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Richard Zambrano und das Ende des chilenischen Traums beim FC St.Gallen

Der Chilene Richard Zambrano sollte beim FC St.Gallen 1991 das Erbe seines Fast-Namensvetters Ivan Zamorano antreten. Nach einer Durststrecke wirbelte der Angreifer ein paar Wochen fast wie sein berühmter Vorgänger. Dann ging aber plötzlich gar nichts mehr. Erinnerungen seiner Ex-Trainer Kurt Jara und Heinz Bigler.

Daniel Walt
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«Für den FC St.Gallen beginnt nach der Ära Zamorano im kommenden Januar die Ära Zambrano.» Dieser Satz aus dem «Tagblatt» macht deutlich, welche Erwartungen ganz Fussball-St.Gallen Anfang 1991 in seinen neuen chilenischen Stürmer Richard Zambrano setzte. Nichts weniger als der legitime Nachfolger des wegtransferierten Top-Torjägers Ivan Zamorano sollte der damals 23-Jährige werden, der zeitgleich mit dem Holländer Pierre Blättler zu den Espen kam.

St.Gallens Neuzugänge Anfang 1991: Der Chilene Richard Zambrano (rechts) und der Holländer Pierre Blättler.

St.Gallens Neuzugänge Anfang 1991: Der Chilene Richard Zambrano (rechts) und der Holländer Pierre Blättler.

Bild: Archiv

Es war nicht weiter erstaunlich, dass sich der Anhang vom Neuzugang aus Südamerika ähnliche Wunderdinge erhoffte, wie sie Zamorano an der Seite von Hugo Rubio und Patricio Mardones in St.Gallen vollbracht hatte. Zambrano war ebenfalls ein Angreifer; Zambrano war ebenfalls Chilene und ebenfalls Nationalspieler. Zudem: Bloss ein einziger Buchstabe trennte Zambrano von seinem grossen Vorbild Zamorano, der im Sommer 1990 vom Espenmoos nach Spanien zum FC Sevilla gewechselt war.

Von «wendig, technisch begabt» bis «saft- und kraftlos»

«Natürlich kriegte Richard Zambrano die enorme Erwartungshaltung in St.Gallen mit. Und er setzte sich wohl auch selber stark unter Druck», sagt Kurt Jara. Der Österreicher war zu jener Zeit Cheftrainer des FC St.Gallen. Er leitete allerdings eine Mannschaft, die in vielerlei Hinsicht nichts mehr mit jenem Team zu tun hatte, das im goldenen St.Galler Herbst 1989 an die Tabellenspitze gestürmt, in der Rückrunde dann aber abgestürzt war. Nach dem Abgang ihres Top-Torjägers Zamorano hatten die St.Galler in der neuen Spielzeit prompt den Einzug in die Finalrunde verpasst. «Die Schatten des Zamorano-Deals» oder «Einen zweiten Zamorano sucht St.Gallen vergebens» – solcherlei war im Herbst 1990 in den Zeitungen über die Ostschweizer zu lesen.

Der Start von Richard Zambrano in der Ostschweiz Anfang 1991 verlief verheissungsvoll. Bereits im Trainingslager setzte er erste Duftmarken, und Trainer Jara lobte ihn damals als «vor dem Tor noch etwas verspielt», aber «wendig, technisch begabt». Gleich im ersten Match der Auf-/Abstiegsrunde, beim 3:0 in Chiasso, erzielte Zambrano seine ersten beiden Tore für den FCSG. Beinahe hätte er gar in Zamorano-Manier einen Hattrick innert sechs Minuten erzielt. Das «Tagblatt» schrieb:

«Zambrano hielt das spielerische Niveau von Rubio, einem der fleissigsten St.Galler, und von Cardozo problemlos.»

