Evergreen: Günter Nasdalla spielte für den FC St.Gallen statt für Bayern München

In den 1970er-Jahren ging Günter Nasdalla für den FC St.Gallen auf Torejagd. Dabei stand der Stürmer wenige Jahre zuvor noch beim FC Bayern München unter Vertrag – und verliess diesen gegen den Willen des Clubs.

David Gadze
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Günter Nasdalla (links) in seinem einzigen Spiel für den FC Bayern München beim 0:0 gegen Fortuna Düsseldorf. (Bild: Imago/27. August 1966)

Günter Nasdalla (links) in seinem einzigen Spiel für den FC Bayern München beim 0:0 gegen Fortuna Düsseldorf. (Bild: Imago/27. August 1966)

Zwischen 1968 und 1979 dominierten zwei Vereine den deutschen Fussball und gewannen alle Meistertitel: Der FC Bayern München und Borussia Mönchengladbach. Genau in dieser Zeit spielte Günter Nasdalla während fünf Jahren beim FC St.Gallen. Dabei stand er bis 1967 selbst noch beim FC Bayern unter Vertrag, und davor hätte er auch zu den «Fohlen» nach Gladbach gehen können. Doch in seiner Karriere stand er mehrmals am Wendepunkt und traf nach eigener Aussage die eine oder andere falsche Entscheidung, die ihn womöglich eine grosse Karriere kostete.

Aus der DDR geflüchtet

Nasdalla wird 1945, einen Monat nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, in Weisswasser geboren, einer ostdeutschen Stadt an der Grenze zu Polen. 1953, nach der gewaltsamen Niederschlagung des Aufstands des 17. Juni durch sowjetische Truppen, flieht die fünfköpfige Familie aus der DDR nach Westdeutschland und lässt ihr ganzes Hab und Gut zurück. Über Berlin und Hamburg gelangt sie nach Kierdorf bei Köln. Mit zehn Jahren beginnt Nasdalla bei Viktoria Köln mit dem Fussballspielen. Samstags begleitet er seinen fünf Jahre älteren Bruder Dieter an die Trainings. Eines Tages meint der Trainer, ein gewisser Hennes Weisweiler, Günter solle doch nächstes Mal seine Fussballschuhe mitbringen. Ab dann trainiert der damals 14-Jährige mit den Profis. Dafür macht er die Lehre in der Autowerkstatt des Präsidenten statt der geplanten kaufmännischen Ausbildung.

Als Weisweiler 1964 zu Borussia Mönchengladbach geht, wo er die legendäre «Fohlen-Elf» formt, mit der er drei deutsche Meisterschaften und den Uefa-Pokal gewinnt, will er die Nasdalla-Brüder mitnehmen. Dieter sagt jedoch ab. Und der knapp 19-jährige Günter schlägt das Angebot ebenfalls aus. «Ich war noch nie weg und hatte erst vor kurzem meinen ersten Profivertrag unterschrieben.» Mit seinen Toren für Viktoria Köln in der Regionalliga – damals die zweithöchste Spielklasse – macht der Stürmer jedoch auch andere Vereine auf sich aufmerksam. So verpflichtet ihn 1966 der FC Bayern München, der ein Jahr zuvor in die 1963 gegründete Bundesliga aufgestiegen ist. Weisweiler habe das nie verstanden, erzählt Nasdalla. «Du wolltest mich nicht ins 50 Kilometer entfernte Mönchengladbach begleiten, und ein Jahr später gehst du 500 Kilometer nach München?», habe er ihn später mal gefragt.

Auf die Chance beim FC Bayern nicht gewartet

In der 2. Runde gegen Fortuna Düsseldorf kommt Nasdalla zu seinem ersten Einsatz, an der Seite von Grössen wie Sepp Maier, Franz Beckenbauer oder Gerd Müller sowie des späteren FCSG-Spielers Rudi Nafziger. Die Bayern gewinnen in jener Saison den Pokal der Pokalsieger – ihren ersten europäischen Titel überhaupt – und den deutschen Cup. Für Nasdalla bleibt es jedoch bei diesem einen Spiel. An den Stammspielern kommt er nicht vorbei und Spielerwechsel während eines Matchs sind damals noch nicht erlaubt. So entschliesst er sich nach einem Jahr, die Bayern trotz eines Dreijahresvertrags und gegen den Willen von Manager Robert Schwan wieder zu verlassen. «Er sagte mir, ich solle bleiben, ich sei jung und meine Zeit würde noch kommen.»

