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Kurdische Familie aus Rorschach soll die Schweiz verlassen: Sie fürchten ihre Heimat

Eine kurdische Flüchtlingsfamilie lebt seit August 2015 in der Schweiz. Jetzt soll sie das Land wieder verlassen. In ihrer Heimat Irak sei das Leben nicht mehr sicher, sagt sie. Denn dort warten rachsüchtige Verwandte.
Rossella Blattmann
Das Asylgesuch der kurdischen Familie wurde abgelehnt. Sie muss zurück in den Irak. (Bild: Rossella Blattmann)

Das Asylgesuch der kurdischen Familie wurde abgelehnt. Sie muss zurück in den Irak. (Bild: Rossella Blattmann)

Es ist das letzte Haus von Rorschach. Ein Strassenschild signalisiert die Stadtgrenze zu Rorschacherberg und der Bodensee schimmert in der Ferne. Die Mittagssone brennt auf den grünen Rasen hinunter. Doch die Sommeridylle trügt. Denn vier Menschen, die hier fast zwei Jahre lang in einer Wohnung lebten, müssen nun weg.

Iman Yussef (19), ihr Freund Jiwar Hikmat (26), der gemeinsame Sohn Jinar (21 Monate) sowie Hikmats Bruder Yashar (18) sind irakische Kurden. Sie stammen aus dem irakischen Zaxo, einer Stadt mit etwa 350000 Einwohnern in der Provinz Dohuk in der Autonomen Region Kurdistan, nahe der türkischen und syrischen Grenze. Vor rund drei Jahren mussten Iman Yussef, Jiwar Hikmat und sein Bruder aus dem Irak flüchten.

Im August 2015 kamen sie in die Schweiz und stellten ein Asylgesuch. Dieses lehnten die Behörden ab. Ein Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 22. Mai 2018 schützt diesen Entscheid. Laut den Unterlagen ist Unglaubwürdigkeit einer der Gründe dafür; die Behörden zweifeln an der Geschichte, welche die Familie erzählt. Sie aber beteuert verzweifelt, die Wahrheit zu berichten.

Flucht wegen verbotener Liebe

Als Iman Yussef 16 Jahre alt war, verliebte sie sich in ihren 23 Jahre alten Nachbarn Jiwar Hakmat. Sie wollten heiraten. Doch während seine Familie die beiden akzeptierte, war Yussefs strenggläubige muslimische Familie nicht mit einer Beziehung der beiden einverstanden. Ihre Grosseltern, bei denen die junge Frau lebte, hatten einen Vertrag. Die Enkelin sollte mit einem doppelt so alten Cousin zwangsverheiratet werden. «Ich sagte: Nein, das will ich nicht!», erzählt Yussef, während ihr Blick abwesend in die Ferne schwebt.

Im Irak hatte Yussef kein einfaches Leben. «Als ich zwölf war, musste ich die Schule verlassen.» In ihrer Heimat gelte Bildung für Mädchen als unwichtig. «Ich wollte so gern weiter in die Schule gehen und mehr lernen.» Zudem habe sie sehr unter der Gewalt ihrer Familie gelitten. «Ständig haben mich meine Verwandten geschlagen», sagt sie, währen ihr kleiner Sohn auf dem Rasen einem Ball hinterher wackelt.

«Wir können auf keinen Fall zurück in den Irak. Dort würde einer meiner Verwandten mich, meinen Freund und meinen Schwager mit Sicherheit umbringen. Oder umbringen lassen.»

29'000 Dollar für die Flucht

Jiwar Hakmat weiss noch genau, an welchem Tag sie flohen: «Am 23. Juli 2015. Es war mitten in der Nacht und ganz dunkel.» Sein Bruder Yashar schloss sich dem Paar an. «Er ist doch mein grosser Bruder. Ich kann nicht ohne ihn sein», sagt er kaum hörbar, während seine Hand immer wieder leicht zittert. 29'000 amerikanische Dollar, soviel habe er einem unbekannten Mann für die Flucht bezahlt, sagt Jiwar Hikmat. Dafür habe er sein ganzes Hab und Gut verkauft.

Über Istanbul und Bulgarien ist das Trio schliesslich am 21. August 2015 in Kreuzlingen angekommen. Nach einem kurzen Aufenthalt im Asylzentrum Landegg in Eggersriet kamen sie schliesslich in der Rorschacher Wohnung über dem Bodensee unter. Von Bulgarien bis in den Thurgau haben sie die Reise zusammengepfercht mit vier weiteren Flüchtlingen in einem Lieferwagen absolviert.

«Ohne Licht, ohne Luft, ohne gar nichts», sagt Hikmat. Essen, trinken, oder kurz raus gehen, um die Notdurft zu verrichten? Fehlanzeige. Bis heute habe er keine Ahnung, wer den Lieferwagen gesteuert, das Geld kassiert habe. Etwas weiss er hingegen noch genau: «Mit einem festen Tritt von hinten wurde ich in den Lieferwagen hinein geschmissen. Zack, einfach so. Als wäre ich kein Mensch.»

Amt darf sich nicht äussern

Jürg Eberle ist Leiter des Migrationsamtes des Kanton St.Gallens. Er könne sich nicht zu aktuellen Verfahren äussern. «Nothilfeempfänger haben keine freie Wohnsitzwahl. Doch sie haben ein Recht auf ein Dach über dem Kopf, Nahrung und medizinische Grundversorgung.»

Am Donnerstag setzten sich Iman Yussef, Jiwar Hikmat, der kleine Jinar und sein Onkel Yashar ins Auto. Ein Bekannter einer Nachbarin fährt die verängstigte Familie in eine Asyl-Gruppenunterkunft in Nesslau. Für wie lange sie in der Schweiz bleibt, steht in den Sternen.

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