Evergreen: Hanspeter Zwicker, der George Best der Schweiz

Hanspeter Zwicker war einer der talentiertesten Fussballer, der aus dem FC St.Gallen
hervorgegangen ist. Seine Sensibilität stand seiner Begabung jedoch im Weg.

Fredi Kurth
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Hanspeter Zwicker (rechts) im Duell mit Rainer Hasler, in einem Spiel des FC Zürich gegen Xamax in Neuenburg. (Bild: Walter L. Keller/RDB (1985))

Hanspeter Zwicker (rechts) im Duell mit Rainer Hasler, in einem Spiel des FC Zürich gegen Xamax in Neuenburg. (Bild: Walter L. Keller/RDB (1985))

Hanspeter Zwicker hat schon vor einiger Zeit Abstand vom Fussball genommen. «Ich habe absolut kein Interesse an der Öffentlichkeit. Ich mag auch keine ‹ehemaligen Geschichten›. Ich lebe immer noch. Der Fussballer Zwicker ist tot – lassen wir ihn in Frieden ruhen», hat er uns mitgeteilt. Einem Gespräch für den «Evergreen» mochte er sich deshalb nicht mehr stellen. Doch es gibt Akteure, die in einer Serie über verdiente Fussballer des FC St.Gallen nicht fehlen dürfen.

Auf Zwicker zu verzichten, wäre vergleichbar mit einer Serie über Manchester-United-Helden, in der George Best fehlen würde. Verfehlte Gegenüberstellung? Bests Lebenslauf mochte noch exzentrischer gewesen sein. Doch Zwicker schaffte es in einem «Blick»-Artikel immerhin, in gleichem Atemzug mit Paul Gascoigne, Tony Adams, Socrates, Didi Hamann und eben George Best erwähnt zu werden, die alle schon während ihrer Aktivzeit Alkoholprobleme hatten.

Zwickers Umweg über das Krontal

Zudem interessieren in der Rubrik «Evergreen», sozusagen der Friedhof des FC St. Gallen, vor allem die Fussballer – besonders, wenn sie aus dem eigenen Nachwuchs stammen und danach eine insgesamt beachtliche Karriere hinlegten. Das mit dem «eigenen Nachwuchs» fühlt sich allerdings aus Espenmoos-Optik etwas peinlich an: Die damalige Juniorenleitung gab den jungen Hampi im Alter von 16 Jahren an den Lokalrivalen SC Brühl ab. Nur ein Jahr später, 1977, wurde das unverkennbare Talent Profi beim FC Zürich. Die damals kolportierte Transfersumme von rund 100'000 Franken floss aufs Krontal. Der rasante Flügelstürmer bedankte sich schon in einem seiner ersten Spiele auf dem Espenmoos mit einer Glanzleistung und einem seiner 45 Tore, die er in 127 Spielen für den FC Zürich erzielte.

Passend zu seinen Dribblings verlief auch die Laufbahn kurvenreich, beeinträchtigt durch einen für einen Spitzensportler etwas unseriösen Lebenswandel. Von ausschweifenden Partynächten war die Rede, von Nikotin- und Alkoholkonsum, weshalb auf Formhochs längere Dellen folgten. Sie verhinderten vielleicht eine noch imposantere Laufbahn als eine mit 25 Länderspielen und einem Tor. Zwicker sagte einst: «Ich war unberechenbar. Auf und neben dem Platz». An der Statistik ist derlei nicht abzulesen.

Der FC Zürich zählte während sechs Jahren auf ihn. Auch die vier Jahre beim FC St. Gallen nach einem Zwischenjahr in Lausanne lassen auf eine stabile Phase schliessen: Mit 27 Toren in 74 Spielen erreichte Zwicker bei seinem Stammverein eine noch höhere Durchschnittsquote als in Zürich. Hier hatte er seine beste Zeit, als ihn Trainer Helmuth Johannsen unter die Fittiche nahm. Der eiserne Deutsche kitzelte aus Zwickers Körper optimale physische Kraft – Zwicker bedankte sich mit seinem Talent und hatte wesentlichen Anteil an der Uefa-Cup-Qualifikation und Spielen gegen Inter Mailand. In diesen stand dann bereits Werner Olk als Coach an der Seitenlinie, dessen Training der Flügelflitzer als angenehmer empfand.

Nach der Karriere eine schwierige Zeit

«Angepasst wollte ich gar nicht sein», sagte Zwicker 2007 in einem Gespräch mit dem «Tages-Anzeiger», als er noch Auskunft gab. Zwicker, der gewollte Rebell oder doch eher der sensible Ballartist mit sozialer Ader? Oder beides? Bekannt ist, dass sein Engagement im Pestalozzi-Dorf vor einiger Zeit zu Ende ging und er eine Fitnessberatung eröffnete. Der Fussballer Zwicker ist tot – der Mensch Zwicker lebt. Möge es ihm gutgehen.