Doch Nasdalla wechselt – auch wegen seiner Frau, die in Köln geblieben ist – zu Absteiger Fortuna Düsseldorf. In der Regionalliga spielt und trifft er zwar wieder regelmässig, doch den Wechsel bezeichnet er rückblickend als Fehler: «Ich hätte geduldiger sein müssen.» Denn plötzlich interessiert sich kein Club mehr für den 22-Jährigen, auch bei der Fortuna ist seine Zukunft ungewiss.

«Ich war am Boden – und wusste selbst nicht warum.»

Da er keinen Manager hat, nimmt er auch keinen Kontakt zu Robert Schwan oder Hennes Weisweiler auf. «Ich musste darum betteln, um bei der drittklassigen Fortuna Köln spielen zu dürfen.»

Dank Fritz Rafreider zum FC St. Gallen

Seine Karriere droht zu enden, ehe ihn 1969 Schwarz-Weiss Bregenz kauft. Dort ist er kurze Zeit mit Fritz Rafreider im Team, ehe sich dieser dem FC St. Gallen anschliesst. Rafreider ist es schliesslich auch, der zwei Jahre später Nasdalla den Verantwortlichen empfiehlt, als sie auf der Suche nach einem Stürmer sind. Um den Transfer zu finanzieren, bildet sich laut Nasdalla eigens ein Gönnerclub. So landet Nasdalla 1971 beim FCSG. Fünf Jahre lang bleibt er den «Espen» treu, macht über 100 Spiele. Auch dank seiner Tore hält sich der Club mehr oder weniger souverän in der Nationalliga A.

Der ehemalige FCSG-Stürmer Günter Nasdalla lebt und arbeitet heute in Belgien. (Bild: PD)

Der ehemalige FCSG-Stürmer Günter Nasdalla lebt und arbeitet heute in Belgien.
(Bild: PD)

Doch als sein Vertrag 1976 ausläuft und die Verantwortlichen nicht signalisieren, ihn verlängern zu wollen, macht sich der 30-Jährige auf den Weg nach Belgien, um bei Club Brügge zu unterschreiben. Bei seiner Ankunft erfährt er, dass der Vorstand gegen den Willen von Trainer Ernst Happel einen anderen Spieler verpflichtet hat. Nasdalla nimmt kurzerhand Kontakt auf zum Lokalrivalen Cercle Brügge – und unterschreibt dort. Im Derby schiesst er prompt beide Tore zum 2:2-Unentschieden. Nach zwei Jahren wechselt er in die zweithöchste Liga zu KV Ostende, ehe er seine Karriere ab 1979 während vier Saisons beim Amateurclub SV Boelare Eeklo als Spielertrainer ausklingen lässt.

Danach trainiert Nasdalla ein paar andere Vereine – unter anderem den Beerschot VAC aus Antwerpen in der höchsten Liga –, gibt den Trainerjob aber Ende der 1980er-Jahre auf. Anschliessend arbeitet er als Handelsvertreter in der Beleuchtungsbranche, später baut er für deutsche und österreichische Firmen Standorte in Belgien auf. Heute ist er – zusammen mit seinem 31-jährigen Sohn – selbstständig. Zur Ruhe setzen will sich der 73-Jährige nicht. Und bis heute spielt er Hallenfussball, immer noch als Stürmer. «Ich halte noch gut mit, aber dribbeln ist schwierig. Und die Puste geht mir schneller aus.»

In Belgien die zweite Heimat gefunden

In Belgien findet Nasdalla auch sein privates Glück. In Brügge lernt er seine zweite Frau kennen, mit der er immer noch dort lebt. «Hätte ich sie früher getroffen, wäre meine Karriere vielleicht anders verlaufen», sagt er. Sie habe ihn immer angetrieben. Der Ehrgeiz, um ganz nach oben zu kommen, habe ihm wohl gefehlt.

An sein Engagement beim FC St. Gallen denkt Nasdalla gerne zurück. Bei keinem anderen Club stand er so lange unter Vertrag, für keinen anderen absolvierte er mehr Spiele. «Es war eine wundervolle Zeit, vielleicht die schönste in meiner Karriere», sagt er rückblickend. Zwar verfolgt er den Schweizer Fussball nur noch am Rande, doch als der FCSG im September 2014 in den «Club of Pioneers», die Vereinigung der ältesten Clubs jedes Landes, aufgenommen wurde, war er im Kybunpark.

FC St. Gallen – FC Luzern

Samstag, 19 Uhr, Kybunpark;
Matchtipp Günter Nasdalla: 2:1