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Evergreen: Zwischen Traum und Albtraum – die Zeit von Flavio Agosti beim FC St.Gallen

Flavio Agosti hatte seine Goalie-Karriere soeben beendet und sass praktisch auf gepackten Koffern, als ihm der FC St.Gallen ermöglichte, Fussballprofi zu werden. Der Preis dafür war eine historische Niederlage.
David Gadze
Einer der wenigen Schüsse, die Flavio Agosti bei der 3:11-Niederlage des FC St.Gallen gegen den FC Wil abwehren konnte. Insgesamt 16 Mal lief der Gossauer zwischen 2001 und 2004 für die «Espen» auf. (Bild: Keystone/Regina Kühne, 3. November 2002)

Einer der wenigen Schüsse, die Flavio Agosti bei der 3:11-Niederlage des FC St.Gallen gegen den FC Wil abwehren konnte. Insgesamt 16 Mal lief der Gossauer zwischen 2001 und 2004 für die «Espen» auf. (Bild: Keystone/Regina Kühne, 3. November 2002)

«Das war’s dann mit dem Fussball», sagt sich Flavio Agosti im Sommer 2001. Während fünf Jahren war er Stammspieler in der 1. Liga (heute Promotion League), er stand beim SC Brühl zwischen den Pfosten, beim FC Widnau, beim FC Kreuzlingen.

Doch sein Traum, Profifussballer zu werden, war nicht in Erfüllung gegangen. Mit 24 Jahren entschliesst er sich also, seine Karriere, die gar nie richtig begonnen hat, zu beenden. Er bucht eine sechsmonatige Reise nach Südafrika und plant ein Wirtschaftsstudium an der Fachhochschule. Dann ruft der FC St.Gallen an. «Und so kam alles anders.»

In jenem Sommer erinnern sich die Verantwortlichen des FCSG an den ehemaligen A-Junioren, der einst vom Nachwuchs des FC Gossau aufs Espenmoos gekommen war, aber zwecks Spielpraxis schon bald weiterzog. Sie bitten ihn, mit der Nachwuchsmannschaft zu trainieren, da sich der Torhüter verletzt habe. Agosti sagt zu. «Das Training konnte ja nicht schaden, um bis zur Abreise fit zu bleiben.»

Debakel statt Meistertitel

Flavio Agosti ist heute CEO des von ihm mitbegründeten Modelabels Rubirosa. (Bild: Benjamin Manser)

Flavio Agosti ist heute CEO des von ihm mitbegründeten Modelabels Rubirosa. (Bild: Benjamin Manser)

Kurze Zeit später fragen ihn die Verantwortlichen, ob er denn am Wochenende – St.Gallen spielt auswärts in Neuenburg – schon etwas vorhabe. Agosti antwortet, dass er mit einem Freund einen Städtetrip nach Barcelona unternehme und mit dem Fussball ohnehin aufhöre – doch warum überhaupt die Frage? «Da sagten sie mir, dass Jörg Stiel vor einem Wechsel zu Borussia Mönchengladbach steht und sie einen Ersatztorhüter brauchen.» So steigt Agosti zur Nummer zwei auf, Oliver Stöckli nimmt den Platz von Stiel ein. Im September kommt Agosti im Heimspiel gegen YB zu seinem ersten Einsatz im «Eins».

Ein Jahr später taumelt der FCSG durch die Saison. Im Heimspiel gegen Servette wechselt Interimstrainer Thomas Staub Oliver Stöckli in der Halbzeit aus. Fortan ist Agosti die neue Nummer eins. Dabei hätte er gar nicht mehr in St.Gallen sein sollen: Als Trainer Marcel Koller im Januar 2002 beim damaligen (und kommenden) Meister GC anheuert, will er den Goalie mitnehmen. Und dieser will mit:

«Als Kind war ich GC-Fan, und Roger Berbig war mein Idol.»

Der FCSG gibt Agosti aber nicht frei. Und so steht dieser auch an jenem denkwürdigen 3. November 2002 im Tor, als der FC St. Gallen beim FC Wil zum Kantonsderby antritt. Zu jenem Spiel, aus dem eine der bittersten Niederlagen der Klubgeschichte resultiert. Auf dem Bergholz geht der FCSG 3:11 unter – und das torreichste Spiel in der Nationalliga A seit dem Zweiten Weltkrieg um die Welt. Am nächsten Tag sei er mit Interviewanfragen bombardiert worden, erzählt Agosti, der bei einigen Treffern zwar schlecht aussah, aber nicht der Hauptschuldige am Debakel war:

«Es war völlig surreal. Ich hoffte nur noch auf den Schlusspfiff.»

Vom Goalie zum Boxer

In den folgenden Spielen zeigt der Goalie dann wieder sein Talent, doch als im Winter Heinz Peischl neuer Trainer wird und vom bankrotten FC Lugano Stefano Razzetti zu den «Espen» wechselt, ist Agosti nur noch die Nummer zwei. Nach weiteren eineinhalb Jahren als Ersatzgoalie winkt ihm im Sommer 2004 die Chance, beim Aufsteiger FC Schaffhausen Stammgoalie zu werden. So verlässt er den FCSG.

Doch in der Vorbereitung verletzt er sich und muss fortan hinter Marcel Herzog anstehen. Nach einer Saison beschliesst er, seine Karriere zu beenden. Die Verantwortlichen können ihn überreden, noch eine Saison anzuhängen – dank dem Zugeständnis, dass er nebenbei in einem 50-Prozent-Pensum arbeiten kann. Er sagt:

«Ich wollte mich auf die Rückkehr in die Berufswelt vorbereiten.»

Immerhin kommt er nochmals zu fünf Einsätzen, im Sommer 2006 ist aber definitiv Schluss.

Doch ein Sportkapitel fügt Agosti seiner Biografie noch hinzu: 2015 absolviert er einen Boxkampf, gibt aber in der zweiten Runde auf.

«Mein Gegner war viel besser. Mit 38 wollte ich mir die Prügel ersparen.»


Noch während der letzten Saison in Schaffhausen beginnt Agosti beim Institut für Jungunternehmen zu arbeiten, das Start-ups unterstützt. So wächst auch bei ihm der Wunsch, sich selbstständig zu machen.

2015 gründet er mit vier Freunden aus dem gemeinsamen Club Rubirosa, für den sie gelegentlich Kleidungsstücke herstellen lassen, das gleichnamige Luxus-Modelabel, das Schuhe und Accessoires für Männer produziert. Flavio Agosti ist CEO. Die Arbeit mache ihm viel Spass, sagt der heute 42-Jährige. Und doch: «Die Emotionen aus dem Fussball vermisse ich bis heute manchmal.»

FC St.Gallen – FC Lugano, Sa, 19 Uhr, Kybunpark; Matchtipp Flavio Agosti: 2:1

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