Evergreen: Bei Aziz Bouderbala war Fussball nicht Sport, sondern Kunst

1994 holte der FC St.Gallen Aziz Bouderbala aus der Fussballrente zurück. Mit Erfolg: Auch dank des marokkanischen Ballkünstlers stiegen die «Espen» wieder in die Nationalliga A auf. An seine Glanzzeiten beim FC Sion, als er in den 1980er-Jahren die ganze Fussballschweiz verzückte, konnte er jedoch nicht mehr anknüpfen. 

David Gadze
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Von Januar 1994 bis Juni 1995 absolvierte Aziz Bouderbala 44 Spiele für den FC St.Gallen. (Bild: PD/Stadtarchiv St.Gallen)

Von Januar 1994 bis Juni 1995 absolvierte Aziz Bouderbala 44 Spiele für den
FC St.Gallen. (Bild: PD/Stadtarchiv St.Gallen)

Als Kind habe er nicht davon geträumt, Fussballer zu werden.

«Als ich 13 Jahre alt war, liebte ich die Musik und das Theater.» 

Sein Traum sei gewesen, Musiker oder Musikprofessor zu werden. Während vier Jahren habe er eine professionelle Musikausbildung gehabt und die Laute gespielt, erzählt Abdelaziz El Idrissi Bouderbala am Telefon.

«Musik» auf dem Rasen

Für die Musik sorgte Aziz Bouderbala aber schliesslich auf den Fussballplätzen. Dabei sei er «durch Zufall» Fussballprofi geworden, erzählt der Marokkaner. Eine richtige fussballerische Ausbildung habe er nie gehabt. Er sei ein Strassenfussballer gewesen, als er mit 17 Jahren zum Rekordmeister Wydad Casablanca gekommen sei.

Keine zwei Jahre später ist er Nationalspieler. Und entwickelt sich zu einem der beliebtesten Fussballer Marokkos, ja ganz Afrikas. Die «Löwen vom Atlas» erreichen an der WM 1986 als Gruppensieger die Achtelfinals – als erste afrikanische Mannschaft überhaupt. Dort unterliegen sie dem späteren Finalisten Deutschland erst nach einem Gegentor in der 88. Minute. Bei der Wahl zu Afrikas Fussballer des Jahres kommt der «König des Maghreb» auf den zweiten Platz.

Der Rasen als Bühne

Die FCSG-Autogrammkarte von Aziz Bouderbala aus der Saison 199/94 (Bild: PD/Stadtarchiv St. Gallen)

Die FCSG-Autogrammkarte von Aziz Bouderbala aus der Saison 199/94
(Bild: PD/Stadtarchiv St. Gallen)

Bouderbala war ein Spektakelfussballer. Mit seiner spielerischen Eleganz, seinen tödlichen Pässen aus dem Mittelfeld, seinen präzisen Flanken und den raffinierten Freistössen verzauberte er während seiner Zeit beim FC Sion von 1984 bis 1988 die ganze Fussballschweiz.

Der Rasen war seine Bühne, auf welcher er seine Gegenspieler regelmässig zu Statisten degradierte. Als der Rasenkünstler im Winter 1994 zum FC St. Gallen stiess, hatte er zwar von seiner einstigen Unwiderstehlichkeit eingebüsst. Und doch verzückte er auch die Ostschweizer Fans. «Aziz Bouderbala, o-o-ooh-ooh-ooh», schallte es zur Melodie von «Vamos a la playa» durchs Espenmoos.

Er habe schon früher Angebote aus Europa bekommen, erzählt Bouderbala. 1981, als er 20 Jahre alt ist, lädt ihn Inter Mailand ein, mit dem Team an der Coppa Super Clubs teilzunehmen, einem internationalen Turnier. Doch da der marokkanische Verband Spielern damals Wechsel ins Ausland vor dem 28. Lebensjahr untersagt, sei der Transfer nicht zu Stande gekommen. Bouderbalas Pech ist das Glück des FC Sion: Als die Walliser 1983 im Trainingslager in Marokko weilen, entdeckt Präsident André Louisier den Ballzauberer und verpflichtet ihn für die kommende Saison. Der Verband habe ihm die Freigabe erteilt – und anschliessend die Regel geändert.

Ein unschönes Ende der Liaison mit Sion

Im Wallis findet Bouderbala nicht nur sein sportliches, sondern auch sein privates Glück: Dort lernt er seine Frau kennen, mit der er heute in Casablanca lebt. Zwei seiner drei Söhne sind dort geboren und aufgewachsen. Auch heute noch sei er regelmässig in der Schweiz: Einer seiner Söhne arbeitet in Lausanne, die anderen leben in Lyon.

Auch nach der WM 1986, die ihn ins internationale Schaufenster rückt, bleibt Bouderbala beim FC Sion. Atlético Madird habe ihn verpflichten wollen, erzählt er. Sion weigert sich aber, ihn ziehen zu lassen. Und Bouderbala respektiert seinen Vertrag.

«André Louisier war wie ein Vater für mich.»

Dennoch geht die Liaison eineinhalb Jahre später unschön in die Brüche, mediale Schlammschlacht inklusive. Der Grund für das Zerwürfnis: Bouderbala lässt sich in Frankreich ohne Wissen des Clubs an der Bauchdecke operieren und kehrt zur Regeneration in seine Heimat zurück.

Erfolgreiche, aber nicht immer einfache Zeit in der Ostschweiz

Bouderbala geht zu Racing Club Paris und später zu Olympique Lyon und zum portugiesischen Club Estoril, wo er 1993 seine Karriere beendet. Der FC St.Gallen holt ihn für die Mission Wiederaufstieg im Winter 1994 jedoch aus der Rente zurück – mit Erfolg. Die eineinhalb Jahre in der Ostschweiz seien «sehr schön» gewesen, sagt er. Doch mit Trainer Uwe Rapolder hat er seine Probleme und spielt am Ende nur noch selten. Nach einer weiteren Saison bei Wydad Casablanca beendet er 1996 seine Karriere.

Aziz Bouderbala heute. (Bild: PD)

Aziz Bouderbala heute.
(Bild: PD)

Vom Fussball hat der heute 59-Jährige aber immer noch nicht genug. Er war unter anderem Assistenztrainer bei Wydad und Sportdirektor der Nationalmannschaft. Ausserdem spielte er in einer marokkanischen Fernsehserie mit und war Chef der TV-Sendung «Pied d'or», einer Castingshow für Fussballtalente.

Heute ist er bei Renaissance Sportive Berkane verantwortlich für die Jugendmannschaften. Die grüne Bühne, sie fasziniert ihn immer noch.

FC St.Gallen – FC Sion

Samstag, 19 Uhr, Kybunpark;
Matchtipp Aziz Bouderbala: 2:2