Evergreen: Zwischen Spielfeld und Schulzimmer

Wie viele der heutigen Spieler des FC St.Gallen war auch er einer der jungen Wilden und trainierte mit Ivan Zamorano: Claudio Besio. Ein Jahr nach der Matura wurde er Stammspieler - eine Saison lang. Heute ist er Sekundarlehrer - und hofft auf seine eigenen jungen Wilden.

David Gadze
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Zwischen 1990 und 1993 absolvierte Claudio Besio (rechts) – hier im Duell mit Hany Ramzy von Xamax – insgesamt 62 Spiele für den FC St.Gallen und schoss dabei neun Tore.

Zwischen 1990 und 1993 absolvierte Claudio Besio (rechts) – hier im Duell mit Hany Ramzy von Xamax – insgesamt 62 Spiele für den FC St.Gallen und schoss dabei neun Tore.

Bild: PD/Walter Büchler

Die jungen Wilden des FC St. Gallen begeistern derzeit die ganze Schweiz. Die Mannschaft spielt attraktiven Powerfussball und stellt die beste Offensive der Super League. Und seit vergangenem Wochenende steht sie auf dem ersten Platz der Tabelle.

Im September 1990 feierte im Match gegen den morgigen Gegner Servette Genf ein Spieler sein Début, der ebenfalls als junger Wilder in die Mannschaft der «Espen» drängte: Claudio Besio. Der Mittelfeldspieler war technisch versiert, ballsicher, dribbelstark und eine Bereicherung für die Offensive.

Als Schüler auf der Ersatzbank, die Mitschüler in der Fankurve

Claudio Besio kommt 1989 vom FC Uzwil, der damals in der 2. Liga (der vierthöchsten Liga) spielte, in den Nachwuchs des FCSG. Dort kann der 18-Jährige eine Saison lang sein Talent unter Beweis stellen, während er an der Kantonsschule am Burggraben die Matura macht. «Ab und zu musste ich nach dem Unterricht direkt ins Stadion fahren und sass bei den Profis auf der Ersatzbank, während meine Mitschüler in der Fankurve standen», erzählt er.

In der Saison 1990/91 schafft er den Sprung in die erste Mannschaft, in der mit Pascal Thüler und Christian Stübi auch andere junge Ostschweizer spielen. In der zehnten Runde kommt er zu seinem ersten Einsatz.

«Als Bub träumte ich davon, es in die erste Mannschaft des FC Uzwil zu schaffen, für den mein Vater schon spielte. Und plötzlich trainierte ich mit Ivan Zamorano, den anderen Chilenen und Schweizer Nationalspielern und stand im Espenmoos vor 10000 Zuschauern auf dem Rasen.»

Auf weitere Spiele muss er sich gedulden: Das Pfeiffersche Drüsenfieber setzt ihn monatelang ausser Gefecht.

Als Stammspieler etabliert

"Claudio Besio, ein Eigengewächs auf dem Sprung zum Stammplatz" - so heisst es auf der Titelseite des "Espen-Magazin" vor dem Heimspiel gegen Xamax im September 1991.

"Claudio Besio, ein Eigengewächs auf dem Sprung zum Stammplatz" - so heisst es auf der Titelseite des "Espen-Magazin" vor dem Heimspiel gegen Xamax im September 1991.

(Bild: PD)

In der Saison 1991/92 etabliert sich Besio unter Trainer Kurt Jara als Stammspieler. In der folgenden Spielzeit gerät der FC St.Gallen jedoch in sportliche und finanzielle Turbulenzen, die sich auch auf Besio auswirken. Nach dem Trainerwechsel von Heinz Bigler zu Leen Looijen verliert er seinen Stammplatz, und in der Winterpause reisst er sich das hintere Kreuzband und verpasst praktisch die ganze Auf-/Abstiegsrunde. Den Turbulenzen folgt der Absturz in die Nationalliga B. «Diese Mannschaft hätte niemals absteigen dürfen», sagt Besio. Die Unruhe im Umfeld – in zwei Jahren hatte der FCSG mit Jara, Bigler, Loojijen und Ernst Hasler vier Trainer beschäftigt – habe auf die Mannschaft abgefärbt. «Umgekehrt sieht man heute, was ein geschlossenes Führungsteam auslösen kann.»

Mit dem Abstieg endet Besios Zeit beim FC St.Gallen. Denn der finanziell angeschlagene Club kürzt das Budget und damit die Löhne der Spieler. Besio beginnt an der Pädagogischen Hochschule die Ausbildung zum Oberstufenlehrer – und wechselt zum FC Wil, wo er das Studium mit dem Fussball vereinbaren kann. «Beim FC St.Gallen wäre das nicht möglich gewesen.» Fünf Jahre lang spielt er für Wil in der Nationalliga B, ist Captain der Mannschaft und schliesst in dieser Zeit seine Ausbildung ab.

Halbprofi war keine Option

1998, als Präsident Andreas Hafen und Trainer Marcel Koller beim FC Wil das Halbprofitum einführen, verlässt Besio den Club und tritt die Stelle als Sekundarlehrer an der Oberstufe Flawil an. «Als Halbprofi hätte ich nicht als Lehrer arbeiten können, und gleichzeitig hätte ich zu wenig verdient, um nur Fussballer zu sein. Und für die Nationalliga-A-Clubs war ich nicht interessant.» Nach einer Saison beim FC Kreuzlingen in der 1. Liga (damals die dritthöchste Spielklasse) kehrt er 1999 zu seinem Stammverein FC Uzwil zurück, zuerst vier Jahre lang als Spielertrainer und schliesslich weitere zwei Jahre als Spieler, ehe er 2005 seine Aktivkarriere beendet. Dem Fussball bleibt Claudio Besio aber auch danach verbunden. Nachdem er 2014 die Schulleitung der Oberstufe Flawil, wo er bis heute arbeitet, nach zwölf Jahren abgibt, ist er bis im vergangenen Sommer Trainer der Regionalauswahl der U13 beim Ostschweizer Fussballverband. Schon während seiner Zeit beim FC Wil trainierte er zwei Jahre lang die Junioren des FC Uzwil.

Claudio Besio mit seinem 15-jährigen Sohn Alessio, der U16 von FCO spielt.

Claudio Besio mit seinem 15-jährigen Sohn Alessio, der U16 von FCO spielt.

(Bild: PD)

Mit seiner Frau Sandra, einer ehemaligen Nationalliga-A-Handballerin des LC Brühl und des TSV St.Otmar, und den beiden Kindern wohnt der 49-Jährige in Arnegg. Seine beiden Söhne Alessio (15) und Diego (13) spielen in der Nachwuchsorganisation Future Champs Ostschweiz – und hegen den Wunsch, dereinst wie ihr Vater für die erste Mannschaft des FC St.Gallen aufzulaufen. Mit einer nächsten Generation von jungen Wilden.

Eine Parallele soll es morgen jedoch nicht geben: Bei Claudio Besios Début verlor der FC St.Gallen gegen Servette 1:4.

FC St.Gallen - Servette Genf

Sonntag, 16 Uhr, Kybunpark

Matchtipp Claudio Besio: 3:2

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