In der Folge lief es für den Chilenen nur noch bedingt nach Wunsch. Er erzielte bis zur Sicherung des Ligaerhalts Ende Saison zwar noch drei weitere Treffer, fand sich teils aber auf der Ersatzbank oder als überzähliger Ausländer auf der Tribüne wieder. Und er zog auch richtig schwache Spiele ein. So etwa beim 1:0-Heimsieg gegen Basel, als der «Blick» unter dem Titel «Raschle liess es rascheln – Zambrano mehr als zahm» von einem «saft- und kraftlosen» Auftritt des Chilenen schrieb.

Der verhinderte Zamorano: Richard Zambrano.

Der verhinderte Zamorano: Richard Zambrano.

Bild: Stadtarchiv St.Gallen

Die rote Karte im Hardturm und Kurt Jaras Ärger über die Südamerikaner

Neue Saison, neues Glück? Fehlanzeige. Der Auftakt zur Saison 1991/92 missriet dem FC St.Gallen gründlich. Nach einer 0:2-Heimniederlage gegen Lausanne gingen die Espen im Hardturm bei GC gleich mit 0:5 unter – und Zambrano sah in der 65. Minute nach einer Tätlichkeit an Ciriaco Sforza die rote Karte. Nach dieser Partie riss bei Trainer Kurt Jara der Geduldsfaden. Er polterte:

«Unsere jetzigen Ausländer sind lange nicht so gut, wie Zamorano und Rubio es waren.»

Vor allem die fremdsprachigen Spieler hätten die Niederlage nicht einmal so ernst genommen, kritisierte der Österreicher. Jara kündigte in der Folge an, künftig lieber einen einheimischen Spieler wie Claudio Besio einzusetzen. «Der bietet zwar nicht die gleiche Show, würde für die grün-weisse Farbe aber sogar Gras essen.» Zudem drohte Jara, künftig nur noch Deutsch zu sprechen. Wer seine Anweisungen nicht verstehe, sei weg vom Fenster.

Kurt Jara, Cheftrainer des FCSG zu Zamoranos und Zambranos Zeiten.

Kurt Jara, Cheftrainer des FCSG zu Zamoranos und Zambranos Zeiten.

Bild: Keystone

Im Rückblick, 30 Jahre später, äussert sich der Österreicher milder:

«Das Problem war, dass der Club zu viele Südamerikaner geholt hatte. Sie waren zu einer Clique geworden. Zambrano selbst war überhaupt kein Problemspieler.»

Jara hat Zambrano als technisch starken Angreifer in Erinnerung, der allerdings nicht so torgefährlich wie Ivan Zamorano gewesen sei.

Wie Heinz Bigler das Feuer beim FCSG und bei Zambrano entzündete

Weg vom Fenster waren schliesslich nicht die Südamerikaner beim FC St.Gallen, sondern Kurt Jara – und zwar rasch: Er wechselte im Herbst 1991 zum FC Zürich. Bei den Espen übernahm der Appenzeller Heinz Bigler, der bis dato als Nachwuchstrainer und Sportlehrer gearbeitet hatte. Bereits im ersten Spiel nach dem Trainerwechsel zeigte sich am 5. Oktober ein völlig verwandelter FC St.Gallen – und mit ihm ein Richard Zambrano, der förmlich aufblühte. Die Espen bezwangen vor über 9000 begeisterten Fans die Grasshoppers mit 2:0. Der Chilene holte im Direktduell mit dem Zürcher Goalie Martin Brunner den Elfmeter zum 1:0 heraus:

Bild: Archiv

Zudem schoss der Chilene den zweiten Treffer gegen die Hoppers gleich selber. Und da war er wieder, der Vergleich im «Tagblatt» zu seinem berühmten Vorgänger:

«Zambrano trennte diesmal nur ein Buchstabe vom Glanz seines berühmten Vorgängers.»
Heinz Bigler, ab Herbst 1991 für einige Monate Cheftrainer des FCSG.

Heinz Bigler, ab Herbst 1991 für einige Monate Cheftrainer des FCSG.

