«Es war Liebe auf den ersten Blick»: Sylvia und Hans Wespi aus Gossau sind seit 70 Jahren verheiratet

Sylvia und Hans Wespi feiern am Dienstag Gnadenhochzeit. Sie wohnen noch immer in der eigenen Wohnung in Gossau.

Melissa Müller
Drucken
Teilen
Seit über sieben Jahrzehnten Seite an Seite: Sylvia und Hans Wespi, 94- und 93-jährig. (Bild: Urs Bucher)

Seit über sieben Jahrzehnten Seite an Seite: Sylvia und Hans Wespi, 94- und 93-jährig. (Bild: Urs Bucher)

Drei rote Baccara-Rosen blühen auf dem Stubentisch, ein Geschenk ihres Sohnes. Sylvia und Hans Wespi können am Dienstag ihren 70. Hochzeitstag feiern – ihre Gnadenhochzeit. Fast ebenso lang haben sie das «St.Galler Tagblatt» abonniert. «Früher war es besser», finden der 93-Jährige und die 94-Jährige. Es sei «nüme schön», was auf der Welt passiere. In ihrem Block beim Gossauer Bahnhof wohne ein Paar aus Syrien, nette Leute, die seien aus dem Krieg geflohen.

In der Stube schlägt die Pendeluhr über dem antiken Radio zu Mittag. Hans Wespi brutzelt eine Fertigrösti mit Spiegelei, während sich seine Frau Sylvia um den Salat kümmert. Vom Küchenfenster aus können sie Passagiere beobachten, die auf dem Perron auf den Zug warten. «Das ist spannend», sagt Hans Wespi, gebückte Haltung, frisch gebügeltes Hemd, lebhafte Augen hinter der Brille. Seine Frau tastet sich durch die Küche, stützt sich an ihrem Mann ab. «Meine Beine mögen nicht mehr.»

Der Mann putzt, wäscht und kocht

Die Drei-Zimmer-Wohnung, mit Perserteppichen und vielen Kruzifixen ausstaffiert, ist penibel aufgeräumt. Der katholische Glaube verbindet Sylvia und Hans Wespi. Manchmal schauen sie die Messe am Fernsehen. «Der Herrgott hilft uns.»

Einmal in der Woche kommt eine Haushaltshilfe. In der restlichen Zeit putzt und wäscht Hans Wespi und kauft ein. «Er nimmt es sehr genau», sagt seine Gattin. «Der ganze Haushalt hängt an ihm.»

Sie gehen liebevoll miteinander um, kümmern sich umeinander. Jeden Morgen legt er ihr die Medikamente bereit. «Ohne meinen Mann würde es nicht gehen», sagt sie. «Wenn er vor mir geht, muss ich ins Altersheim.» Ins Altersheim will Hans Wespi auf keinen Fall: «Wir wollen beinander sein. Und zu Hause sterben, nicht im Spital», sagt er.

Auf dem Bauernhof kennen gelernt

Kennen gelernt haben sie sich im Weiler Stolzenberg bei Uzwil, wo Sylvia Wespi auf einem Bauernhof aufwuchs. Dort half der damals 20-jährige Uzwiler Hans Wespi aus. «Mer hett die Frau aifach gfalle», sagt Hans Wespi. «So ein sympathisches Fräulein. Es war Liebe auf den ersten Blick.» Sylvia Wespi schmunzelt. «Hans schien mir sehr seriös», sagt sie. Drei Jahre später läuteten in Bichwil die Hochzeitsglocken, ein Jahr später kam Sohn Hanspeter auf die Welt. Dann folgten Bruno, Marianne und 13 Jahre später Yvonne. «Dieses Kind hat uns oft aufgestellt und zum Lachen gebracht», sagt Sylvia Wespi. «Es hat sich einfach alles so ergeben», sagt Hans Wespi. 

«Wir haben gewusst, dass wir zusammengehören.»

Ein Auto besassen sie nie – «dafür hatten wir kein Geld.» Ferien ins Tessin gab es erst in den späteren Jahren, als die Kinder schon erwachsen waren. «Wir gehören zu einer Generation, die noch zu sparen gelernt hat», sagt Hans Wespi, der in einer Strumpffabrik arbeitete. 1953 wurde er von der Textil­firma, die auch Pullover und Jacken für die Armee herstellte, in eine Fabrik ins Welschland versetzt. Also zog die Familie nach Renens bei Lausanne.

Dort wohnten damals viele andere Deutschschweizer, die unter sich blieben. «Ich habe nie richtig gut Französisch gelernt, konnte den Kindern bei den Hausaufgaben nicht helfen», sagt Silvia Wespi, die sich um Haushalt und Erziehung kümmerte und die Familie mit Gemüse aus dem eigenen Garten ernährte. Auch ihr Mann sagt: 

«Ein richtiger Franzose ist aus mir nicht geworden.»

Nach der Pensionierung zog es das Ehepaar zurück in die Ostschweiz. Nach Gossau. Die Kinder blieben in der Romandie. Der älteste Sohn sei leider schon gestorben. Hans Wespi arbeitete nach der Pensionierung noch einige Jahre als Gärtner im Park einer Gossauer Ärztevilla. «Schnurgerade habe ich die Hecken geschnitten», sagt er, stolz auf seine Präzision. «Wenn die Besitzer in den Ferien waren, liessen sie uns in der Villa wohnen.» Eine tolle Zeit sei das gewesen.

Die Wespis verstehen nicht, dass sich heute so viele Menschen scheiden lassen. «Das ist keine gute Mode», meint er. Ein Patentrezept für ihre lange Ehe? «Wir hatten immer Achtung voreinander», sagt Sylvia Wespi. Er ergänzt: «Meine Frau hat nie ein Schimpfwort von mir ­gehört.»