Fahrdienst
Mitten in der Coronakrise wagt ein Goldacher den Schritt in die Selbständigkeit – und gründet einen Fahrdienst für alte und beeinträchtigte Menschen

Er suchte eine neue Herausforderung und gründete ein eigenes Unternehmen. Mit seinem Fahrdienst für alte und beeinträchtigte Menschen erfüllt Ernst Lieberherr ein Bedürfnis und es wird ihm Dankbarkeit entgegengebracht.

Vivien Huber
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Ernst Lieberherr bietet einen Fahrdienst für Menschen mit Einschränkungen an.

Ernst Lieberherr bietet einen Fahrdienst für Menschen mit Einschränkungen an.

Bild: Benjamin Manser

Er fährt beeinträchtigte Menschen zum Arzt, kauft während Corona für Privatpersonen ein und ist abrufbar, wenn jemand per Notfall ins Spital muss: Der Goldacher Ernst Lieberherr betreibt seit einem halben Jahr seinen Sonderfahrdienst für Bewohner von Alters- und Pflegeheimen, verunfallte Personen und für Menschen mit geistigen Beeinträchtigungen.

Eigentlich habe er Zimmermann gelernt und sich dann auf eine Büroarbeit umschulen lassen, erzählt Lieberherr. Aber sowohl als Zimmermann als auch als Büroangestellter war er ständig unter Zeitdruck, finanzielle Aspekte und der wirtschaftliche Wettbewerb standen im Vordergrund.

Lieberherr merkte, dass ihn das auf Dauer nicht erfüllt und sagt:

«Mir fehlte das Zwischenmenschliche. Im Büro hatte ich den Schlüsselmoment, dass ich etwas Soziales machen will.»

Lieberherr begann, Tixi-Taxi zu fahren, was ihm Freude bereitete. «Für soziale Tätigkeiten braucht es oft langwierige Ausbildungen zum Fussfassen, aber als ehrenamtlicher Tixi-Taxi-Fahrer braucht es keine zusätzliche Ausbildung neben dem Führerschein. Das war ideal.»

Tixi-Taxis fahren überwiegend in der Umgebung St. Gallen. In der Region Rorschach gebe es aber viele Alters- und Pflegeeinrichtungen, die von einem lokalen Fahrdienst wie dem Sondertaxi profitieren können. Ausserdem sei es schwierig, als ehrenamtlicher Fahrer flexibel genug zu sein, um jederzeit Notfälle fahren zu können.

«Ich sah eine Marktlücke in der Region», sagt der Sonderfahrer. Nach einigen Überlegungen und Abklärungen stand der Entschluss fest: Lieberherr wollte sich mit dem Sonderfahrdienst selbstständig machen.

«Nach der Fahrprüfung für den gewerblichen Personentransport ging alles ganz schnell. Mit der Bewilligung, dass SVA, Krankenkasse und Unfallversicherung die Kosten für Fahrten zum Arzt oder Therapeuten übernehmen, kaufte ich ein rollstuhlgängiges Auto», sagt Lieberherr.

Sicherheit und Normalität in Coronazeiten

Der Start in die Selbstständigkeit während der Pandemie sei schwierig, räumt Lieberherr ein. Trotzdem wolle er die Preise nicht erhöhen, sondern bei den normalen Taxi-Tarifen bleiben und keine besonderen Zuschläge verlangen. «Es bereitet mir Freude, wenn ich helfen kann. Und wenn jemand in ein Rehabilitationszentrum ausserhalb der Region muss, fahre ich auch dorthin», so Lieberherr.

Da die meisten Menschen ihr Haus oder das Pflegeheim nur verlassen, wenn es nötig sei, seien die Fahrten für die Gäste eine willkommene Abwechslung, auch mit Schutzmasken und Desinfektionsmittel. Er würde die Menschen auch gerne direkt im Spitalzimmer oder im Pflegeheim abholen und bis ins Haus oder in die Praxis hineinbringen.

«Ich möchte, dass meine Fahrgäste gut ankommen und sie nicht einfach nur am Ziel absetzen. Durch die Pandemie ist das nicht immer möglich», so der Sonderfahrer. Er hoffe auf eine baldige Besserung der Situation.
Abgesehen davon sei es wichtig, dass die Fahrgäste einfach und schnell bei ihm einsteigen können. «Ich möchte, dass die Fahrt trotz allem gemütlich ist und ich den Menschen so viel Normalität wie möglich bieten kann. Dazu gehört auch eine gute Sicherheitsausrüstung und ein diskretes Dienstauto», so Lieberherr.

Mehr als Menschen einfach von A nach B zu fahren

Auf die Frage, was ein Sondertaxifahrer mitbringen müsse, antwortet Lieberherr: «Sicherlich einen ruhigen Fahrstil. Manche Menschen haben Schmerzen und sind froh, wenn es nicht ruckelt.» Lieberherr wolle sich genug Zeit nehmen, und genug früh losfahren, damit keine Stresssituationen entstehen. Ein gutes Einfühlungsvermögen sei unerlässlich und gleichzeitig die grösste Herausforderung: «Die meisten Fahrgäste erzählen gerne von sich und es erfüllt mich, ihnen den Tag mit einem guten Gespräch versüssen zu können. Bei manchen Gesprächen ist Feinfühligkeit wichtig, damit ich niemandem zu nahe trete. Wenn ich einen Fahrgast abhole, der gerade eine schwere Diagnose erhalten hat, höre ich während der Fahrt auch zu und versuche Trost zu spenden. Diese Arbeit ist mehr als Menschen einfach von A nach B zu fahren.»

Die Fahrgäste sind dankbar

Am meisten freue ihn die Dankbarkeit seiner Fahrgäste, so Lieberherr. Auch für ihn seien die Fahrten eine Bereicherung:

«Ich lerne immer wieder neue, interessante Menschen kennen und erhalte einen Einblick in ihr Leben.»

Er habe den Eindruck, dass viele seiner Fahrgäste das Leben bewusst geniessen und wertschätzen. Mittlerweile seien auch schon Freundschaften mit Fahrgästen entstanden, die seine Dienste regelmässig in Anspruch nehmen.

Ernst Lieberherr wagte in der Coronakrise den Schritt in die Selbständigkeit.

Ernst Lieberherr wagte in der Coronakrise den Schritt in die Selbständigkeit.

Benjamin Manser

Einige haben auch schon ihre Lebensweisheiten mit Lieberherr geteilt. «Im gestressten Alltag vergessen wir manchmal die Endlichkeit des Lebens und wofür wir alles dankbar sein können», sagt der Sonderfahrer.
Die Frage, ob Lieberherr sich wieder für die Selbstständigkeit entscheiden würde, beantwortet er mit einem klaren «Ja». «Ich bin froh, dass ich den Schritt gewagt habe. Ich bin überzeugt, dass der Sonderfahrdienst eine gute und nötige Hilfe in der Region ist, die ich leiste. Wenn ich gewusst hätte, wie sehr es mich erfüllt, hätte ich schon früher damit angefangen», so der Sonderfahrer.

www.sondertaxi.ch