Bild: Keystone

«Ach ja, der Richie ...» Heinz Bigler ist hörbar erfreut, dass er am Telefon über die Zeit mit dem chilenischen Angreifer beim FC St.Gallen erzählen darf. In bester Erinnerung habe er ihn, auch wenn er immer via Dolmetscher mit ihm habe kommunizieren müssen. Zambrano war unter Bigler unbestrittener Stammspieler, und zwar ein erfolgreicher: Bis zur Winterpause liess der Südamerikaner zwei weitere Treffer folgen, überzeugte aber vor allem mit seiner Technik, der wirbligen Spielweise und viel Einsatzwille. Bigler hatte die taktischen Fesseln beim FC St.Gallen gelöst. Sein Erfolgsrezept lautete wie folgt: «Stürmer wie Zambrano und Bertelsen sind derart exzellente Fussballer, dass sie im Spiel machen sollen, was sie gerne tun.»

Als Richard Zambrano in der Vorbereitung auf die Rückrunde im Trainingslager in Chile vier Treffer in einer einzigen Partie erzielte und sagte, er wolle mit dem FCSG Meister werden, waren die meisten Fans überzeugt: Jetzt würde Zambrano so richtig durchstarten. Trainer Bigler liess sich damals wie folgt zitieren: «Er kann derzeit anstellen, was er will: Alles gelingt ihm. So, wie er momentan auftritt, ist damit zu rechnen, dass er seine Karriere bald in Italien oder Spanien fortsetzen wird. Besser kann ein Stürmer kaum spielen.»

Desaströse Rückrunde und Abschied im Sommer 1992

Der Rest der Geschichte ist den FCSG-Fans von damals nur allzu gut bekannt: Die Espen-Führung verpflichtete mit dem Chilenen Fabian Estay und dem Brasilianer Djair de Brito für die Rückrunde zwei weitere Südamerikaner. Insbesondere der Zuzug von Djair liess das unter Heinz Bigler so erfrischend und erfolgreich aufspielende, aber nach wie vor fragile FCSG-Ensemble auseinanderbrechen. Bigler und der Vorstand gerieten übers Kreuz, weil der Trainer aus Systemgründen nicht auf Djair setzen wollte. Der aufmüpfige und bei den Fans äusserst beliebte Erfolgstrainer musste gehen – und der Rest der Finalrunde wurde zu einem Desaster für die Ostschweizer.

Insbesondere Richard Zambrano brachte nach Heinz Biglers Weggang keinen Fuss mehr vor den anderen. Tief enttäuscht von den Ereignissen verliess der Chilene die Ostschweiz im Sommer 1992 und ging zurück nach Südamerika.

Bild: Archiv

Der letzte Chilene für lange Zeit

«Zambrano litt als sensibler Spieler, der viel Wärme brauchte, stark unter den Problemen, die sich während der Finalrunde ergeben hatten», blickt Heinz Bigler auf die turbulenten Monate zurück. Er sieht in den damaligen Entwicklungen den Hauptgrund, weshalb Zambrano den grossen Durchbruch in der Ostschweiz letztlich nicht schaffte:

«Die Psyche von Fussballern wird oftmals zu wenig beachtet. Wenn es im Umfeld nicht stimmt, kann die Leistung stark leiden.»

Es müsse vieles zusammenpassen – vom Trainer bis hin zum Umfeld –, damit ein Spieler eine grosse Karriere hinlegen könne, so Heinz Bigler weiter. Insbesondere Geldgeber schauen laut dem Appenzeller oftmals nicht darauf, wo es für einen Spieler am besten passen würde. Wichtig sei für sie vor allem, bei welchem Club der grösste Profit herausschaue.

Richard Zambrano setzte seine Karriere in Mexiko und Chile fort. Von einer Weltkarriere, wie sie sein Fast-Namensvetter Ivan Zamorano vom Espenmoos aus startete, trennte Zambrano letztlich viel mehr als nur ein einziger Buchstabe. Und der FC St.Gallen? Nach Zambranos Abgang war der chilenische Traum für die Ostschweizer definitiv ausgeträumt. Bis zur Verpflichtung von Julio Lopez Anfang 2005 sollten die Ostschweizer für viele Jahre keinen Chilenen mehr unter Vertrag nehmen.