Familien schoben gleichzeitig drei Einkaufswagen durch den Laden: Was eine St.Galler Migros-Verkäuferin in der Coronakrise so alles erlebt

Spitzentage, leere Regale und Probleme mit Abstandhalten: Angestellte von Grossverteilern sind in der Coronakrise besonders gefordert.

Christina Weder
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Seit kurzem arbeitet sie an der Kasse hinter einer Plexiglasscheibe: Nicole Signer, Bereichsleiterin Dienste in der Migros St. Fiden.

Seit kurzem arbeitet sie an der Kasse hinter einer Plexiglasscheibe: Nicole Signer, Bereichsleiterin Dienste in der Migros St. Fiden.

Bilder: Ralph Ribi

Nicole Signer hat turbulente Tage hinter sich. Doch das Lachen ist der Bereichsleiterin Dienste der Migros St.Fiden nicht vergangen. Die aufgestellte 43-Jährige mit dem blonden Kurzhaarschnitt steht am Kundendienst und erklärt in aller Ruhe, dass Pflanzenerde und Samen bis auf weiteres nicht verkauft würden. Druckerpatronen ebenso wenig.

Auch Blumen sind keine mehr zu finden. Im Supermarkt ist vieles anders als gewohnt. Manche Gestelle sind mit Baugittern abgesperrt und mit Plastikplanen umhüllt. Denn abgesehen von Unterwäsche darf die Migros vorläufig auch keine Kleider mehr verkaufen.

Die Coronakrise stellt die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Grossverteiler vor neue Herausforderungen. Nachdem der Bundesrat die Massnahmen im Kampf gegen das Virus verschärft und die Schulschliessungen bekannt gegeben hatte, stieg die Nachfrage nach Produkten für den täglichen Bedarf um ein Vielfaches an, wie Migros-Sprecher Andreas Bühler bestätigt.

Die Grossverteiler wurden von Kundinnen und Kunden überrannt, die sich mit Notvorräten eindeckten. Spitzentage, wie sie vor Weihnachten und Ostern üblich sind, seien übertroffen worden. «Auf Weihnachten und Ostern können wir uns vorbereiten», sagt Nicole Signer, die seit 15 Jahren bei der Migros arbeitet.

«Dieser Ansturm jedoch kam unverhofft.»

Sie habe zahlreiche Zusatzstunden geleistet, sei tagsüber stark gefordert gewesen und abends erschöpft ins Bett gefallen.

Die Kundinnen und Kunden beschweren sich weniger als sonst

Nicole Signer erzählt von Einkaufswagen, die je zur Hälfte mit Teigwaren und Konservendosen gefüllt waren. Manche Kunden kauften literweise Mineralwasser; Familien schoben gleichzeitig drei Einkaufswagen durch den Laden. «Es waren sehr einseitige Einkäufe», sagt Signer. Und es sei ein trauriger Anblick. Sie frage sich, ob die vielen Lebensmittel auch wirklich verwertet würden.

Die Angestellten kamen kaum noch nach, die Regale aufzufüllen. Noch immer gibt es einzelne Lücken, etwa bei den Teigwaren, Konservendosen, beim Fertigteig oder Toastbrot. WC-Papier, bei dem es die grössten Probleme mit dem Nachschub gab, ist wieder erhältlich. Hamsterkäufe seien nun kein Thema mehr, heisst es. Seit die Migros nur noch eine limitierte Zahl Kunden gleichzeitig in ihre Filialen einlässt, ist es ruhiger geworden.

Mit Plakaten und mit Durchsagen werden Kunden auf Verhaltensregeln hingewiesen. Die Kassiererinnen sitzen nun hinter Plexiglasscheiben. Dennoch ist es fürs Personal nicht einfach, den geforderten Abstand von zwei Metern immer einzuhalten. Die Ansteckungsgefahr bleibt. Doch sie mache sich keine Sorgen, sagt Nicole Signer. Langsam gewöhne sie sich daran, Distanz zu halten. Zudem achtet sie darauf, ausserhalb der Arbeit kaum noch jemanden zu treffen.

«Ich gehe nirgends mehr hin.»

Die Stimmung unter den Angestellten sei immer noch gut. Und auch die Kundinnen und Kunden seien ruhig. Die meisten hätten Verständnis. «Sie regen sich weniger über Kleinigkeiten auf», sagt sie. «Und sie beschweren sich nicht mehr, wenn sie an der Kasse anstehen müssen.»

Stattdessen verabschieden sich manche nun beim Verlassen des Supermarkts mit lieben Worten: «Danke, dass ihr euren Job noch macht! Bleibt gesund!» Diese Worte hört Nicole Signer immer wieder. Sie spürt die Wertschätzung. «Deshalb komme ich auch noch gerne zur Arbeit.»

Sie setzt sich an die Kasse, greift mit blossen Händen eine Teepackung, danach Milchflaschen, Joghurtbecher, Mehlpackungen und scannt die Produkte ein. Die Kundin hingegen, die ihre Einkäufe aufs Band legt, trägt Plastikhandschuhe. Eigentlich gehe sie gerne einkaufen, erzählt die Frau.

Doch jetzt sei sie nicht mehr mit dem gleich guten Gefühl unterwegs. «Man weiss nie, ob schon jemand übers Gemüse genossen hat.» Sie erledigt den Einkauf für ihre Eltern und Schwiegereltern. Alles, was sie anfasse, gebe sie weiter, sagt die Frau. Sie habe die Handschuhe nicht zum eigenen Schutz übergestreift, sondern um die ältere Generation vor der Ansteckung zu schützen.

Einkaufen mit Handschuhen, Schal oder Masken

Auch andere Kunden schieben das Einkaufswägeli mit Handschuhen vor sich her. Der Griff wird gemäss Migros-Sprecher Andreas Bühler zwar häufiger gereinigt und desinfiziert als üblich, aber nicht nach jedem Kundenkontakt. Andere Konsumenten ziehen sich den Schal über den Mund. Und seit kurzem steigt die Zahl jener, die ihren Einkauf mit Schutz- oder Hygienemasken erledigen.

Vor dem Haupteingang steht ein Migros-Mitarbeiter, der eigentlich in der nun geschlossenen M-Electronics-Abteilung tätig ist. Jetzt erfasst er mit einem Zähler die Personen, die den Supermarkt betreten und wieder verlassen. Er winkt einer Kundin: «Sie dürfen rein.» 68 Personen befinden sich an diesem Vormittag im Laden, verhältnismässig wenige. Höchstens 220 darf er reinlassen.

Pro zehn Quadratmeter soll nur noch eine Person einkaufen können. Am Wochenende seien die Leute zeitweise Schlange gestanden, sagt der Angestellte. Viele hätten sich gefügt, andere habe er zurechtweisen müssen. Seine Arbeit in der Elektronikabteilung sei ihm lieber.

«Aber man muss flexibel bleiben.»

Das weiss auch Bereichsleiterin Nicole Signer. Das Virus hat ihren Arbeitsalltag verändert. Sie fragt sich, wie lange die ausserordentliche Situation noch andauert, wie sich die Wirtschaft entwickelt und wie es auch für kleinere Betriebe weitergeht. Im Moment zählt für sie vor allem eines: «Dass das Geschäft weiterläuft.» Dafür setzt sie sich ein.