberi oder Fabian Rohner. Versucht man sie für eine weitere Saison zu gewinnen?

Entschieden ist bei den betreffenden Spielern noch nichts. Ich möchte mit ihnen weiterarbeiten, freue mich aber auch, wenn sie den Sprung in die Super League schaffen. Das sage ich in Einzelgesprächen immer wieder. Aber ich sage ihnen auch ganz ehrlich: Wenn du in die Super League gehst, musst du sicher sein, dass du auch zum Spielen kommst. Sonst nützt dir die ganze Aufbauarbeit hier nichts.

Wie stark wird die grosse körperliche Belastung der kommenden Wochen dem FC Wil zusetzen?

Schwer zu sagen. Es werden schwierige Momente sein, wir haben einen aufwändigen Spielstil. Die Jungen erholen sich aber gut. Das grösste Ziel muss sein, in der Leichtigkeit zu bleiben. Die Jungen dürfen sich nicht von Tiefschlägen aus der Ruhe bringen lassen. Gelingt das, haben wir viel erreicht.